Großbritannien in Feierlaune

„Mörderische“ Corona-Strategie in England und „epidemiologische Dummheit“: Experten gehen Johnson heftig an

Zum Freedom-Day am 19. Juli fallen in England fast alle Corona-Beschränkungen. Ein Spiel mit dem Feuer - die Kritik an Johnson kommt von allen Seiten.

London - In Großbritannien gilt seit dem 19. Juli ein neuer Beschluss, der die meisten Corona-Beschränkungen aufhebt. So fallen die Maskenpflicht und Abstandsregelungen weg. In Theater und Sportstätten dürfen wieder alle Ränge ausnahmslos besetzt werden und auch Diskotheken dürfen wieder öffnen. Und das alles trotz steigernder Zahlen und der sich landesweit ausbreitenden Delta-Variante.*

Vereinzelt gelten Ausnahmen: Der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan will striktere Corona*-Maßnahmen beibehalten. Auch in Schottland und Wales bleiben die bisherigen Beschränkungen bestehen - die beiden Provinzen entscheiden in Belangen der Gesundheitspolitik eigenständig. Zudem bleibt die Regel zur verpflichtenden Selbstisolation nach Kontakt mit einer infizierten Person in Kraft.

Gesundheitsexperte: Entscheidung von „epidemiologischer Dummheit“ geprägt

Das Argument für die Öffnungen ist die hohe Impfquote im Land: Zwei Drittel der Erwachsenen sind doppelt geimpft und jedem Bürger konnte ein Impfangebot gemacht werden. Deshalb müsse man hier neben den hohen Fallzahlen auch die vergleichsweise sehr niedrige Sterberate bei den Infizierten berücksichtigen, so Bauminister Robert Jenrick in einem BBC-Interview. Hier hätte es in der Vergangenheit bei ähnlichen Infektionszahlen 30-mal mehr Tote gegeben als heute. Johnson wandte sich am Tag vor den Öffnungen per Videobotschaft an die englischen Bürger und appellierte dennoch: „Bitte, bitte, bitte seien Sie vorsichtig.“

Die Kritik von Wissenschaftlern und der Opposition ebbt jedoch nicht ab. Jonathan Ashworth, gesundheitlicher Sprecher der oppositionellen Labour-Partei, sprach von einem „rücksichtslosen“ Vorgehen. Der Gesundheitsexperte Gabriel Scully von der Universität Bristol geht noch einen Schritt weiter und sagt, die Entscheidung zur Öffnung sei von „moralischer Leere und epidemiologischer Dummheit“ geprägt. Selbst in den eigenen Reihen kann nicht jeder die Entscheidung nachvollziehen. Der ehemalige Gesundheitsminister Jeremy Hunt erklärte: „Die Warnleuchte auf dem Armaturenbrett des NHS blinkt nicht gelb, sie blinkt rot“.

Corona in England: Über 1.500 Wissenschaftler und Experten baten um Abkehr von Öffnungen

120 Wissenschaftler hatten vor den Öffnungen in einem offenen Brief an die britische Regierung darum gebeten, sich von den Lockerungsplänen zu entfernen. Der Brief wurde mittlerweile von 1.400 weiteren Experten unterschrieben. US-Wissenschaftler wie William Haseltine sprachen von einer „mörderischen“ Corona-Strategie, die Johnsons Regierung aktuell durchsetze. Wenn man hier weiter auf die sogenannte Herdenimmunität setze, werde das zu „tausenden, wenn nicht zehntausenden“ Toten führen. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Ian West/dpa

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