Einigkeit in einem Thema

Corona-Ampel oder Kontaktbeschränkung? Die Strategien von Deutschlands Top-Virologen Drosten und Streeck

Seit Beginn der Corona-Pandemie vertrauen viele Menschen auf den Rat der beiden Top-Virologen Christian Drosten und Hendrik Streeck. Die beiden Experten sind sich allerdings nicht immer einig.

  • Die beiden Top-Virologen Christian Drosten und Hendrik Streeck fahren im Umgang mit der Corona-Pandemie* unterschiedliche Strategien.
  • Streeck kritisierte unter anderem den Lockdown im Frühjahr dieses Jahres.
  • Drosten appelliert an die Eigenverantwortung der Bevölkerung, um die Infektionszahlen zu senken.

München - Das Wetter wird schlechter, die Blätter fallen von den Bäumen, es wird allmählich herbstlich in Deutschland. Das merkt man auch an der Zahl der täglich steigenden Corona-Neuinfektionen im Land. Diese Entwicklung war für den Herbst und auch für den anstehenden Winter zu erwarten. Darin waren sich alle Experten einig, auch die beiden Top-Virologen Christian Drosten und Hendrik Streeck. Im Umgang mit der Pandemie und der Bewertung der Zahlen unterscheiden sich ihre Strategien allerdings.

Corona: Unterschiedliche Strategien der Top-Virologen Drosten und Streeck

Die beiden Forscher* zählen zu den bekanntesten Gesichtern der Corona-Pandemie und sind wohl die bekanntesten Virologen Deutschlands. Drosten, der nun vor einer gefährlichen Kettenreaktion warnte, ist Leiter des Instituts für Virologie an der Berliner Charité. Für seine Arbeit und seine Erklärungen zum Thema Coronavirus*, unter anderem in seinem regelmäßig erscheinenden NDR-Podcast, wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Streeck ist seit Oktober 2019 Direktor des Institutes für Virologie und HIV-Forschung an der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn. Er untersuchte mit dem Kreis Heinsberg den ersten Corona-Hotspot Deutschlands.

Corona in Deutschland: Streeck kritisiert Lockdown im Frühjahr

In ihren Ansichten und Strategien im Umgang mit dem Coronavirus* sind sich die beiden Virologen längst nicht immer einig. So auch nicht beim Thema Lockdown. Bereits im Juni kritisierte Streeck die getroffenen Corona-Beschränkungen in Deutschland. Nach dem Verbot von Großveranstaltungen sei bereits ein Sinken der Infektionszahlen festzustellen gewesen.

„Die weiteren Maßnahmen wie Kontaktbeschränkungen hätte ich dann vom tatsächlichen Verlauf abhängig gemacht, auch um zu sehen, wie die einzelnen Beschränkungen wirken und ob zusätzliche Schritte wirklich nötig sind“, erklärte Streeck. Deutschland sei, neben der Sorge um die Kapazitäten der Krankenhäuser auch wegen eines gewissen öffentlichen Drucks, „zu schnell in den Lockdown gegangen“, sagte der Virologe.

Corona: Drosten kontert Streecks Aussagen zum Thema Lockdown

Drosten hingegen war nicht einverstanden mit den Aussagen seines Virologen-Kollegen. Er distanzierte sich in seinem Podcast indirekt von Streecks Äußerungen, indem er von einer Studie berichtete, wonach in Deutschland ohne den Lockdown bis Anfang Mai mehr als 570.000 Menschen hätten sterben können. Drosten widersprach somit der Aussage, dass ein Lockdown möglicherweise nicht in diesem Maße notwendig gewesen sei.

Umgang mit der Corona-Pandemie: Drosten appelliert an Eigenverantwortung

Für den Umgang mit der Corona-Pandemie* in der anstehenden kalten Jahreszeit haben beide Virologen ebenfalls unterschiedliche Strategien. Drosten appelliert an die Eigenverantwortung der Bevölkerung. In der Bundespressekonferenz am Freitag rief er die Menschen dazu auf, weiterhin Masken zu tragen und gezielt gegen Cluster vorzugehen. Jeder Mensch solle ein Kontakttagebuch führen. Im Falle einer Infektion könne man die Infektionsketten so besser nachverfolgen und weitere Ansteckungen vermeiden, erklärte der Virologe.

In einem Interview mit der Zeit machte sich Drosten zudem für weitere Einschränkungen stark. Für die anstehenden Herbstferien und die Weihnachtszeit machte er den Vorschlag einer „Vorquarantäne“ vor dem Besuch von Risikogruppen. „Also, dass Menschen einige Tage, optimalerweise eine Woche, vor dem Familienbesuch mit Oma und Opa soziale Kontakte so gut es geht vermeiden“, erklärte Drosten seine Idee.

Corona in Deutschland: Streeck spricht sich für Ampelsystem aus

Streeck hingegen betonte in einem Interview mit Focus Online, dass die zunehmende Anzahl der Infektionen im Herbst und Winter nichts Negatives sei, solange es sich vorrangig um milde und asymptomatische Infektionen handele. Man dürfe nicht nur auf die Fallzahlen schauen, um das Infektionsgeschehen zu bewerten. Schließlich sei das Coronavirus für die meisten Menschen nicht gefährlich, sondern lediglich für einige wenige, berichtete Streeck. „Es muss darum gehen, wie sehr die Gesellschaft mit einer Krankheit belastet ist – und darüber sagt die reine Infektionszahl nicht unbedingt etwas aus“, erklärte der Experte.

Daher setzt sich Streeck für ein Ampelsystem* zur Bewertung der Corona-Lage ein. Dieses solle einen Richtwert aus Infektionszahlen, Anzahl der Tests, sowie stationärer und intensivmedizinischer Belegung abbilden. Weitere Maßnahmen, wie beispielsweise Kontaktbeschränkungen, müssten nur erlassen werden, wenn diese Ampel gelb würde. „Wenn wir uns danach richten, dann haben wir eine gute Chance, gut durch den Winter zu kommen“, sagte Streeck.

Drosten und Streeck: Einigkeit in Forderung pragmatischer Lösungen

In einer Sache kommen die beiden Top-Virologen allerdings auf einen gemeinsamen Nenner: sie fordern pragmatische Lösungen für die kommende Zeit. Nur so sei irgendwann eine neue Art von Normalität möglich. Ein möglicher Lösungsansatz sind Antigentests*. Sie sind zwar weniger sensitiv als PCR-Tests, dafür deutlich günstiger und insbesondere schneller. „Sie liefern binnen Minuten ein Ergebnis“, erklärte Streeck. Der Virologe empfiehlt den Einsatz dieser Tests, etwa in Alten- und Pflegeheimen. „Besucher könnten sich kurz vor ihrem Besuch selbst testen, Betroffene und Mitarbeiter ebenfalls in regelmäßigen Abständen“, so sein Vorschlag.

Drosten sprach sich ebenfalls für einen Einsatz von Antigentests aus. Allerdings würden diese wohl nicht mehr vor einem möglicherweise hohen Infektionsanstieg im Winter verfügbar sein. „Eine vorsichtige Schätzung könnte sein, wenn es richtig gut läuft: im Dezember“, erklärte der Virologe. Zudem solle mithilfe der PCR-Tests in Zukunft auch die Infektiösität eines Patienten getestet werden. Über die Viruslast könne man ermitteln, wie ansteckend eine Person ist, so Drosten. Dadurch könne man die Abklingzeit ableiten und so abschätzen, wie lange sich eine mit Corona infizierte Person in Quarantäne begeben müsse, erklärte der Experte in seinem Podcast. (ph) *Merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks

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