Internationale Stimmen zum Daten-Skandal

„Inkompetent, verantwortungslos, versagt“: Presse vernichtet Facebook

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Facebook-Gründer Mark Zuckerberg.

Der Datenskandal um Cambridge Analytica erschüttert das Vertrauen in Facebook. Investoren verkaufen die Aktie und ziehen vor Gericht. Nutzer wollen eine Petition starten und die Presse attackiert die Plattform.

San Francisco - Im Datenskandal um Facebook erhöhen Investoren und Anwender den Druck auf das größte soziale Netzwerk der Welt. In San Francisco verklagten Aktionäre den Konzern. Facebook habe „sachlich falsche und irreführende Aussagen“ zur Firmenpolitik gemacht, heißt es in der Klageschrift, die am Dienstag (Ortszeit) bei einem Bundesgericht in San Francisco eingereicht wurde, wie CNN und weitere US-Medien berichteten.

Nutzer des Netzwerks verlangten in einer Petition der Mozilla-Stiftung, Facebook müsse mehr für den Schutz der Daten tun und seine Nutzer respektieren.

Facebook sieht sich unterdessen selbst als Betrogenen. „Das gesamte Unternehmen ist entsetzt darüber, dass wir hintergangen wurden“, teilte das Unternehmen mit.

Die internationale Presse wird deutlich:

Die italienische Tageszeitung „La Repubblica“:

„Mark Zuckerberg oder der Fall eines Halbgottes. Bis gestern war er der mächtigste Mann in den 30ern des Silicon Valleys, genialer Erneuerer, der fast ein Drittel der Weltbevölkerung in die Fänge der Tentakeln seiner sozialen Medien nahm. (...) Jetzt wird ihm der Prozess gemacht, die Wall Street dreht ihm den Rücken zu (...). Und es gibt viele, die sich über sein Unglück freuen. (...)

Der Doppelskandal leimt Facebook an das gegnerische Lager: Das Unternehmen wurde zum gefügigen Instrument für den Aufstieg Trumps, möglicherweise in völliger Ahnungslosigkeit - und sollte dem so sein, bedeutet wäre das inkompetent bis zur kriminellen Verantwortungslosigkeit.

Von der Cambridge-Analytica-Affäre sollen die Spitzen des sozialen Mediums längst gewusst und sie verschwiegen haben. Sie haben 50 Millionen Nutzer, die Opfer des Übergriffs wurden, nicht informiert. Also: Null Kontrolle eines sozialen Mediums, das von einem milliardenschweren Geschäft profitiert.“

Die spanische Zeitung „El País“:

„Wie verschiedene russische Plattformen zeigen, ist die Kontrolle digitaler Daten eine erstklassige und hochgeschätzte politische Waffe. Die illegale Nutzung der Daten von bis zu 50 Millionen Facebook-Nutzern macht deutlich, dass der zwielichtige Umgang mit Informationen aber kein Monopol Russlands ist und dass die Risse in den sozialen Netzwerken ihren Nutzern schaden und es ermöglichen, dass die Informationen, die sie kostenlos bereitstellen, für dunkle Zwecke verwendet werden. (...) Dieser neue Fall wirft viele Zweifel und Fragen auf. Allen voran die alarmierende Leichtigkeit, mit der eine Firma auf so viele Nutzer ohne deren Einwilligung zugreifen kann.“

Der Schweizer „Tages-Anzeiger“:

„Dieser wilde Internet-Westen und seine Goldgräber brauchen Regeln - und Sheriffs, die sie durchsetzen. So wie jeder wirklich funktionierende Markt. Die Branche wird den Teufel tun, sich selbst einzuschränken - allen Sonntagsreden zum Trotz. Und ein Land allein wird sich bei den weltweit agierenden Internetgiganten nicht durchsetzen können. Aber dass sich jetzt in Deutschland, in England, in der EU und sogar in den USA Politiker über das richtige Regelwerk Gedanken machen, stimmt optimistisch. Was weniger optimistisch stimmt: Der Instinkt vieler Politikerinnen und Politiker reicht nicht darüber hinaus, mit Verboten und Strafen die digitalen Geschäftemacher schwächen zu wollen. Dabei käme es vielmehr darauf an, die Internetnutzerinnen und -nutzer diesen Firmen gegenüber zu stärken.“

Die Amsterdamer Zeitung „de Volkskrant“:

„Facebook wäscht seine Hände in Unschuld und erklärt, die beteiligten Wissenschaftler hätten sich nicht an Absprachen gehalten. Aber es ist deutlich, dass das Unternehmen vollständig dabei versagt hat, die Privatsphäre seiner Kunden zu schützen. Auch der am Dienstag gefeuerte Boss von Cambridge Analytica, Alexander Nix, erklärt, seine Firma habe nichts Illegales getan. Vielleicht nicht, aber dennoch wird es höchste Zeit zu schauen, wie sich die Demokratie gegen unsaubere Kampagnen im Verborgenen wappnen kann. Ähnlich wie bei der Bekämpfung von Falschnachrichten ist es schwierig, die Durchführung von Internetkampagnen an Regeln zu binden, ohne dabei die Freiheit der Meinungsäußerung zu untergraben. Aber vielleicht sollte es zur Pflicht gemacht werden, bei Botschaften, die mit Hilfe von Data-Mining und Mikrotargeting verbreitet werden, stets den Absender zu nennen. Wenn dann unter der Internetmitteilung „Hillary hat ihr Ministerium bestohlen!“ steht „Dies ist eine Botschaft von Donald Trump“, liest man sie doch gleich ganz anders.“

dpa

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