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Wirtschaftsnobelpreis geht an US-Forscher

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Der Nobelpreis für Wirtschaft wurde 1968 von der schwedischen Reichsbank gestiftet. 

Laufen wirtschaftliche Prozesse wirklich immer nach „logischen“ und „vernünftigen“ Prinzipien ab? Der Nobelpreisträger dieses Jahres hat genauer hinter die Kulissen geblickt - und erhält dafür die wohl renommierteste Auszeichnung seines Faches.

Stockholm - Haben Sie sich auch schon mal gefragt, warum Sie oft „aus dem Bauch heraus“ entscheiden? Das spritsparende Auto sollte es sein - aber dann wurden es doch ein paar PS-Stärken mehr. Eigentlich war kein Kredit fürs neue Haus geplant - aber es gefiel so gut, dass am Ende doch der Gang zur Bank anstand. Und bei der letzten Auktion auf Ebay hat man wieder mal mehr geboten, als man sich vorgenommen hatte.

Der US-Ökonom Richard Thaler hat am Montag den Wirtschaftsnobelpreis für Analysen darüber bekommen, dass sich Menschen vieles „vernünftig“ im Kopf zurechtlegen mögen - im kritischen Moment aber einen anderen Beschluss fassen. Der heute 72-Jährige fand heraus: Wir blenden nicht selten die reine Vernunft aus, andere Einflüsse übernehmen das Ruder.

„Er hat gezeigt, dass Menschen häufig nicht vollständig rational handeln, sondern eher einfachen Entscheidungsregeln folgen“, erklärt Clemens Fuest, Chef des Münchner Ifo-Instituts. So etwas geschehe mitunter sogar zum Nachteil des Einzelnen und der Gesellschaft.

Psychologie und Werte auch im Wirtschaftsleben

Ein Hauptergebnis: Es geht auch im Wirtschaftsleben viel um Psychologie und Werte. Und diese müssen nicht immer nur an Kriterien der Logik und Effizienz ausgerichtet sein. Gefühle, Erfahrungen, Vorlieben spielen ebenfalls eine Rolle. Etwa, wenn der Taxifahrer immer schon dann aufhört, wenn er seine Tageseinkünfte erreicht hat - aus schlichter Gewohnheit oder aber, weil er vielleicht bereits zufrieden ist. Mögen auch noch so viele Kunden an der Straße stehen.

„Es ist gut, dass das Gebiet der Verhaltensökonomik so stärker in den Blick kommt“, sagt Dominik Enste, der am Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln forscht. Die Auszeichnung Thalers zeige, dass es „intensive Arbeit an den Grundlagen des Menschenbildes“ gebe. Diese wiederum reiche weit in die Praxis hinein: „Es geht auch darum, wie man im Alltag bessere Voraussetzungen schafft, dass sich Menschen rational entscheiden.“ Das klassische Leitbild des „homo oeconomicus“ in der Wirtschaftswissenschaft - demzufolge die Akteure am Eigennutz orientierte, gewinnmaximierende, nicht näher hinterfragte Strategien verfolgen - sei durch Thaler in wichtigen Punkten ergänzt worden.

Enste nennt Beispiele wie Anreize zu rechtzeitiger Altersvorsorge, aber auch ein tieferes Verständnis populistischer Wahlentscheidungen oder emotionaler Ausbrüche in sozialen Netzwerken. „Solche Erkenntnisse sollten auch von Parteien transparent genutzt werden“, betont er - ebenso wie Modelle zur Wahlmüdigkeit bei vielen Menschen.

Ein zentraler Begriff, den Thaler mitgeprägt hat, ist das sogenannte Nudging („Anstupsen“). Gemeint sind Ansätze, mit denen Politik und Behörden rationales Verhalten von Menschen und Gruppen lenken, die sich sonst anders entscheiden. So könne ein wohlwollender Staat seine Bürger etwa in vernünftige Handlungen „schubsen“, was marktliberale Vertreter skeptisch sehen. Denkbare Fälle sind Zusatzversicherungen, aber auch die Vermeidung von „Umweltkosten“, die beim Konsum umweltschädlicher Güter anfallen und die ganze Gesellschaft belasten.

Bei alldem sind aus Sicht von Verhaltensökonomen nicht nur abstrakte, quasi-naturgesetzliche Marktkräfte am Werk. Den einzelnen, souveränen Akteuren kommt ebenso große Bedeutung zu. „Thalers Forschung zeigt, wieso Menschen nicht rein individualistisch und materiell denken und handeln“, erläutert der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher. Sie verstünden sich nämlich als Teil der Gesellschaft. Und da gebe es neben Egoismus und Zweckorientierung eben genauso Fairness, Altruismus oder Bedauern.

Kritische Stimmen: Ist eine digitale Rationalität erstrebenswert?

Vor allem mit Blick auf die Digitalisierung gibt es jedoch auch kritische Stimmen zum „Nudging“. Ist eine „digitale Rationalität“ so erstrebenswert? Wenn ständig mehr über Datenbanken und Algorithmen gesteuert wird - droht dann nicht eine Entmündigung und Bevormundung?

Das Nobelkomitee jedenfalls ist überzeugt, dass Thaler „die Volkswirtschaft menschlicher gemacht“ hat. Seine Sichtweise schuf neben der Psychologie auch Übergänge zur Politologie und Soziologie. Denn Institutionen und ganze Gesellschaften ticken ebenfalls nicht immer nur rational - vor allem in Situationen der Unsicherheit.

Trump, Brexit, eine große AfD-Fraktion im Deutschen Bundestag: Einer, der in politisch unruhigen Zeiten schon vor der Preisverkündung mit auf Thaler gesetzt hatte, ist Henning Vöpel, Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI). Ein Grund für die Aktualität des Amerikaners liege in den „gesellschaftlichen Umbrüchen in Zeiten von Populismus und Digitalisierung, die ein komplexeres Verständnis von Verhalten und Entscheidungen von Menschen erfordern“.

Was er selbst von den Anwendungsmöglichkeiten seiner Forschung auf die große Politik hält, verriet Thaler zunächst nicht. Eines sei ihm aber bereits nach der erfreulichen Nachricht aus Stockholm klar, meinte der Ausgezeichnete - und bekennende Wein-Fan - während des Ferngesprächs mit der Jury: Er werde versuchen, das Preisgeld von umgerechnet 940 000 Euro „so unvernünftig wie möglich auszugeben“.

Lesen Sie hier: Reaktionen zum Friedensnobelpreis: „Ohrfeige für die Bundesregierung

dpa

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