Wie geht das in Zeiten des Brexit?

Warum dieser britische Ex-Minister die Deutschen über den Klee lobt

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Stephen Green glaubt, dass Deutschland die Führungsrolle im zukünftigen Europa zufalle.

Man reibt sich verwundert die Augen, wenn ein ehemaliger britischer Handelsminister via Buch eine Liebeserklärung an Deutschland richtet. Doch es scheint tatsächlich ernst gemeint.

Berlin - Es kommt selten vor, dass in Zeiten des Brexit ein Engländer die Deutschen lobt. Ist doch gerade die vermeintliche oder tatsächliche Dominanz der Deutschen in der EU den Briten schon lange ein Dorn im Auge. Doch Stephen Green, Baron von Hurstpierpoint, Ex-Banker, ehemaliger Handelsminister der Regierung David Cameron und Mitglied des Oberhauses tut dies - und die Deutschen kommen so gut dabei weg, dass man fast schon peinlich berührt ist.

Mit dem Brexit werde das Dreieck Deutschland - Großbritannien - Frankreich (endgültig) zur Achse, deren eines Ende schwächer sei als das andere. Damit falle Deutschland die Führungsrolle im zukünftigen Europa zu, ob es wolle oder nicht, argumentiert Green. Und gerade das Zögern Deutschlands ob seiner Geschichte rechtfertige diese Führungsrolle mit all seiner Verantwortung und Risiken. „Deutschland steht jetzt auf der Kommandobrücke der EU so gut wie allein.“ Und „die Rolle auf der Kommandobrücke macht nervös“. Er stelle seit einigen Jahren einen Mangel an Zuversicht in Deutschland fest.

Green nennt den Brexit eine Tragödie

Doch „trotz aller German angst vor der Zukunft hat kein Land - keine Kultur - ein Identitätsbewusstsein, das besser dazu geeignet wäre, dieses „Haus Europa“ aufzubauen und zu bewohnen. Kein Mitgliedsstaat der EU steht mehr im Einklang mit der Vision dessen, was Europa für die Welt bedeuten kann“, schreibt Green, der ein entschiedener Gegner des Brexit ist. Der Brexit sei geradezu eine Tragödie für Großbritannien, sagt er. Doch letztlich könne sich Großbritannien gar nicht von Europa trennen, zu viel gemeinsame Geschichte.

Der Autor versucht aus der Geschichte zu erklären, weshalb Deutschland - trotz zweier Weltkriege - heute da steht, wo es eben steht. Und er macht - seit dem 30-jährigen Krieg - einen tief sitzenden Minderwertigkeitskomplex der Deutschen aus, „der doch so aussah wie ein nationaler Überlegenheitskomplex“, und der zu diesen Katastrophen führte. Heute, meint er, sei dieser Komplex überwunden.

Klöckner: Fast schon peinlich berührt

Die rheinland-pfälzische CDU-Chefin Julia Klöckner, mit der zusammen Green sein neues Buch am Dienstag in Berlin vorstellte, sagte, ob des Lobes sei man fast schon peinlich berührt. Sie machte aber auch deutlich, dass Deutschland eine gewisse Demut gut anstehe. Sie zitierte den vor kurzem verstorbenen großen Europäer Helmut Kohl: „Europa wird gelingen, wenn die Kleinen nicht merken, dass sie die Kleinen sind.“ Dieses Dilemma der Deutschen konnte Green auch nicht auflösen.

Green erweise sich als profunder Kenner der deutschen Geschichte, lobte Klöckner. Das Buch sei „unglaublich kompakt“ und biete „unglaublich viel Wissen“. Nun sind die Überlegungen Greens so neu nicht. Doch dass eine Brite Deutschland die Führungsrolle in Europa geradezu anträgt, ist nicht üblich. Gefragt, was er glaube, wie viele seiner Landsleute Deutschland so oder so ähnlich sähen wie er, nannte Green wohl bewusst keine Zahlen. Aber es würden immer mehr. Einen Durchbruch habe übrigens die Fußballweltmeisterschaft 2006 gebracht. Und Berlin ziehe auch viele junge Briten an, sagte Green, der selbst regelmäßig Deutschland besucht.

Green ist erklärter Deutschland-Fan

Nun muss man wissen, dass Green seit seiner Jugend ein erklärter Deutschland-Fan ist. Vor allem die Sprache und die Musik hätten es ihm angetan. Gerade die deutschen Wortzusammensetzungen seien häufig so ausdrucksvoll (oder schwer zu übersetzen), dass das Englische sie einfach übernommen habe: Apfelstrudel, Bildungsroman, Doppelgänger Edelweiß, Glühwein, Schadenfreude und vieles mehr. Wer hätte das gedacht, wo doch hierzulande die Sprachpuristen über zu viel Anglizismen klagen.

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dpa

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