„Transnationales Phänomen“

Nach Halle: Terrorismus-Experte mit düsterer Prognose zu rechtsradikaler Gewalt

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Der Bundespräsident am Tatort in Halle: Frank-Walter Steinmeier besucht die Synagoge und legt dort Blumen nieder. Rechts: Ministerpräsident Reiner Haseloff.

Nach der schlimmen Tat von Halle ist Terrorismus-Experte Peter Neumann alarmiert. Im Interview erklärt er, warum sie eine ganz neue Dimension hat.

München - Kurz nach der tödlichen Attacke am Mittwoch in Halle hatten Terrorismusforscher Peter  R.  Neumann und sein Team am Londoner King’s College das Video und das Manifest des Täters gefunden. Sie wussten, wo sie suchen mussten. Deutsche Sicherheitsbehörden dagegen, glaubt er, haben hier einen blinden Fleck. Sie würden erst langsam begreifen, wie gefährlich rechtsextremistische Aktivitäten im Netz in der realen Welt werden können.

Herr Neumann, nach der Tat in Halle ist bisher von einem rechtsextremistischen und antisemitischen Hintergrund die Rede. Wie beurteilen Sie die Tat?

Peter Neumann: Es ist die erste rechtsextremistische Tat in Deutschland, die sich in einen transnationalen und nicht in einen deutschen Kontext einordnet. Der Täter hat sich an Leuten wie Anders Breivik, dem Attentäter von Christchurch oder dem Attentäter von El Paso orientiert. Sein Manifest ist auf Englisch verfasst, der Täter verwendet eine Sprache, die typisch ist für internationale Internet-Foren wie „4chan“, in denen sich Rechte treffen. Das ist das Publikum, an das er sich richtet. Die will er beeindrucken.

Welches Weltbild hat der Täter?

Neumann: Er hat seine Inspiration aus dem Internet und aus den erwähnten Foren bezogen. Er hat seine Ideologie sozusagen nach dem Baukastenprinzip zusammengebaut. „Juden sind mein Hauptfokus, aber gegen Feminismus bin ich auch“. Durch das Internet gibt es eine gewisse ideologische Flexibilität, die es in doktrinären Gruppen vor Ort so vielleicht nicht gibt.

Peter Neumann: „Behörden kennen virtuelle Foren immer noch nicht genug“

Sie hatten nach dem Attentat in Christchurch gesagt, dass so etwas auch in Deutschland passieren kann und Sicherheitsbehörden ihren Fokus erweitern müssten. Ist das passiert?

Neumann: Der Verfassungsschutz in Sachsen, Sachen-Anhalt und Thüringen kennt sicher jede Kameradschaft und jeden örtlichen Neonazi, der auf der Straße marschiert. Nach Christchurch habe ich auf die Transnationalisierung und Virtualisierung des rechtsextremistischen Phänomens hingewiesen. Ich habe keine Belege dafür, dass sich da seit Christchurch irgendetwas dramatisch verändert hat. Die Behörden kennen diese virtuellen Foren immer noch nicht genug.

Sie hatten damals auch gesagt, dass eine Einbeziehung dieser Foren in die Beobachtungstätigkeit nicht so schwer wäre.

Neumann: Im Bereich Dschihadismus und IS haben die Behörden verstanden, dass das auch ein Online-Phänomen ist, das man im Blick haben muss. Das haben sie geschafft. Im Prinzip müssten sie das auch auf der rechten Seite machen.

Peter Neumann: „Anschläge sollen Nachahmer animieren“

Was wäre dafür nötig?

Neumann: Man muss zunächst anerkennen, dass Rechtsextremismus nicht mehr nur lokal ist und von Angesicht zu Angesicht verbreitet wird, sondern ein transnationales Phänomen, das auch in virtuellen Subkulturen stattfindet. Dann muss man die nötigen Ressourcen bereitstellen. Technisch ist es keine große Herausforderung. Das sind alles offene Foren ohne Passwörter, in die man sich nicht reinschmuggeln muss. Sie ließen sich, quasi mit Online-V-Leuten, infiltrieren.

Computerspielen kommt wohl eine große Rolle bei solchen Taten zu. Warum?

Neumann: In dem Video, das ja über eine Plattform für Computerspieler verbreitet wurde, tauchen immer wieder englische Begriffe auf, die für Computerspieler typisch sind. Das Manifest besteht großteils aus der Auflistung der verwendeten Waffen. Für Spieler von Shooting-Games sind die Waffen, die im Spiel vorkommen, oft eine richtige Obsession. Anders Breivik hat seinen Angaben zufolge mit Shooterspielen seine Taten geübt und sich für das Töten desensibilisiert. Zudem gibt es eine große Überlappung von Gamer-Szene und rechtsextremer Szene. In verschiedenen Ländern gab es schon Initiativen von Regierungen, die Plattform-Betreiber darauf hingewiesen haben, was in ihren Foren überhaupt los ist. Das wird ein größeres Thema werden, denke ich.

Wie schätzen Sie die rechtsextremistische Bedrohung in Deutschland insgesamt ein?

Neumann: In Westeuropa steigt die Zahl von Rechtsextremen leicht an. Sicher steigt aber die Zahl der Rechtsextremen, die bereit sind, Taten wie in Neuseeland oder jetzt in Halle zu verüben. Das ist eine große Gefahr. Diese Anschläge haben auch ganz klar das Ziel, Nachahmer zu animieren. Man muss leider sagen, dass es eine Art Welle ist.

Im News-Ticker von merkur.de* informieren wir Sie über die aktuellen Geschehnisse in Halle.

Wie merkur.de* berichtet war Peter Neumann im Frühjahr 2019 zu Gast in der Talk-Show von Maybrit Illner im ZDF. Damals sprach er auch über das Attentat in Christchurch (merkur.de*)

Innenminister Horst Seehofer hat nach dem Anschlag in Halle Computerspiele für mitverantwortlich gemacht und will die Gamer-Szene stärker kontrollieren. Dafür wird er von Rezo und anderen heftig kritisiert.

Frank Plasberg will in seiner Sendung Antisemitismus diskutieren - doch er und sein Team sehen sich schnell selbst Vorwürfen ausgesetzt, den Judenhass zu verharmlosen.

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Interview: Stefan Reich

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