1. leinetal24
  2. Sport
  3. Fußball

Jürgen Radeck mit klarer Kante: „Sinning und Viktora gehört ein Denkmal gebaut“

Erstellt:

Von: Johannes Götze

Kommentare

Verbandsfußballwart Jürgen Radeck. Foto: Charlie Rolff
Jürgen Radeck war noch nie um klare Worte verlegen, auch nicht in der aktuellen Thematik um die Präsidentschaftswahl im Hessischen Fußball-Verband. © Charlie Rolff

Jürgen Radeck war neun Jahre Verbandsfußballwart des Hessischen Fußball-Verbandes (HFV), trat beim bislang letzten Verbandstag in 2021 aber nicht mehr an. Im Interview mit torgranate.de zeigt er klare Kante zu den jüngsten Entwicklungen im Verband und spricht sich für einen Neuanfang aus.

Herr Radeck, seit Ihrem Ausscheiden aus dem Präsidium beim Hessischen Fußball-Verband ist es still um Sie geworden. Wie intensiv verfolgen Sie das Geschehen im Verband?

Ich habe mich bislang nirgends öffentlich geäußert, verfolge das Geschehen aus zwei Gründen aber sehr genau. Einerseits hängt mein Herz weiterhin am Fußball, ich habe viel Freizeit in den Verband gesteckt und kann davon nicht einfach loslassen. Und andererseits kontaktieren mich ständig Vereine, Kreisfußballwarte oder Ausschussmitglieder, um mir Fragen zu allen möglichen Themen zu stellen.

Wieso werden Sie angerufen?

Diese Frage stelle ich den Anrufern auch immer. Die Antwort lautet meistens, dass ich im Gegensatz zu anderen Leuten erreichbar bin. Ich kann zwar keine offiziellen Auskünfte erteilen, behaupte aber, dass ich immer noch gut in der Materie bin und den Leuten zumindest sagen kann, wo sie nachschauen können.

Der Verband hat schwierige Monate hinter sich. Angefangen bei der Causa Sinning/Vitkoria, um das vielzitierte „Ultimatum“ von Reuß gegen die beiden damaligen Präsidiumskollegen.

Der Umgang mit Silke und Ralf ist erschreckend. Beiden hätte deutschlandweit ein Denkmal gesetzt werden müssen, denn sie haben es geschafft, dass im DFB alte Zöpfe abgeschnitten werden.

Wie meinen Sie das?

Bis zu diesem Zeitpunkt war es so, dass Rainer Koch immer da war, nur die Präsidenten wurden ständig ausgetauscht. Jetzt kann Präsident Bernd Neuendorf in Ruhe arbeiten, ohne dass schon bei einem falsch gesetzten Komma ein Störfeuer droht. Bernd Neuendorf weiß das garantiert und müsste Silke eigentlich jeden Tag für ihren Mut gegen Koch anzutreten die Füße küssen. Nur leider hat das im Hessenlande noch immer nicht jeder verstanden, dass dies ein Akt der Demokratie war und dem DFB ungemein hilft.

Fehlt es im HFV am richtigen Umgang mit Menschen?

Definitiv! Nicht nur im Ehrenamt unseres Verbandes, vielleicht auch im Hauptamt. In jüngster Zeit haben fünf Hauptamtliche gekündigt. Die Gründe sind verschieden. Aber mich lässt das Gefühl nicht los, dass gerade die Zusammenarbeit zwischen Haupt- und Ehrenamt leidet.

Können Sie das untermauern?

Ich für mich kann behaupten, dass ich in aller Regelmäßigkeit in die Geschäftsstelle gefahren bin. Dort wurden mit den Mitarbeitern des Spielbetriebs, der Rechtsabteilung oder der Passstelle vor Ort Probleme besprochen und Lösungen erarbeitet.  Selbst gegen Ende meiner Amtszeit habe ich mit Walter Sitorius die Durchführungsbestimmungen für Hessenliga und Hessenpokal erarbeitet – weil es schlicht keine gab und die Zeit drängte. Prinzipiell sage ich: Ich muss Präsenz zeigen, damit sich meine/die Mitarbeiter der Geschäftsstelle mitgenommen und geschätzt fühlen.

