Erbitterte Diskussion im TV

„Finanziell ging‘s uns gut“: Frau wählt freiwillig Hartz IV - und erzählt bei Plasberg-Talk davon

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Nadine Arens erzählte bei Frank Plasberg eine ungewöhnliche Hartz-IV-Geschichte.

Bei Frank Plasberg stritten sich die Gäste am Montagabend über Hartz IV, Armut und gesellschaftliche Teilhabe. Einige Erkenntnisse waren überraschend. 

Berlin - „Hart aber fair“ war am Montag nicht nur der Name der Sendung von Frank Plasberg. „Hart aber fair“ war auch das Urteil eines Gastes über Hartz IV. Dieses Urteil teilten andere jedoch nicht, sodass sich eine dynamische Diskussion ergab. „Hartz gleich arm - geht diese Rechnung auf?“ - so das Motto der Sendung. 

Mit von der Partie war die bislang anonyme Arbeitslose Sandra Schlensog, die den Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) per Online-Petition unlängst dazu aufgefordert hat, einen Monat lang von Hartz IV zu leben. Sie wiederholte ihre Kritik an Spahns Äußerungen zu Hartz IV und betonte, sie habe zwar ein Dach über dem Kopf und verhungere nicht, sei aber von gesellschaftlicher Teilhabe nachgerade ausgeschlossen. Diese sei durch Hartz IV nicht gewährleistet.

Konfuzius bei Frank Plasberg

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Alexander Krauß sah sich veranlasst, seinen Parteifreund Spahn zu verteidigen. Man rede zu viel über die Höhe der Sozialleistungen und zu wenig darüber, wie man Menschen in Arbeit bekomme. Zur Veranschaulichung bediente Krauß sich eines Konfuzius zugeschriebenen Zitats: „Gib einem Mann einen Fisch und du ernährst ihn für einen Tag. Lehre einen Mann zu fischen und du ernährst ihn für sein Leben.“

Zitierte den fernöstlichen Denker Konfuzius: CDU-Abgeordneter Alexander Krauß

Deutschlands bekanntester Ökonom Hans-Werner Sinn äußerte sich ähnlich. Spahns Aussagen seien von den Medien verzerrt worden. Zudem sei das deutsche Sozialsystem ein sehr gutes. Die Leistungen seien „im internationalen Vergleich außergewöhnlich“.

Hans-Werner Sinn erzählt von Armut

Auf Frank Plasbergs Frage, ob irgendjemand in der Runde außer Sandra Schlensog wisse, was Armut bedeute, hatte nur Hans-Werner Sinn eine bemerkenswerte Geschichte zu erzählen. Er sei als Sohn eines Lastwagenfahrers und einer Frisörin in den ärmlichen Verhältnissen Nachkriegsdeutschlands aufgewachsen. Das Geld habe hinten und vorne nicht gereicht.

Der ehemalige Chef des ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung in München Hans-Werner Sinn überraschte mit einigen Aussagen. 

Mit noch einer Überraschung wartete der Volkswirt auf: Er sprach sich für einen „doppelten Sozialstaat“ aus. „Einen, der einmal zahlt, wenn man keine Arbeit hat, dann aber zahlt, wenn man Arbeit hat, sodass niemand von seiner Hände Arbeit alleine leben muss.“ So klang der als marktorientiert bekannte Wissenschaftler nicht allzu verschieden von Michael Müller (SPD), dem regierenden Bürgermeister Berlins. 

Ein solidarisches Grundeinkommen?

Der nämlich warb für die Idee eines solidarischen Grundeinkommens von 1500 Euro brutto. Das sei an gewisse Bedingungen geknüpft, also nicht vergleichbar mit dem weltweit diskutierten bedingungslosen Grundeinkommen. Vielmehr handle es sich um eine staatlich subventionierte, sozialversicherungspflichtige Tätigkeit, zum Beispiel auf dem zweiten Arbeitsmarkt. Sandra Schlensog aber zeigte sich skeptisch: man müsse aufpassen, dass die Menschen so etwas nicht als Beschäftigungstherapie wahrnehmen.  

Der regierende Bürgermeister von Berlin Michael Müller (SPD) sprach sich für ein solidarisches Grundeinkommen aus. 

Der CDU-Mann Krauß widersprach: Das Konzept der Beschäftigungstherapie sei gar nicht so schlecht, da es auch gut sei, wenn Arbeitslose lernen, früh aufzustehen. Dafür griffen ihn Schlensog und die Sozial-Unternehmerin Sina Trinkwalder scharf an. Er stigmatisiere Arbeitslose. 

Video: Gutes Leben mit Hartz IV?

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„1,1 Millionen offene Stellen!“

Trinkwalder und Krauß gerieten daraufhin regelrecht ins Streiten. Während der CDU-Abgeordnete die 1,1 Millionen offenen Stellen in Deutschland als Hinweis erachtete, dass einige Menschen in Deutschland nicht arbeiten wollen, widersprach die Sozial-Unternehmerin vehement. 

Die Sozial-Unternehmerin Sina Trinkwalder sprach über die Herausforderung fortschreitender Automatisierung für den Arbeitsmarkt. 

Sie deutete an, offene Stellen gebe es vor allem für Hochqualifizierte und prekäre Beschäftigungsverhältnisse. Zudem seien viel mehr Menschen erwerbslos oder unterbeschäftigt, als offizielle Statistiken glauben machen. Die Digitalisierung und das Internet der Dinge stellten eine grundlegende Veränderung der Arbeitswelt dar, so Trinkwalder. 

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„Wir sind jedes Jahr nach Österreich gefahren“

Eine gänzlich andere Perspektive auf Hartz IV bot eine Frau aus dem Publikum, mit der Frank Plasberg sich am Rande der Diskussion unterhielt: Nadine Arens lebte nach der Geburt ihrer Kinder insgesamt fünf Jahre von Hartz IV. „Finanziell gesehen ging es uns damit gut, psychisch ist natürlich eine andere Sache“, erzählte sie.  

Die gelernte Erzieherin wählte das Leben von Hartz IV freiwillig, um bei ihren Kindern bleiben zu können. Ihr Leben sei in dieser Zeit nicht luxuriös gewesen, aber sie sei immerhin jedes Jahr mit ihren Kindern nach Österreich gefahren. Psychisch gehe es ihr nun aber bedeutend besser, da sie wieder arbeite und dadurch auch gesellschaftliche Anerkennung bekomme.  

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Komplexe Diskussion

So blieb am Ende der Diskussion der Eindruck, dass die Debatte um Sozialleistungen und Armut zu komplex ist, als dass sie in absehbarer Zeit beendet werden könnte. Eine Vielzahl wichtiger Faktoren muss bei etwaigen Änderungen beachtet werden: Finanzierbarkeit, Anreize zu arbeiten, ein Leben in Würde, kulturelle Teilhabe - das sind nur einige der großen Fragen beim Erdenken des perfekten Sozialsystems. 

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