Die Reaktionen der Politik

Nach TV-Duell: Kauder bremst Euphorie - Maas spürt Rückenwind für SPD

Beim TV-Duell sahen sich die beteiligten Parteien wenig überraschend selber als Sieger. Von der AfD kam dagegen nur Lob für eine Seite. Die Reaktionen der Politik.

Berlin - Unionsfraktionschef Volker Kauder sieht die Wahl am 24. September nicht entschieden - auch wenn Merkel nach Umfragen das TV-Duell am Sonntagabend für sich entschied. CDU und CSU gingen nun mit großer Zuversicht in den Schlussspurt, sagte Kauder der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. Er mahnte jedoch: „Wir wissen aber auch: Die Wahl wird nicht in einem TV-Duell entschieden.“

Nach Ansicht des schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Daniel Günther hat Kanzlerin Angela Merkel (CDU) eindeutig gegen ihren Herausforderer Martin Schulz (SPD) gewonnen. „Angela Merkel war stark und überzeugend“, sagte der CDU-Politiker am Sonntagabend der Deutschen Presse-Agentur. „Ich fand sie deutlich souveräner als ihn.“ Schulz sei nach seinem Eindruck sehr aggressiv aufgetreten.

Merkel habe auf alle Fragen gut reagiert und sich nicht überraschen lassen, auch nicht, als Schulz in der Türkei-Frage eine überraschende Position bezogen habe, sagte Günther. Dies bezog sich auf das Plädoyer von Schulz für einen Stopp der EU-Beitrittsverhandlungen mit Ankara. „Ich fand ihn erstaunlich nervös“, sagte der Kieler Regierungschef über den SPD-Kanzlerkandidaten. Die Chance, die ein solches TV-Duell biete, habe er nicht genutzt. In der Sendung seien die Probleme in Deutschland zu kurz gekommen, sagte Günther. Es sei nicht langweilig gewesen, sondern es hätten sich durchaus Unterschiede offenbart.

SPD-Genossen loben Schulz-Auftritt

Bundesjustizminister Heiko Maas sagte der dpa, der Auftritt von Schulz habe der SPD Mut gemacht. „Martin Schulz und der gesamten SPD wird das Duell Rückenwind geben.“ Schulz sei überzeugend, souverän und leidenschaftlich gewesen, erklärte der SPD-Politiker. Ein schlichtes „Weiter so“ der Kanzlerin reiche nicht.

Der SPD-Landesvorsitzende Ralf Stegner twitterte, „bei Erdogan und der Türkei ist Martin Schulz mit klaren Worten, Frau Merkel mit abwiegelnden Formulierungen unterwegs“. Das TV-Duell zeige glasklar: „Merkel will wenig anders, nichts besser und das meiste am liebsten gar nicht machen“, fügte Stegner hinzu. „Klare Ansagen von Martin Schulz zum Thema soziale Gerechtigkeit bei Arbeit, Bildung, Familie, Mieten, Rente. Merkel schwurbelt.“

Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) hat dem Kanzlerkandidaten seiner Partei, Martin Schulz, nach dem TV-Duell am Sonntagabend ein gutes Zeugnis ausgestellt. Schulz habe kompetent, präzise und überlegt deutlich gemacht, vor welchen Herausforderungen Deutschland stehe, und wie er sie angehen wolle, sagte Scholz. „Deutschland muss gerechter werden und gleichzeitig auf dem Wachstumspfad bleiben. Wir brauchen höhere Löhne und eine auskömmliche Rente.“

Bilder: So lief das TV-Duell zwischen Merkel und Schulz 

Schulz hat bereits an diesem Montag einen weiteren großen Wahlkampf-Auftritt beim bayerischen Volksfest Gillamoos. Er wünscht sich ein zweites Duell, da viele Zukunftsthemen nicht zur Sprache gekommen seien. Merkel lehnt ein weiteres Aufeinandertreffen aber ab. Die Kanzlerin trifft sich heute mit zahlreichen Oberbürgermeistern, um das weitere Vorgehen in der Diesel-Krise zu beraten. Am Abend gibt es in der ARD einen „Fünfkampf“ mit den Spitzenkandidaten von CSU (Joachim Herrmann), Grünen (Cem Özdemir), FDP (Christian Lindner), Linkspartei (Sahra Wagenknecht) und AfD (Alice Weidel).

Die Opposition im Bundestag zeigte sich enttäuscht von dem Fernsehduell. Linke-Spitzenkandidat Dietmar Bartsch sprach von einem „großkoalitionären Therapiegespräch“. „Martin Schulz hat sich nicht von der Union abgesetzt“, monierte Bartsch. Er hielt Schulz vor, nach der Wahl eine Fortsetzung von Schwarz-Rot als Juniorpartner mittragen zu wollen.

Die Grünen kritisierten, Schulz habe keine Ideen für die Zukunft gehabt. „Dass von Merkel keine Dynamik für Veränderung kommt, war zu erwarten, aber auch von Martin Schulz kamen keine Impulse für einen echten sozialen und ökologischen Wandel in diesen dramatischen Zeiten“, sagte Grünen-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt der dpa.

