Schießereien in Cancún:

Drogenkrieg im Urlaubsparadies: Gewalt erreicht Mexikos Traumstrände

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Bislang blieben die Touristenregionen vom Blutvergießen weitgehend verschont, doch jetzt tragen die Banden ihre brutalen Verteilungskämpfe direkt vor den Urlaubern aus.

Massengräber in Los Cabos, Schießereien in Cancún: Bislang blieben die Touristenregionen vom Blutvergießen weitgehend verschont, jetzt tragen die Banden ihre brutalen Verteilungskämpfe direkt vor den Urlaubern aus. Ein wichtiger Wirtschaftszweig ist in Gefahr.

Mexiko-Stadt - Es ist ein ruhiger Sonntagnachmittag, als sich der mexikanische Pazifikstrand Palmilla bei Los Cabos in eine Todeszone verwandelt. Bewaffnete eröffnen das Feuer, Schüsse zerreißen die Idylle, Badegäste laufen in Panik davon - am Ende bleiben drei Männer tot im Sand liegen.

Brutale Gewaltkriminalität ist in Mexiko seit langem traurige Realität. Im vergangenen Jahr wurden in dem lateinamerikanischen Land mehr als 20 000 Menschen getötet. Verbrechersyndikate wie das Sinaloa-Kartell, Los Zetas und Jalisco Nueva Generación führen einen blutigen Krieg um Einflussgebiete und Geschäftsfelder.

Mehrere Schießereien im Badeort Cancún

Neu ist allerdings, dass die Gewalt auch die bislang als relativ sicher geltenden Urlaubsregionen wie Los Cabos, Cancún und Playa del Carmen erreicht. In einer aktualisierten Version seiner Reisewarnung für Mexiko äußerte sich das US-Außenministerium zuletzt besorgt über die Situation in den Bundesstaaten Baja California Sur (Los Cabos) und Quintana Roo (Cancún). „Es kommt zu Schießereien, bei denen Unbeteiligte verletzt oder getötet werden“, heißt es in der Warnung.

Am vergangenen Wochenende erschossen Angreifer zwei Kriminalpolizisten außer Dienst und deren Sohn auf dem Parkplatz eines Einkaufszentrums in Cancún. Im Januar und im Juni lieferten sich Bandenmitglieder und Sicherheitskräfte in dem bei Touristen aus den USA und Europa beliebten Badeort an der Karibikküste heftige Schießereien. Zuletzt wurde ein Koffer mit Leichenteilen entdeckt. Im nahe gelegenen Playa del Carmen kamen bei einem Angriff auf ein Techno-Festival fünf Menschen ums Leben, darunter vier Ausländer. In Los Cabos wurde ein Massengrab mit fast 20 Toten entdeckt.

„Wir können es nicht abstreiten. Wir wissen, dass an einigen Orten die Unsicherheit zugenommen hat. Das bereitet uns Sorge“, räumt der mexikanische Tourismusminister Enrique de la Madrid ein. Mit 2237 Tötungsdelikten war Juni der blutigste Monat seit Beginn der offiziellen Erhebung vor 20 Jahren. Auch in den touristisch wichtigen Bundesstaaten Baja California Sur und Quintana Roo haben die Mordzahlen kräftig zugelegt.

Tourismus erleidet Einbußen

Der Tourismus ist ein bedeutender Wirtschaftszweig in Mexiko. Im vergangenen Jahr kamen 35 Millionen internationale Urlauber. Die Touristen spülten 19,6 Milliarden US-Dollar (heute etwa 16,6 Mrd Euro) in die Kassen Mexikos. Der Sektor trägt 8,7 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt von Mexiko bei. Rund neun Millionen Menschen arbeiten in der Branche.

Berichte über Schießereien, Entführungen und Raubüberfälle sind schlecht für das Geschäft. Branchenvertreter beeilen sich zu versichern, dass keine Gefahr für die Urlauber bestehe. „Trotz der beunruhigenden Nachrichten der letzten Wochen versichern wir unseren Besuchern, dass die Situationen schnell unter Kontrolle gebracht wurden und kein Risiko für Touristen besteht“, hieß es in einer Mitteilung des Tourismusbüros von Quintana Roo.

In den vergangenen Monaten haben die internen Verteilungskämpfe in der mexikanischen Unterwelt eine beispiellose Gewaltwelle ausgelöst. Seit Jahresbeginn wurden nach Angaben des Innenministeriums über 14.000 Menschen getötet. Nach der Auslieferung von Drogenboss Joaquín „El Chapo“ Guzmán an die USA kämpfen verschiedene Fraktionen um die Kontrolle des mächtigen Sinaloa-Kartells. Andere Verbrechersyndikate wollen die vermeintliche Schwäche nutzen und ihren Einfluss ausbauen.

Acapulco als schlechtes Vorbild

Zudem mischen immer mehr kleinere Banden im Geschäft mit Drogen, Schutzgelderpressung und Benzindiebstahl mit. Bislang haben die Sicherheitsbehörden keine Antwort gefunden. „Der Anstieg der Mordraten in Mexiko spiegelt unüberlegte Sicherheitsstrategien, die Zersplitterung der kriminellen Organisationen und die Diversifizierung der illegalen Aktivitäten wider“, sagt Froylán Enciso vom Forschungsinstitut International Crisis Group.

Tourismus-Minister De la Madrid hofft, dass die schlechten Nachrichten sich nicht in sinkenden Urlauberzahlen niederschlagen. „Aber das Risiko besteht natürlich. Wir werden das sehr genau beobachten“, sagt er. In den Urlaubsorten in Baja California Sur und Quintana Roo soll nun eine neue Touristen-Polizei für mehr Sicherheit sorgen.

Zwar sind die Urlaubsregionen in Mexiko verglichen mit den Hochburgen des organisierten Verbrechens noch immer recht sicher. Aber die Behörden wollen um jeden Preis verhindern, dass Los Cabos und Cancún das gleiche Schicksal ereilt wie Acapulco. Verschiedene Verbrechersyndikate kämpfen dort um die Vorherrschaft, mitunter liefern sie sich Schießereien mitten auf der Touristenmeile am Strand. Einst stieg der internationale Jetset in dem mondänen Badeort ab, Touristen aus aller Welt logierten in eleganten Luxushotels und bewunderten die mutigen Klippenspringer. Heute ist die Perle am Pazifik mit 113 Morde je 100.000 Einwohner die zweitgefährlichste Stadt der Welt außerhalb von Kriegsgebieten.

dpa

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