Höchste Auszeichnung des DOSB für Sportwissenschaftler der Stiftungsuniversität Hildesheim

Nah an der Wahrnehmungsgrenze

Professor Thomas Heinen im neuen Bewegungslabor der Universität Hildesheim mit einer „Highspeed-Kamera”, die besonders gut schnelle Bewegungen des Menschen aufzeichnen kann.

HILDESHEIM Der Hildesheimer Prof. Dr. Thomas Heinen erhielt in der Orangerie des Erlanger Schlossgartens den alle zwei Jahre vergebenen Ersten Preis des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) für Sportwissenschaften aus den Händen des Präsidenten Alfons Hörmann. Die mit einem Ersten Preis ausgezeichnete Habilitationsschrift trägt den Titel: „Visuomotorische Kontingenzen bei der Auswahl, Kontrolle und Aneignung von komplexen Bewegungshandlungen im Sport“ und stellt als Hauptgegenstand die komplexen Disziplinen des Gerätturnens und Trampolinspringens in den Mittelpunkt seiner Forschungen.

Beim Gerätturnen erklimmen Sportler den Raum und fliegen durch die Luft, etwa Trampolinspringer. Was charakteristisch am turnerischen Bewegen ist, beschreibt Thomas Heinen so: „Die Flüssigkeit der Bewegungen soll sehr leicht aussehen, der Turner wirkt nicht so, als würde er sich sehr anstrengen müssen. Doch dahinter steckt eine enorme Leistung des Sportlers. Das Turnen stellt mit die höchsten Anforderungen an den Menschen: maximale Kraftleistungen in komischen Körperpositionen, die man im Alltag so nicht hat. Der ganze Körper ist beim Turnen in Bewegung, das erfordert Koordination. Man ist nah an der Wahrnehmungsgrenze, sich aus eigenem Antrieb in der Komplexitäthneller zu bewegen, geht kaum.“

Experten im Gerätturnen seien in der Lage, Bewegungen mit einfachen und mehrfachen Drehungen um unterschiedliche Körperachsen scheinbar leicht und präzise auszuführen. „Bei genauerer Betrachtung sind solche Bewegungen jedoch sehr komplex.“ Wie werden diese Bewegungen kontrolliert? Mit dieser Frage befasst sich der Professor für Sozialwissenschaften des Sports an der Universität Hildesheim in seiner Habilitationsschrift. Der Sportwissenschaftler untersucht, was im Körper passiert, um sportliche Leistungen im Geräteturnen erbringen zu können. Wie nehmen Sportler bei komplexen Bewegungen in der Luft überhaupt noch etwas wahr? Dafür misst er das Blickverhalten mit mobilen Geräten und kann so erfassen, in welchen Phasen das Auge – etwa bei einem dreifachen Salto – geschlossen ist, wann es stationär auf einem bestimmten Punkt ruht und man sich darauf fixiert.

Thomas Heinen hat die Zusammenhänge zwischen dem Blick- (Augenbewegungen) und Bewegungsverhalten untersucht und Turnexperten und Anfänger bei Salti und Überschlägen beobachtet. Wie verändert sich das Blickverhalten im Laufe des Lernprozesses? Seine Forschungsergebnisse zeigen: „Während das Blickverhalten zu Beginn recht unstrukturiert ist, kristallisieren sich im Laufe des Lernens bestimmte, vorhersagbare Blickstrategien heraus, welche ebenfalls das Bewegungsverhalten vorhersagen lassen. Ein Trampolinturner ‚schaut’ also zu den Stellen, die ihm helfen, einen Salto auszuführen.“

Der Sportwissenschaftler zeigt im zweiten Schritt, wie die Umwelt Einfluss auf die Ausführung von Bewegungen nimmt. „In einer Reihe von Untersuchungen haben wir zum Beispiel die Position des Sprungbretts im Turnen verändert. Davon wussten die Aktiven nichts. Wir haben untersucht, wie sich der Anlauf dann quasi wie von selbst anpasst, um trotzdem das Sprungbrett beim Absprung zu einem Salto präzise zu treffen.“

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