Die Lage bleibt problematisch

So erklärt sich Erdogan die Spannungen mit Deutschland 

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Der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan befehligt mittlerweile die zweitgrößte Nato-Armee. 

Nazi-Vergleiche, Verhaftungen, Auftrittsverbote - um das deutsch-türkische Verhältnis ist es so schlecht bestellt wie nie. Erdogan hat eine ganz eigene Erklärung für die angespannte Situation.

Istanbul - Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan macht den Bundestagswahlkampf für die Spannungen mit Deutschland verantwortlich. „Achtet nicht darauf, was die Deutschen so daherreden“, sagte Erdogan am Dienstag in der Schwarzmeerstadt Trabzon. „Auch sie werden ihre Fehler erkennen. Aber es wird zu spät sein. Denn wir haben den Deutschen nichts getan. Aber leider haben die Deutschen in letzter Zeit die Orientierung verloren.“ Als Grund nannte er die bevorstehende Bundestagswahl. Wegen der Wahl prügele jeder von allen Seiten auf die Türkei ein. Sein Land werde sich davon aber nicht beirren lassen, „egal, wo ihr auch hinhaut“, so Erdogan.

Türkischstämmige Wähler wenden sich von deutschen Parteien ab

Im Zuge dieser Spannungen wenden sich kurz vor der Bundestagswahl auch immer mehr von den Menschen mit türkischem Migrationshintergrund von den etablierten deutschen Parteien ab. 

Meinungsforscher erwarten, dass der Dauerknatsch zwischen Berlin und Ankara auch Einfluss auf den Ausgang der Bundestagswahl haben wird. Viele Wahlberechtigte mit türkischen Wurzeln dürften der Wahl am 24. September fernbleiben. Der Grund: Sie fühlen sich von den deutschen Parteien nicht mehr verstanden und an den Rand gedrängt. Das hat auch damit zu tun, dass die meisten von ihnen ihre Informationen über deutsche Politik aus türkischen Medien beziehen. Und die sind, was deutsche Parteien angeht, zur Zeit auf Krawall gebürstet.

Der Filter der türkischen Medien hat verheerende Folgen

Der Bundesvorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Gökay Sofuoglu, sagt: „Das ist natürlich problematisch, da die politischen Debatten in Deutschland nur durch einen Filter der türkischen Presse wahrgenommen werden. Wenn diese dann tendenziös berichten oder eine bestimmte politische Agenda verfolgen, ist das nicht immer positiv.“

Vor allem die SPD und die Grünen sind betroffen

Dass sich die Türkeistämmigen zunehmend abwenden, ist vor allem für die SPD und für die Grünen eine schlechte Nachricht. Sie waren bislang die bevorzugten Parteien der rund eine Million Deutschtürken, die in Deutschland wahlberechtigt sind. Das liegt vor allem daran, dass beide Parteien die Vorteile der Migration herausstreichen und immer wieder Maßnahmen gegen Diskriminierung einfordern. Allerdings: Den Flüchtlingszustrom seit 2015 sehen auch einige Einwanderer aus der Türkei kritisch.

„Wir rechnen diesmal mit einer deutlich geringeren Wahlbeteiligung der Türkeistämmigen“, erklärt Joachim Schulte von Data 4U, einem Institut, das sich auf Meinungsforschung in ethnischen Zielgruppen spezialisiert hat. Bei einer Untersuchung zur politischen Beteiligung von in Bayern lebenden Menschen mit Migrationsgeschichte stellte Schulte im Februar fest, dass diese Gruppe zur Zeit „mit allen Parteien besonders wenig“ übereinstimmt.

dpa

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