Niedersachsen-Derby Braunschweig gegen Hannover 96 sprengt alle Dimensionen / Sportlicher Existenzkampf

Wenn Fußball zum Wahnsinn wird...

Beim Spiel gegen Werder Bremen machen 96-Anhänger deutlich, was sie von ihrem Team am Sonntag erwarten: Im Derby gegen Braunschweig zählt nur ein Sieg. Fotos: Zwing/gsd

HANNOVER Ist das schon „Fußball pervers“? Vieles deutet jedenfalls vor dem Bundesliga-Derby am Sonntag (15.30 Uhr) zwischen Eintracht Braunschweig und Hannover 96 darauf hin. Um Fußball scheint es streng genommen wohl nur noch am Rande zu gehen. Allein schon diese Konstellation hat das Niedersachsen-Duell noch heißer werden lassen.

Hannover hat aus den letzten neun Spielen nur einen Sieg geholt, ist durch die schwarze englische Woche mit drei Niederlagen endgültig in die Abstiegszone abgerutscht. Die Aufbruchsstimmung mit den zwei Siegen gegen Wolfsburg und Gladbach nach der Winterpause mit dem neuen Trainer Tayfun Korkut – sie ist längst dahin. Die Mannschaft ist auch unter dem Slomka-Nachfolger in frühere Verhaltensmuster zurückgefallen, zeigte sich vor allem seltsam lethargisch. Gerade so, als hätten eben noch nicht alle Spieler verinnerlicht, dass es beinhart um den Klassenerhalt geht. Die derzeit noch fünf Punkte Vorsprung vor der unmittelbaren Gefahrenzone sind absolut trügerisch. Folgt in Braunschweig eine weitere Pleite, die aufgrund der Auswärtsschwäche nicht völlig überraschend kommen würde, stecken die „Roten“ ganz tief drin im Schlamassel.

Einmal mehr wird Korkut sein Team umbauen. Salif Sané hat sich nach seiner ganz schwachen Leistung gegen Bremern (1:2) aus der Mannschaft gespielt. Lars Stindl dürfte ihn neben Andreasen auf der Sechser-Position ersetzen. Dafür übernimmt Leo Bittencourt wieder die rechte Seite. Vorne wird wohl der lange verletzte Didier Ya Konan erstmals wieder von Beginn an neben Artjoms Rudnews stürmen, um dem „Sturm“, der diesen Namen zuletzt kaum verdiente, endlich wieder etwas zu beflügeln.

Was die Fans von 96 beim erneut über die Maßen hochstilisierten Niedersachsen-Derby erwarten, demonstrierten sie unter der Woche beim Training. „Wir wollen den Derby-Sieg“, skandierten sie wie schon vor dem traurigen 0:0 im vergangenen November, als das schwache Match zu einer schlimmen „Pyromanen-Veranstaltung“ ausartete. Da passte es ja prima, dass das Strafgeld für Hannover 96 (100 000 Euro) erst jetzt über vier Monate später genau in der Woche vorm zweiten Derby bekanntgegeben wurde – sozusagen als Abschreckung?

3300 Polizisten und Bundespolizisten sind morgen rund um das Spiel (?) im Einsatz, um den fast schon krankhaften Fanatismus bei vielen Anhängern beider Klubs zumindest halbwegs in geordneten Bahnen zu halten. Selbstverständlich auf Steuerzahlers Kosten, denn die Klubs ziehen sich diesbezüglich ja lieber ins Abseits zurück. Die 96-Anhänger soll(t)en mit 50 Bussen vom Schützenplatz in Hannover, wo sie erst ihre Eintrittskarten erhalten, nach Braunschweig gefahren werden. Dagegen klagten bereits mehrere Ticketkäufer, worüber sich Richter nun Gedanken machen mussten. Andere 96-„Fans“ wollen am Hauptbahnhof in Braunschweig demonstrieren gegen die Kartenvergabe, auch dort wird ein Großaufgebot der Polizei zur Stelle sein. Und relativ ungeregelt ist die Abreise der 96-Fans, die im Gegensatz zur über zwei Stunden gestaffelten Bus-Anreise mehr oder minder auf einen Schlag erfolgen soll.

Wenn der Fußball zum Wahnsinn wird! Viele „normale“ Fußball-Anhänger schütteln über die völlig übertriebenen Auswüchse eines SPIELS nur noch ungläubig und sogar angewidert den Kopf. Und schauen sich den Existenzkampf der beiden niedersächsischen Traditionsmannschaft lieber im TV an. haz/gsd

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