„Jeder weiß, dass Frau Merkel Kanzlerin bleibt“

FDP-Chef Christian Lindner kritisierte, es sei eher um Vergangenheitsbewältigung und nicht um die Zukunft des Landes gegangen. „Das Duell erinnerte an Szenen einer alten Ehe, in der es mal knirscht, aber beide Seiten wissen, dass man auch künftig miteinander muss“, sagte Lindner der dpa. „Jeder weiß, dass Frau Merkel Kanzlerin bleibt, das Rennen um die Plätze 1 und 2 ist gelaufen. Das Rennen um Platz 3 gewinnt dadurch weiter an Bedeutung.“

Der Vorsitzende der Mittelstandsvereinigung von CDU und CSU, Carsten Linnemann, sagte der dpa: „Schulz ist rhetorisch geschickt, ein Meister der markigen Worte. Sein Problem ist aber, dass seine Einwände nicht auf fruchtbaren Boden fielen. Schließlich hat die SPD im Bundestag die Entscheidungen der großen Koalition immer mitgetragen.“

Der Medienwissenschaftler Bernd Gäbler hält das Format des TV-Duells für überholt. „Die Sendung war leblos und frei von jeder Überraschung.“ Fast alle wichtigen Zukunftsfragen, vor denen Deutschland stehe, seien ausgeklammert worden. „Die Sendung war mehr Parallelslalom als Duell“, sagte Gäbler der dpa. „In diesem Nebeneinander demonstrierten die Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihr Herausforderer Martin Schulz inhaltlich eigentlich nur, dass eine große Koalition jederzeit wieder möglich ist.“

Frank Brettschneider, Kommunikationswissenschaftler an der Universität Stuttgart-Hohenheim, sagte dem „Handelsblatt“ (Montag): „Viele Gemeinsamkeiten, wenig Unterschiede. Bestimmt nicht der Start für eine Aufholjagd von Martin Schulz.“ Der Politikberater Michael Spreng sagte, Schulz habe bei einigen Themen punkten können, etwa bei Maut, Türkei und Rente. „Aber diese Punkte waren nicht so stark, dass jetzt die Umfragen in die Höhe schießen“, sagte der frühere Berater des ehemaligen Unions-Kanzlerkandidaten Edmund Stoiber (CSU).

In Blitzumfragen von ARD und ZDF lag Merkel am Sonntagabend vorn. Allerdings waren die Zahlen der Umfrageinstitute infratest dimap und der Forschungsgruppe Wahlen sehr unterschiedlich. Nach ARD-Angaben lag Merkel mit 55 zu 35 Prozent klar vorne. Im ZDF war es viel knapper: Hier kam die Kanzlerin auf 32 Prozent Zustimmung, Schulz auf 29 Prozent. 39 Prozent der Befragten waren unentschieden. Die Forschungsgruppe sprach sogar von einem „Patt“. Dagegen hieß es in der ARD, Merkel sei in ihren drei TV-Duellen als Kanzlerin noch nie so klar vorn gewesen.

Dabei hatte sich Schulz im einzigen Duell vor der Wahl angriffslustig gezeigt. So warf der SPD-Chef der Kanzlerin schwere Fehler in der Flüchtlingskrise vor. Zudem warf er der CDU-Vorsitzenden vor, sie wolle die Rente mit 70 einführen. Merkel widersprach jeweils energisch. Im Konflikt mit der Türkei sprach sich Schulz für einen Stopp der EU-Beitrittsverhandlungen mit Ankara aus. Merkel verwies darauf, dass der Abbruch der Beitrittsverhandlungen einstimmig von allen EU-Mitgliedstaaten beschlossen werden müsse.

Die SPD liegt seit Wochen in den Umfragen im Schnitt 15 Prozentpunkte hinter der Union. Das Duell wurde von den vier Sendern ARD, ZDF, RTL und Sat.1 veranstaltet und ausgestrahlt. Es wurde erwartet, dass bis zu 20 Millionen Zuschauer den Schlagabtausch verfolgen.

„Ich wünsche mir Claus Strunz als Kanzler“ - Die Twitter-Reaktionen zum TV-Duell

AfD-Chefin Frauke Petry hat das TV-Duell der Kanzlerkandidaten als belanglos kritisiert. „Ich habe trotz überraschend kritischer Fragen der Journalisten noch nie in 90 Minuten so viele Plattitüden und Phrasen auf einen Haufen gehört, so viel Oberflächliches und Belangloses am Stück“, sagte die Bundes- und sächsische Landesvorsitzende am Sonntagabend nach dem Aufeinandertreffen. „Für Deutschlands Zukunft verheißt das nichts Gutes. Am besten gefiel mir Merkels Satz - ausgerechnet von ihr zu hören: „Es zählt nur, was Parteien als Ganzes beschließen“.“

Vertreter kleinerer Parteien haben sich enttäuscht vom TV-Duell zwischen Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Herausforderer Martin Schulz (CDU) geäußert. Man habe „ein Trauerspiel gemeinsamer Ideenlosigkeit gesehen“, sagte Linke-Bundesgeschäftsführer Matthias Höhn am Sonntagabend im ZDF. Grünen-Geschäftsführer Michael Kellner sprach von „zwei Umweltversagern“. Auch „völkischer Hass“ in der Gesellschaft, der zum Teil von einer Partei rechtsaußen geprägt werde, sei nicht thematisiert worden, sagte er mit Blick auf die AfD.

FDP-Generalsekretärin Nicola Beer kritisierte, über Digitalisierung und Bildung sei nicht gesprochen worden. AfD-Vorstandsmitglied Georg Pazderski sagte, es seien keine Lösungen für Probleme angeboten worden.

Video: Glomex

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