Nach Wahl zum SPD-Chef

Presse: „Schulz hätte auch aus Telefonbuch vorlesen können“ 

Berlin - Die deutschsprachige Presse sieht die SPD nach der Wahl von Martin Schulz zum neuen Parteivorsitzenden weiter auf der Überholspur - dennoch bleiben vor allem inhaltlich weiter Fragen offen. 

Nach dem vergangenen SPD-Sonderparteitag steht fest: Martin Schulz übernimmt nun auch den Partei-Vorsitz von Sigmar Gabriel, nachdem dieser ihn knapp acht Jahre inne hatte. Der Kanzlerkandidat Schulz wurde dabei mit 100 Prozent der gültigen Stimmen ins Amt gewählt. 

Damit hat der 61-Jährige laut der „Sächsischen Zeitung“ etwas geschafft, „was eigentlich unmöglich anmutete. Geholfen hat ihm, dass viele Wähler in der Mitte in Angela Merkel kein Modell der Zukunft sehen. Jene, die nicht nur gut verwaltet werden wollen, sind von der Kanzlerin offenbar ermattet und sehen in Schulz eine wirkliche Alternative für Deutschland - anders als etwa in Vorgänger Gabriel.“ Zugleich scheint die SPD in der Wählergunst weiter deutlich zuzulegen, was daran liegen mag, dass Schulz es „hinkriegt, den durch den Wechsel an der Spitze hervorgerufenen Stimmungswandel innerhalb seiner Partei nicht nur anzunehmen, sondern sogar zu verstärken. Das ist nicht wenig. So eine geschlossene und kampfbereite SPD gab es lange nicht.“

Die „Stuttgarter Zeitung“ sieht für die SPD auch den Vorteil darin, dass Schulz „vor allem als frisches Gesicht von außen wahrgenommen“ wird. Dadurch berauscht sich die SPD „an ihrem Kandidaten, den in die Höhe geschnellten Umfragewerten, der großen Zahl neuer Mitglieder und an sich selbst. Das neudeutsch so genannte Momentum ist auf ihrer Seite.“

Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ wiederum sieht in dem deutlichen Erfolg Schulz auch Gabriels Werk, „dessen Charisma nicht reichte, um die SPD aus der Versenkung zweier großer Koalitionen zu führen. Dazu musste ein Mann „von außen“ kommen, dem nun mit hundert Prozent Zustimmung die Angriffslust gedankt wurde, mit der er Angela Merkel, angeblich unschlagbar, als Kanzlerin auf Abruf hinstellt. Auch da hilft Schulz die besondere Gunst der Stunde. ... Gefangen im Merkel-Kabinett konnte die SPD mit Sigmar Gabriel ... nicht erkennen lassen, dass sie es anders und besser als Angela Merkel machen würde. ... Jetzt gibt es mit Schulz aber eine zweite SPD, die nicht mehr am Kabinettstisch sitzt und den Merkel-Effekt ins Leere laufen lässt.“ 

„Der Tagesspiegel“: Merkel erscheint wie eine Kanzlermaschine

„Der Tagesspiegel“ sieht ebenfalls einen deutlichen Unterschied zwischen dem Kanzlerkandidaten Schulz und der amtierenden Kanzlerin Angela Merkel. Der neue SPD-Chef habe „sein Wort der Stunde, des Tages, des Wahlkampfs (...) gefunden: Respekt. Respekt - dieses Wort zieht. Denn der Wunsch danach zieht sich durch alle Schichten. Die Jungen, die Alten, die Frauen, die Migranten: Sie wollen respektiert werden.“ Schulz finde die richtigen Worte, um die Bevölkerung zu berühren, „ganz anders als die, die das Amt verteidigen soll. Angela Merkel, die Amtsinhaberin, erscheint neben ihm wie eine Kanzlermaschine, ein Merkelomat.“

„Die Welt“ glaubt zwar, „eine sozialliberale Regierung in Düsseldorf würde die politische Landschaft umkrempeln.“ Dennoch würden „der Hype um Schulz und die Freude an Umfragewerten oberhalb von 30 Prozent über machtstrategische Bewährungsproben hinweg“ täuschen. 

Auch die „Süddeutsche Zeitung“ beäugt die Erfolgsphase von Schulz und der SPD kritischer und hegt Zweifel daran, ob die Sozialliberalen auch am Ende als die Gewinner dastehen. „Schulz suggeriert Läuterung und Abkehr vom „Weiter so!“, verspricht aber mit seiner politischen Biografie zugleich das Gegenteil - dass sich also nichts groß ändern wird. Schulz ist Merkel minus Raute plus Furor. Reicht das für einen Wahlsieg?“

Das „Hamburger Abendblatt“ kritisiert, dass sich die SPD auch nach der Wahl von Schulz zum neuen SPD-Parteivorsitzenden inhaltlich noch immer nicht festgelegt hat und stellt daher die Frage: „Wofür steht die SPD? Auch nach ihrem Krönungsparteitag, der den neuen Parteivorsitzenden und Kanzlerkandidaten Martin Schulz mit historischen 100 Prozent ins Amt getragen hat, bleibt diese Frage offen. Berauscht von der eigenen Wiederauferstehung in den Umfragen interessieren sich auch nur wenige für die Antwort - die Partei gleicht derzeit eher einer Projektionsfläche, die viele Wünsche möglich macht.“

Auch „stern.de“ kann noch keinen klaren Kurs der SPD erkennen und stellt fest: „Vielleicht bleibt dem neuen Vorsitzenden und Möchtegernkanzler vorerst auch gar nichts anderes übrig, als zunächst ein wenig nebulös zu bleiben, um die anfängliche Euphoriewelle nicht zu brechen“.

„Spiegel Online“: „Schulz hätte wohl auch aus dem Telefonbuch vorlesen können“

Die „Nürnberger Nachrichten“ sehen Schulz nun „im politischen Alltag angekommen.“ Damit beginne für Schulz nun eine neue Phase, in der es nicht mehr nur immer weiter nach vorne gehen werde. Denn „die ersten zwei Monate von Schulz waren, so viel ist sicher, die einfachsten. Er hatte kein Amt, in dem er Fehler machen konnte. Er stieß wegen seines ungeahnten „Laufs“ auf ungeteilte Aufmerksamkeit der Medien und der Öffentlichkeit.“ Nun hat er „das Amt des Parteivorsitzenden inne und wurde außerdem zum Kanzlerkandidaten ausgerufen. Er wird Personalentscheidungen treffen, sich inhaltlich festlegen müssen. Damit liefert er zwangsläufig auch seinen Kritikern Angriffspunkte.“

„Spiegel Online“ geht mit der SPD noch etwas härter ins Gericht und meint, Schulz sei für die Partei „so eine Art Obama aus Würselen, ein Messias, der auch über Wasser gehen kann. Zumindest scheinen sie das von ihm zu erwarten. Schulz hätte wohl auch aus dem Telefonbuch vorlesen können - die Genossen hätten ihm zugejubelt“.

dpa/kus/Video: snacktv

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