Serie A

Machtkampf verloren: Rangnick scheitert am alten Milan

Wird nicht Trainer beim AC Mailand: Ralf Rangnick. Foto: Jan Woitas/zb/dpa
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Wird nicht Trainer beim AC Mailand: Ralf Rangnick. Foto: Jan Woitas/zb/dpa

Das seit Monaten währende Milan-Theater um Ralf Rangnick ist plötzlich zu Ende. So einen Ausgang aber hätten wenige erwartet. Freuen können sich indes einige Club-Legenden der Rossoneri.

Mailand (dpa) - Als der mächtige Milan-Boss Ivan Gazidis seinen Trainer Stefano Pioli mit einem Lächeln in der Morgensonne umarmte, war der Traum von Ralf Rangnick längst geplatzt.

Der 62 Jahre alte Fußball-Vordenker hatte am späten Dienstagabend zuvor verkünden lassen, nach monatelangen Verhandlungen doch Abstand von einem Engagement beim AC Mailand genommen zu haben. Durch die Vertragsverlängerung mit Pioli wäre für Rangnick nur der Posten des Sportdirektors geblieben. Zu wenig für dessen ehrgeizige Pläne.

Zwar bemühte sich die Rangnick-Seite, die verpasste Chance auf den Job bei den Rossoneri kleinzureden. Man sprach vom falschen Zeitpunkt und einem nicht vorhandenen Momentum, was angesichts der aktuellen Milan-Erfolgsserie in Teilen stimmig ist. Doch letztlich muss sich Rangnick wohl eingestehen, dass er einen Machtkampf verloren hat, bevor er überhaupt da war. Den Kampf gegen das alte Milan, gegen Paolo Maldini, Fabio Capello oder Zlatan Ibrahimovic.

Das Trio hatte sich in den vergangenen Wochen öffentlich deutlich gegen den Rangnick-Deal positioniert. Mal wurde dem Ex-Trainer von Leipzig, Schalke und Hoffenheim fehlender Respekt vorgeworfen, mal der Mangel an großen Titeln und hieß, man habe den Namen Rangnick noch nie gehört. Der Gegenwind war stark. Entsprechend zufrieden gab sich Maldini. "Wir haben den Beweis gesehen, dass sich Qualität und Professionalität durchsetzen", sagte der Technische Direktor zur Verlängerung mit Pioli (54). "Stefano ist der richtige Mann, um das Team zu führen, das wir wollen: Erfolgreich, jung und hungrig."

Ganz nebenbei hat Maldini damit seinen eigenen Job gerettet. Mit der Ankunft von Rangnick wäre der 52-Jährige wohl ebenso ausgebootet worden wie zuvor Sportdirektor Zvonimir Boban. Nun zeigte sich selbst Vorstandschef Gazidis, eigentlich die treibende Kraft hinter der Rangnick-Verpflichtung, pflichtbewusst glücklich über den Verbleib von Pioli. "Diese Entscheidung basiert nicht auf den jüngsten Ergebnissen, sondern darauf, dass Stefano einen Teamgeist und eine Einheit erschaffen hat", sagte der Südafrikaner. Sieben der neun Spiele nach der Corona-Pause hat Milan gewonnen. Am Dienstagabend traf Rangnick-Kritiker Ibrahimovic doppelt beim 2:1 bei Sassuolo.

Rangnick bleibt nun vorerst "Head of Sport and Development Soccer" beim Red-Bull-Konzern. Letztlich blieb er auch seinen Prinzipien treu und zog sich aus den Milan-Gesprächen zurück, anstatt halbe Sachen zu machen. Doch der Aufseher für die RB-Außenstellen in Brasilien und New York zu sein, dürfte ihn auf Dauer nicht erfüllen. Stattdessen könnte Rangnick sich nun wieder seinem Traumziel England widmen.

Dort haben auch Mittelklasse-Clubs ein seinen Visionen entsprechendes Portemonnaie. Doch ob ein Wechsel auf die Insel zeitnah klappt, ist fraglich. Bei einem Engagement bringt Rangnick neben Spielern gern eigene Betreuer mit. Dafür bedarf es einer gewissen Vorlaufzeit. Ein halbes Jahr hat Rangnick mit dem Milan-Theater gerade verloren.

© dpa-infocom, dpa:200721-99-877397/10

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