Jürgen Radeck kommt aus Ortenberg. Der 65-Jährige hat im Fußball so ziemlich jede Position ausgeführt, die vorstellbar ist: Erst Fußballer, dann Spielertrainer, später Kreisfußballwart in Büdingen, dann Verbandsfußballwart. Selbst nach dem Ende seiner Laufbahn im Verband vor einem Jahr bekam er nicht genug und wurde auf Wunsch seines Sohnes – gleichzeitig Vorsitzender seines Heimatvereins Germania Ortenberg – Schiedsrichter. Gegen Ende der vergangenen Saison sprang er sogar noch einmal als Trainer der Germania ein. Radeck war Polizist, ist mittlerweile pensioniert und genießt die Zeit abseits des Fußballs mit seinen Enkelkindern.

Auf torgranate.de läuft eine nicht repräsentative Umfrage, die die Frage stellt, ob ein Neuanfang der richtige Weg sei. Wie würden Sie antworten?

Ich vergleiche das gerne mit dem DFB: Koch war immer da. Wenn die Stühle immer nur ein Stück von links nach rechts gerückt werden, aber immer die gleichen Leute darauf sitzen, kann sich nichts ändern, wie Rainer Dreut in einem Leserbrief gut beschrieben hat. Ich glaube, dass es die Menschen auch einfach irgendwann nicht mehr verstehen können, es ihnen auf den Sack geht. Zwischen den Rücktritten von Reuß und Viktora lagen drei Wochen, der Burgfrieden hielt wahrscheinlich nicht mal drei Stunden. Die Fußballwarte und die Vereine können es nicht mehr hören, wenn alle paar Wochen die gleichen Diskussionen aufbranden, wenn es gar nicht mehr um die Sache geht. Wenn plötzlich wieder ein Gutachten auftaucht, von dem im stillen Kämmerlein drei Mann etwas wussten.

Das klingt nach Verdruss.

Mir blutet das Herz. Die Seilschaften sind das Problem, das gelöst werden muss. Wenn ich jetzt schon hinter vorgehaltener Hand mitgeteilt bekomme, wer am nächsten ordentlichen Verbandstag in 2024 was werden soll, dann weiß ich doch sofort, dass sich nichts ändern wird.

Hört sich nach einem „Ja“ für einen Neuanfang an?

Ja, ich plädiere für einen Neuanfang innerhalb des geschäftsführenden Präsidiums. Wenn ich mir die Auftritte, Abtritte und Abwesenheiten manch eines Kandidaten in wichtigen Sitzungen und Videokonferenzen in der Vergangenheit anschaue, spricht das Bände. Ich bin ganz der Meinung von Ralf Viktora, der vor der letzten Verbandsvorstandssitzung sehr sachlich argumentiert hat, dass es so nicht weitergehen kann. Mit Jörn Metzler ist ja schon ein neuer Schatzmeister installiert worden, das ist der richtige Weg.

Dann treten doch Sie an.

Selbst wenn ich das wollte, würde das gar nicht gehen. Mit der Entscheidung, dass kein Außerordentlicher Verbandstag stattfindet, gibt die Satzung vor, dass das Präsidium dem Aufsichtsrat Vorschläge unterbreiten muss. Diese bisherige Vorschlagsliste ist bekannt und evaluiert sich mehr oder minder aus dem Präsidium selbst. Und damit es nach den letzten Erkenntnissen, wie dem geheimnisumwobenen Gutachten, eine neue Liste gibt, müssten schon einige Herrschaften über ihren Schatten springen. Für das Volk, also die Delegierten eines Verbandstages, gibt es nun gar keine Optionen mehr, außer dass die Kreisfußballwarte aufbegehren und dem Aufsichtsrat in aller Deutlichkeit mitteilen: so geht das nicht.

Auch interessant

Kommentare