Bundesliga

Mainz 05 und Sandro Schwarz: Trennung unter großem Leidensdruck

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Der FSV Mainz 05 trennt sich von Trainer Sandro Schwarz nach der 2:3-Niederlage gegen Union Berlin.

Mainz 05 trennt sich nach der Heimpleite gegen Union Berlin von Sandro Schwarz. Ob das die Wende bringt, werden  die nächsten Wochen zeigen.

Es hat in der wechselvollen Geschichte der Fußball-Bundesliga sicherlich schon Trainer-Entlassungen gegeben, nach denen sich alle Beteiligten miteinander wohler gefühlt haben als am Sonntag bei Mainz 05. Eine Trennung vom persönlich in der Führungsetage allseits geschätzten Sandro Schwarz wird bei den Nullfünfern wie ein schmerzlicher Verlust wahrgenommen. Umso größer muss der Leidensdruck gewesen sein, der nach intensiven und emotionalen Gesprächen am Sonntagmorgen dazu führte, dennoch auseinanderzugehen. 

Schwarz, ein aufrechter Charakter, geboren in Mainz, großgeworden in der Jugend beim FSV, dort zum Profi gereift, später zum Jugend- und U23-Trainer und schließlich für zweieinhalb Jahre zum Bundesliga-Chefcoach, befand sich aufgrund seiner Vita und seiner Persönlichkeit schon viel länger in einer Schutzzone, als das bei herkömmlichen Trainern der Fall gewesen wäre.

Schwarz verabschiedete sich am Sonntag persönlich in der Kabine von den Spielern. Co-Trainer Moritz Lichte soll die Mannschaft nur kurz betreuen, ein neuer Chefcoach wird dringlich gesucht, aus dem eigenen Stall drängt sich, anders als in den Fällen Thomas Tuchel, Martin Schmidt und Sandro Schwarz, diesmal niemand auf. Das bestätigte Sportchef Rouven Schröder am Sonntag in einem Pressegespräch.

FSV Mainz 05 unter Sandro Schwarz: 30 Gegentreffer sind zuviel

Die ersten Trainer-Berater hätten sich „25 Sekunden, nachdem wir die Trennung bekanntgegeben haben“ gemeldet. Schröder fügte hinzu, die „hundertprozentige Überzeugung“ zur weiteren Zusammenarbeit habe gefehlt. Schwarz habe das nachvollziehen können. Es habe eine Stimmung geherrscht, dass man es „gemeinschaftlich im Verein nicht mehr hinbekommt, aus der Negativspirale herauszukommen“.

Nach drei Offenbarungseiden beim 0:1 in Düsseldorf, 0:8 in Leipzig und am Samstag beim 2:3 (0:2) gegen Union Berlin hatte Schwarz keine Argumente mehr für den Glauben an eine fundierte Fortentwicklung der auf Platz 16 abgerutschten Rheinhessen. Zu drastisch fiel – schon seit dem Pokalaus beim Drittligisten 1. FC Kaiserslautern – die Armut an konstruktivem Zusammenspiel, Widerstandswillen und der Bereitschaft zu defensivem Denken und Handeln auf. Das Resultat: eine debakulöse Torbilanz mit 30 Gegentreffern nach elf Spieltagen. „Bei uns“, sagt der in Mainz geborene Mittelfeldmann Ridle Baku, noch der beste Nullfünfer am Samstag, „stimmt es hinten und vorne nicht.“ Eine ebenso richtige wie deprimierende Erkenntnis.

FSV Mainz 05 und Sandro Schwarz: Zuversicht zu Beginn der Saison

Schwarz verantwortete eine Mannschaft, die sich zunehmend in Einzelteile zerlegte. Der Trainer fand keinen Klebstoff. Der zerfahrene Auftritt gegen den Aufsteiger Union Berlin rundete dieses Bild nach unten ab. Schwarz hatte danach „zu wenig Energie, sich im Kollektiv entgegenzustemmen“ ausgemacht. Da diese Diagnose auch für die Spiele in Düsseldorf und Leipzig schon stimmte, ohne dass er Trainer eine die Symptome zumindest mildernde Arznei gefunden hätte, wäre eine weitere Zusammenarbeit mit dem 40-Jährigen ein zu schwer kalkulierbares Risiko gewesen. Denn gerade Tugenden wie Wucht und Hingabe waren zuletzt komplett verschüttgegangen.

Dabei waren sie bei den Nullfünfern vor Saisonbeginn noch begründet zuversichtlich gewesen, nach zwei zwar unrunden, aber am Ende glimpflich verlaufenen Spieljahren unter Schwarz mit den Abschlussplätzen 14 und 12 eine Saison ohne Zittern zu erleben. Denn die Mannschaft hatte nur eine Stammkraft, den Franzosen Jean-Philippe Gbamin, verloren und war für fast 25 Millionen Euro aufgerüstet worden. Indes: Finanzieller Aufwand und sportlicher Ertrag stehen in einem kompletten Missverhältnis.

FSV Mainz 05: Kein einziger Neuzugang hat bislang überzeugt

Kein einziger Neuzugang hat die Erwartungen bislang auch nur annähernd erfüllen können. Der anfangs noch gute Toptransfer Jeremiah St. Juste baut in der Innenverteidigung kontinuierlich ab, weitere Millionenmänner wie Mittelfeldspieler Edimilson Fernandes oder Rechtsverteidiger Ronael Pierre-Gabriel wirken nach wie vor wie Fremdkörper, der im Vorjahr für neun Millionen Euro verpflichtete Spanier Aaron Martin trägt seine Lustlosigkeit geradezu vor sich her. Die ebenfalls im zweiten Spieljahr zum Kader gehörenden, für hohe einstellige Millionenbeträge verpflichteten Moussa Niakhaté und Kunde Malong stagnieren in ihrer Entwicklung in Abwesenheit des verletzten Torjägers Jean-Philippe Mateta auf unterdurchschnittlichem Bundesliganiveau.

Ob dafür zuvorderst der Trainer verantwortlich ist oder aber, ob deren Möglichkeiten denn doch arg begrenzt sind, dürften die nächsten Wochen zeigen. Ebenso, ob es einem Schwarz-Nachfolger gelingt, die unsteten Offensivspieler Jean-Paul Boetius, Karim Onisiwo und Robin Quaison zu stabilisieren. Auch diese Drei gehören zu den Underperformern einer enttäuschenden Fußballmannschaft, in der auch hierarchisch einiges aus den Fugen geraten ist. Dazu passt, dass Kapitän Danny Latza es wiederum nicht in die Startelf schaffte.

Sandro Schwarz litt augenscheinlich auch darunter, dass einige Akteure sich allzu deutlich weniger mit Mainz 05 identifizieren als er selbst. Zu viel sah am Ende nach Dienst nach Vorschrift aus. Auch die Transferpolitik, die Sportvorstand Schröder vor allem am französischen Spielermarkt ausrichtete, dürfte perspektivisch auf den Prüfstand geraten, zumal die Mainzer über eine sehr gut funktionierende Nachwuchsabteilung verfügen.

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