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Merkel ist die erste Kanzlerin

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- Berlin - Angela Merkel ist am Ziel eines langen Weges. Weiblich, ostdeutsch und Späteinsteigerin in die Politik: Die Wahl der 51-Jährigen zur Kanzlerin krönt die wohl ungewöhnlichste politische Karriere nach der Einheit und in der jüngeren deutschen Geschichte. Merkel ist nicht nur die erste weibliche Regierungschefin, sondern in diesem Amt auch die bisher jüngste.

Das "Experiment Merkel", das die CDU mit der Physikerin im Jahr 2000 mitten in der Parteispendenaffäre startete, hat einen Abschluss und Höhepunkt gefunden. "Ich will Deutschland dienen" - Merkel hat im Wahlkampf versucht, diesen Satz zu ihrem Markenzeichen zu machen. Nun kann sie ihn wohl umsetzen, wenn auch in einer großen Koalition.

Nach der Niederlage der SPD in Nordrhein-Westfalen am 22. Mai und der Ankündigung der Vertrauensfrage durch Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) schien der strahlenden Merkel die Macht fast von selbst zuzufallen. Anders als vor drei Jahren, als sie CSU-Chef Edmund Stoiber den Vortritt lassen musste, wurde sie diesmal ohne nennenswerte Diskussionen zur Kandidatin ausgerufen.

Sie blieb immer skeptisch, wenn Meinungsforscher und die Öffentlichkeit CDU/CSU als sichere Sieger der Bundestagswahl am 18. September sahen. Merkel behielt - wie so oft - recht. Der WahlAusgang - 35,2 Prozent für die Union - war alles andere als ein Plebiszit für sie. Auch Dank der Tatsache, dass ihr Vorgänger Gerhard Schröder sie bei weitem an Popularität übertraf, erreichte die SPD in einer fulminanten Aufholjagd noch 34,2 Prozent.

Ihr Wahlkampf und ihr Auftreten wurden fast unisono gelobt. Als eine Fehlentscheidung musste sie sich im Nachhinein zurechnen lassen, den Ex-Verfassungsrichter Paul Kirchhof als Finanzexperten in ihr Wahlteam berufen zu haben. Er verunsicherte viele Unionswähler mit Thesen über seine radikale Steuerreform. In Schröders SPD war er nur noch "der Professor aus Heidelberg".

Merkel behielt aber auch in der Krise kurz nach der Wahl die Nerven und setzte die verbliebene Macht taktisch klug ein. Schon zwei Tage nach dem für die Union enttäuschenden Votum setzte sie die Abstimmung über den Fraktionsvorsitz an. Mit dem Rekordresultat von 99 Prozent wurde sie bestätigt - auch eine Reaktion auf Schröder, der vor den Augen der erstaunten Nation das Kanzleramt erneut für sich reklamierte. CDU und CSU schlossen solidarisch die Reihen um Merkel und ihr gelang es, die Union hinter sich zu bringen. Dies war die entscheidende Weichenstellung im Kampf um das Kanzleramt. Letztlich musste sich die SPD dem Führungsanspruch Merkels beugen.

Die erste zu sein - diese Erfahrung hat die Pfarrerstochter aus Templin in Brandenburg mehrmals gemacht. Erst mit 35 Jahren kam die promovierte Physikerin in die Politik - zunächst als "Mädchen für alles" im "Demokratischen Aufbruch" während der Wendezeit. Sie wurde nach ein paar Monaten stellvertretende Sprecherin der ersten frei gewählten DDR-Regierung.

Mit 36 Jahren wurde sie Ministerin in Helmut Kohls Kabinett Kosename: "mein Mädchen". Die CDU in der Opposition sah Merkel 1998 als Generalsekretärin, auch schon damals als erste Frau und erste aus den neuen Ländern. Während der Spendenkrise scharte sich die Partei um sie, weil sie als erste in der Führung die Abnabelung von Kohl einleitete und anders als der damalige Parteichef Wolfgang Schäuble unbelastet von der Spendenaffäre war.

Schon ihre Wahl zur CDU-Vorsitzenden im Jahr 2000 war ein kleines politisches Wunder. Wieder war sie erste Frau auf diesem Posten. Merkel, in zweiter Ehe verheiratet und kinderlos, passte nur schwer zum Bild der "alten" und männerdominierten CDU. Alles, was zum politischen Handwerk gehört, musste sie sich selbst aneignen. Sie hatte weder den berühmten "Stallgeruch" noch eine Hausmacht.

Merkel will mit Reformen ihre Führungsfähigkeit dokumentieren. Der Koalitionsvertrag ist für sie nur eine Richtschnur. Sie will weiter denken. "Ich bin ein Mensch, der zutiefst überzeugt ist, dass menschliches Leben evolutionär geht, das heißt, dass wir uns immer verändern und verändern müssen. Ich finde Veränderungen nichts Schreckliches", ist ein Leitgedanke der Naturwissenschaftlerin.

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