Bilder aus der Sperrzone

Tschernobyl-Unfall wirkt noch Tausende Jahre – und lockt Touristen an

Blick auf den havarierten Atomreaktor IV bei Tschernobyl mit einem Denkmal im Vordergrund.
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Über dem explodierten Atomreaktor in Tschernobyl liegt seit einigen Jahren ein regelrechter Sarg.

Am 26. April 1986 explodierte ein Reaktor im Atomkraftwerk Tschernobyl. Ganze Landstriche in der Region sind bis heute faktisch unbewohnbar, selbst in Deutschland ist das Unglück noch messbar.

Die größte Katastrophe der zivilen Atomkraft ereignete sich am 26. April 1986 und beeinflusst das Leben in der Ukraine, Russland und darüber hinaus bis heute. Bis zu 30.000 Jahre werden die Folgen mess- und spürbar sein – so lang ist die Halbwertszeit einiger ausgetretener radioaktiver Stoffe. Dennoch leben in der Region vereinzelt wieder Menschen. Andere reisen in die Region und berichten anschließend von einem eindrucksvollen Erlebnis, das es sonst kein zweites Mal gibt. Im Free-TV läuft am Montagabend das Finale der preisgekrönten Mini-Serie Chernobyl und erreicht zahlreiche Zuschauer.

Einer, der sich selbst einen Eindruck von dem havarierten Kernkraftwerk und dessen Umgebung gemacht hat, ist Thomas Hendrik Adick aus Bremen. Er hat auf seiner Internetseite eine Fotoserie aus Tschernobyl veröffentlicht. Auf seiner Reise im Oktober 2019 in das Unglücksgebiet hat er erlebt, wie es heute in der Region aussieht. Dabei hat er gleich mehrere Eindrücke mitgenommen: „Es ist ein Ort des Gedenkens, gerade wenn man direkt vor dem Sarkophag des Reaktorblocks steht, wirkt es schon erdrückend. Allerdings ist es auch sehr ,schön‘ zu sehen, wie sich die Natur erholt und sich das Gebiet zurückerobert“, so Adick.

Sperrzone von Tschernobyl erzeugt erdrückende Atmosphäre

Dass er mit Menschen reden konnte, die das Unglück als Kind in der Nähe selber miterlebt hatten, habe seine Reise für ihn so besonders gemacht. „Wir hatten eine kleine Gruppe und die Tour auf Russisch. So hatten wir das Glück zwei sogenannte Tschernobyl Kinder – Menschen die als Kinder das Unglück erlebt haben – mit auf unserer Tour zu haben und haben so noch mehr erfahren“, berichtet Thomas Hendrik Adick. Wer so eine Tour selber plant, sollte sich an genau an die Vorgaben der Guides halten, empfiehlt Adick. Ihn persönlich habe Vorort vor allem gestört, dass die sich erholende Natur bereits wieder voll mit Müll von Touristen sei.

In der Region rund um das Atomkraftwerk endete das gesellschaftliche Leben mit einem Schlag.

Aber wie kam es zu Adicks Fotoserie über Tschernobyl? „Anfangs war es für mich die Neugier, einen solchen vermeintlichen ,Lost Place’ zu besichtigen. Gerade das Riesenrad in Prypjat kennt man aus unzähligen Filmen und Computerspielen“, erzählt der 46-Jährige. Umso tiefer Adick in die Sperrzone gekommen sei, desto erdrückender sei die Tour für ihn gewesen.

Das Riesenrad von Prypjat ist das wohl bekanntestes Mahnmal zum Tschernobyl-Unglück.

Dabei habe er eine Sache für sich mitgenommen: „Sich bewusst zu werden, was Strahlung – die man nicht unmittelbar sieht, schmeckt und oder spürt – anrichten kann, stärkt ganz klar das Bewusstsein für die Thematik.“ Im Gespräch mit den „Tschernobyl-Kindern“ habe er verschiedenste Eindrücke mitgenommen. Die Freude sei groß darüber, dass viele ihre Heimat wiederbekommen würden. Laut Einheimischen profitiere die Region heute von dem Unglück als Touristenattraktion: „Sinngemäß fanden sie das nicht schlimm, ganz im Gegenteil“, so Adick.

Tschernobyl-Folgen für Niedersachsen werden jährlich überprüft

Der Super-GAU in Tschernobyl beeinflusst ganz Europa bis heute – ebenso wie die Atom-Katastrophe von Fukushima. Unmittelbar auf den katastrophalen Unfall wurde in Deutschland das Ministerium für Umwelt-, Naturschutz und Reaktorsicherheit gegründet. 1989 folgte das Bundesamt für Strahlenschutz, das seitdem die Strahlungsbelastung in der Bundesrepublik systematisch überwacht. Seit 2017 ist dieses Vorgehen im Strahlenschutzgesetz geregelt – inklusive Notfallpläne und Grenzwerte für Nahrungsmittel wie Milch, Fleisch und Gemüse sowie Babynahrung.

Wildschweine werden jährlich auf Radioaktivität überprüft. Daraus lassen sich in Niedersachsen Rückschlüsse auf die Umweltradioaktivität ziehen.

In Niedersachsen kümmert sich unter anderem das Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (Laves) um die Spätfolgen des Reaktorunglücks von Tschernobyl. Jährlich werden laut Laves-Angaben neben rund 1400 Lebensmittelproben und Bioindikatoren etwa 50 Rehwild-, 50 Schwarzwild- und einige Rot- und Damwildproben auf Radioaktivität untersucht. Im Fokus steht in Niedersachsen dabei das langlebige Cäsium-137. Der Gehalt bei Reh-, Rot- und Damwild stagniere seit rund 16 Jahren, Schwankungen gebe es hingegen bei Schwarzwild. Das geht aus den zuletzt veröffentlichten Zahlen des seit 1988 laufenden Wildtiermonitorings vom 20. Juli 2020 hervor.

Werte-Schwankungen bei Radioaktivität haben klare Ursache

Verantwortlich für die Schwankungen der Grenzwerte sei unter anderem das Verhalten von Wildschweinen bei der Nahrungssuche. Konkret bedeutet das, dass Wildschweine bei Nahrungsmangel und schlechter oder fehlender Baummast durch Eicheln oder Bucheckern im Winter vermehrt Futter aus besonders betroffenen Bodenschichten aufnehmen, sofern Frost und Schneelagen es zulassen. Fleisch von Tieren, bei denen eine Überschreitung dieses Grenzwertes festgestellt wurde, werde vom Verzehr ausgeschlossen. In den Jahren 2018 und 2019 seien laut Laves-Angaben allerdings keine EU-Grenzwerte mehr überschritten worden.

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