Offener Brief

„Was glaubst du eigentlich, wer du bist?“: Freund rechnet mit Gauland ab

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Hart von ehemaligem Weggefährten angegangen: AfD-Mann Alexander Gauland.

Jochen Lengemann und Alexander Gauland kennen sich seit fast 60 Jahren. Jetzt hat der langjährige Wegbegleiter des AfD-Politikers einen bemerkenswerten Brief geschrieben - gespickt mit Breitseiten gegen Gauland.

Berlin - Alexander Gauland gilt als Scharfmacher der AfD. Immer wieder polarisiert der ehemalige CDU-Mann mit populistischen Parolen. Mal fordert er, deutsche Soldaten, die in den beiden Weltkriegen kämpften, zu „loben“, dann kündigt er an, politische Gegner, wie die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özuguz (SPD), in „Anatolien zu entsorgen“. Letzteres brachte ihm Ermittlungen wegen Volksverhetzung ein - und den Denkzettel eines langjährigen Wegbegleiters.

“Um Aufmerksamkeit heischender Tabubrecher“

Jochen Lengemann hat Alexander Gauland einen Brief geschrieben und diesen öffentlich gemacht. Darin greift der ehemalige Präsident des hessischens Landtags und Staatsminister für besondere Aufgaben in Thüringen seinen ehemaligen Freund scharf an. In dem Brief, den die Welt zuerst veröffentlichte, schreibt Lengemann: „Du bist kein echter Rechter. Du bist auch kein Linker. Du bist einfach ein mit allen Mitteln um Aufmerksamkeit haschender Tabubrecher“ und nimmt damit direkt Bezug auf Gaulands Äußerungen zuletzt. Lengemann beschreibt in seinem Brief, wie er Gauland kennengelernt hat und wie die beiden Männer sich politisch austauschten. Obwohl sie nicht immer einer Meinung waren, empfand dies Lengemann immer als spannend, weil sie sich immer auf einer gemeinsamen Grundlage bewegten.

„Was glaubst du eigentlich, wer du bist?“

Heute sieht Lengemann das anders. „Ich dachte immer, es sei Konsens zwischen uns gewesen, dass Politik das Bohren dicker Bretter sei, nicht das Beantworten komplizierter Fragen mit populistischen Parolen“, schreibt der heute 79-jährige. Vom Gauland von damals ist nicht mehr viel übrig, wenn es nach seinem ehemaligen Freund geht. Besonders abgestoßen ist Lengemann von Gaulands Äußerungen nach der Bundestagswahl, als dieser ankündigte, Bundeskanzlerin Merkel „jagen“ zu wollen: „Und dann Dein den Alexander Gauland von heute entlarvendes, wohlkalkuliertes, hasserfülltes Geschrei angesichts Deiner triumphierend lärmenden Parteifreunde. Das ist nichts anderes als Ausdruck völkischen Denkens. Was glaubst Du eigentlich, wer Du bist? Euer Volk? Dein Volk? Du besitzest kein Volk. Du bist weder der Kaiser noch der Führer. Und selbst die besaßen nie das Volk.“

„Ich habe mich in Dir geirrt“

Lengemanns Zeilen lassen nur einen Schluss zu: Der Verfasser des Briefes ist fertig mit AfD-Mann Gauland. „Ich habe mich ganz offenbar in Dir geirrt“, schreibt er.  Und unterstellt Gauland, dass seine Provokationen Ergebnis einer großen Enttäuschung seien. Ihm komme es so vor, als wolle Gauland nach all den Jahren in den hinteren Reihen endlich mal im Vordergrund stehen. „Wie groß muss Deine Enttäuschung über Deine Ablehnung in der CDU gewesen sein – die ich so nie gesehen habe –, dass Dir heute so der Geifer aus den Mundwinkeln läuft, wenn Du sie und die Bundeskanzlerin angreifst?“, fragt Lengemann zum Abschluss seines Briefes.

mae

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