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Putins Balkan-Strategie entlarvt: Nach heftigem Kosovo-Zwischenfall – Moskau „unterstützt Serbien absolut“

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Von: Patrick Mayer

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Der Konflikt zwischen Serbien und dem Kosovo spitzt sich zu. Während die EU deeskalieren will, schürt Russland die Krise weiter an. Ein Balkan-Experte warnt vor einem Krieg.

München/Mitrovica/Belgrad - Er strebe eine „Serbische Welt“ auf dem Westbalkan an, schreibt die taz in einem Kommentar über Aleksandar Vucic. Mithilfe der Republika Srpska und Milorad Dodic wolle er Bosnien-Herzegowina destabilisieren, erklären andere politische Beobachter. Dodic ist der serbisch-stämmige Vertreter in der Präsidentschaft Bosniens und hegt unverhohlen Abspaltungsgedanken für eine der beiden Teilrepubliken. Es ist nicht der einzige Konfliktherd.

Serbien-Kosovo-Konflikt auf dem Westbalkan: Russland stellt sich auf die Seite Belgrads

Dass zuerst 1999 der Kosovo und 2006 auch noch Montenegro von Serbien unabhängig wurden, soll dem heutigen serbischen Präsidenten Vucic zudem überhaupt nicht passen. Der 52-Jährige gilt als enger Vertrauter des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Das jüngste Beispiel ihrer Verbundenheit bietet der aktuelle Grenz-Zwischenfall im fragilen Kosovo, wo am Sonntag (31. Juli) mutmaßlich militante Serben Zugangsstraßen mit Baumaschinen blockiert hatten. Und wo es sogar Schüsse auf albanisch-kosovarische Polizisten gegeben haben soll.

Russland versicherte dem befreundeten Serbien nun einmal mehr Rückhalt. „Wir unterstützen Serbien absolut“, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow laut der Agentur Interfax in Moskau: „Wir unterstützen die friedliche und konstruktive Position Belgrads in diesem Zusammenhang.“ Neue Reiseregeln für im Kosovo lebende Serben, die am Wochenende zu schweren Spannungen geführt hatten, bezeichnete der Kremlsprecher als „absolut unberechtigte Forderungen“ von kosovarischer Seite. Obwohl die serbische Seite dasselbe von albanischen Kosovaren verlangt.

Wir unterstützen Serbien absolut.

Kremlsprecher Dmitri Peskow

Serbien-Kosovo-Konflikt: Streit auf dem Westbalkan eskaliert - internationale KFOR-Truppen vor Ort

Nach den militanten Zwischenfällen hatte die kosovarische Regierung in Pristina nach Gesprächen mit „unseren US-amerikanischen Partnern“ die neuen Regelungen, die eigentlich am Montag (1. August) in Kraft treten sollten, (vorerst) um einen Monat auf Anfang September verschoben.

Die Vorschriften hätten unter anderem vorgesehen, dass an den Grenzübergängen keine serbischen Personaldokumente mehr anerkannt werden. Einreisende Serben hätten dann ein vorübergehendes Ausweisdokument mit sich führen müssen - für die Dauer des Aufenthalts. Als Reaktion darauf kam es nicht nur zu Barrikaden. Auch Schüsse in Richtung kosovarischer Polizisten sollen gefallen sein.

Konfliktherd Kosovo: Italienische Carabinieri der internationalen KFOR-Polizei sichern eine symbolisch wichtige Brücke über den Ibar in Mitrovica.
Konfliktherd Kosovo: Italienische Carabinieri der internationalen KFOR-Polizei sichern eine symbolisch wichtige Brücke über den Ibar in Mitrovica. © IMAGO/Valdrin Xhemaj/PIXSELL

Die Friedenstruppe KFOR, die seit dem Ende des Kosovokriegs im Sommer 1999 in dem kleinen Land mit seinen rund 1,8 Millionen Einwohnern stationiert ist, erhöhte daraufhin ihre Präsenz an besonders heiklen Punkten. So patroullierten zum Beispiel italienische KFOR-Polizisten der Carabinieri in der geteilten Stadt Mitrovica an der Brücke über den Irba.

Aktuell haben 40 Staaten der Nato-geführten Friedensmission etwas weniger als 4000 Soldaten und Polizisten in dem kleinen Westbalkan-Land stationiert. Darunter sind rund 70 deutsche Bundeswehr-Soldaten. Die Europäische Union (EU) bot indes eine Vermittlung an.

Kosovo auf dem Westbalkan: Albanische Mehrheit, serbischer Einfluss

Kosovo auf dem Westbalkan
Amtssprachen:Albanisch und Serbisch
Hauptstadt:Pristina
Einwohner insgesamt:ca. 1,8 Millionen
Anteil Kosovo-Albaner:geschätzt 88 bis 92 Prozent
Anteil Serben:geschätzt 5 bis 7 Prozent
Einwohner Pristina:geschätzt 145.000

Quellen: Militärgeschichtliche Forschungsamt (MGFA) der Bundeswehr, OSZE; Anmerkung: Es handelt sich um Schätzungen, die seit Jahren nicht aktualisiert wurden.

Moskau tritt in dieser hitzigen Gemengelage erneut als vermeintlicher Schutzpatron Belgrads in Erscheinung. Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine hatte es im rund sieben Millionen Einwohner zählenden Serbien Sympathiebekundungen mit Kreml-Chef Putin gegeben. Die serbische Regierung trägt die internationalen Sanktionen gegen Russland nicht mit und betont seine Neutralität.

Russland und Serbien: Moskau steht seit 1914 an der Seite Belgrads - bis heute

Die engen Beziehungen reichen bis tief in die Geschichte. Im ersten Balkankrieg 1912 erkämpfte sich Serbien seine Unabhängigkeit vom damaligen Osmanischen Reich (heutige Türkei). Eine drohende Invasion Russlands über den Kaukasus verursachte ein zögerliches Agieren der Osmanen, was zur Niederlage gegen Serbien, Bulgarien, Griechenland und Montenegro beitrug. Und als schließlich am 28. Juli 1914 Österreich-Ungarn dem Königreich Serbien den Krieg erklärt hatte, trat wenige Tage später Russland an der Seite Belgrads in den Ersten Weltkrieg ein.

„Kosovo ist Serbien“ steht auf einem Wandbild in Belgrad, das auch den russischen Präsidenten Wladimir Putin zeigt.
„Kosovo ist Serbien“ steht auf einem Wandbild in Belgrad, das auch den russischen Präsidenten Wladimir Putin zeigt. © Darko Vojinovic/AP/dpa

Serbien und Russland: Kosovo wird von Belgrad und Moskau nicht anerkannt - CDU-Politiker warnt

Auch heute ist die Lage auf dem Westbalkan angespannt. Der deutsche CDU-Politiker Michael Brand warnte kürzlich in der Tageszeitung taz, dass die Achse Republika Srpska-Serbien-Russland „eine kriegsfähige Achse“ sei. Er forderte: „Der Friede muss militärisch durch die Nato abgesichert werden (...), wenn wir den nächsten Krieg in Europa wirksam verhindern wollen.“ Politikwissenschaftler Brand gilt als Westbalkan-Experte. Von 1995 bis 2000 arbeitete der Bundestagsabgeordnete im European Balkan Institute in Bonn, von 1997 bis 1998 absolvierte er ein Auslandsstudium im vom Bosnienkrieg (1992 bis 1995) schwer gezeichneten Sarajevo.

Der Kosovo hatte sich indes 1999 nach einem Einmarsch serbischer Truppen und völkerrechtlich umstrittenen Bombardements durch Nato-Streitkräfte auf Belgrad sowie andere serbische Städte abgespalten. Erst 2008 folgte eine Unabhängigkeitserklärung Pristinas. Die USA, Deutschland und andere EU-Staaten erkennen diese Unabhängigkeit seither an. Serbien und Russland tun das nicht. Stattdessen befeuert der Kreml erneut Ressentiments. (pm)

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