Corona-Lockdown

Malle? Ja. Norderney? Nein! Gastronomie- und Tourismusbranche zieht vor Gericht

Während die Reisewarnung für Mallorca von der Regierung aufgehoben wurde, ist die Gastronomie-Branche in Niedersachsen verärgert und reagiert auf die Entscheidung mit Unverständnis. Denn: Mallorca ist möglich, ein Osterurlaub auf Norderney, Langeoog oder im Harz höchstwahrscheinlich aber nicht.

Nach der Aufhebung der Reisewarnung für Mallorca und andere Urlaubsgebiete ist die Enttäuschung in der niedersächsischen Touristik- und Gastronomiebranche groß. Während Osterurlaub auf Mallorca wieder möglich ist und Reiseveranstalter eine sprunghafte Nachfrage registrieren, bemängeln die Experten fehlende Öffnungsperspektiven für den Tourismus zwischen Harz und Küste.

„Wir können da schon nicht mehr über eine Enttäuschung sprechen. Bei vielen ist es eine tief sitzende Frustration“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Dehoga Niedersachsen, Rainer Balke, am Dienstag. Das Unverständnis ist besonders an der Küste groß, wo Gastronomen und Hoteliers noch immer auf ein Ostergeschäft hoffen.

Aufhebung der Reisewarnung für Mallorca: Schlag in die Magengrube

„Für uns Gastronomen war es ein Schlag in die Magengrube, als diese Nachricht mit Mallorca kam“, sagte der Vorsitzende des Dehoga-Verbandes Wilhelmshaven, Olaf Stamsen. „Wir haben uns da verraten gefühlt von der bundesdeutschen Politik, diese Gebiete freizugeben.“ Auch in Deutschland gebe es Regionen mit niedrigen Inzidenzen wie die Ostfriesischen Inseln.

„Wo ist der Unterschied zwischen Spiekeroog, Wangerooge und den Balearen?“, fragte Stamsen. In Hotels und Gaststätten seien umfassende Hygienestrategien erarbeitet worden. Seit Sonntag ist Urlaub auf Mallorca und in anderen Regionen Spaniens, Portugals und Dänemarks wieder ohne Quarantäne und Testpflicht nach der Rückkehr möglich - rund zwei Wochen vor Beginn der Osterferien in Niedersachsen.

Corona in Niedersachsen: Ferienpark-Betreiber und Restaurant-Besitzer ziehen vor Gericht

Die Hotels hierzulande sind dagegen mindestens noch bis zum 28. März geschlossen. Wie es weitergeht, soll erst am 22. März von Bund und Ländern entschieden werden.

Der Betreiber eines Ferienparks im Landkreis Goslar und ein Restaurant-Besitzer aus dem Kreis Lüchow-Dannenberg wollen die Ungleichbehandlung nicht hinnehmen und ziehen mit Unterstützung des Branchenverbandes Dehoga vor Gericht. Am Montag eingereichte Eilanträge richten sich demnach gegen das Beherbergungsverbot und die Schließung der Gastronomie. Eine Sprecherin des niedersächsischen Oberverwaltungsgerichts in Lüneburg bestätigte den Eingang.

Leere Straßen, die sich bald wieder füllen werden: Trotz Aufrufen, auf nicht Reisen nach Mallorca zu verzichten, verzeichnete der Reisekonzern Tui doppelt so viele Mallorca-Buchungen wie im gleichen Zeitraum 2019, vor der Corona-Pandemie.

Doppelt so viele Mallorca-Buchungen wie 2019

Trotz Aufrufen aus der Politik, auf nicht notwendige Reisen zu verzichten, verzeichnete der Reisekonzern Tui in den vergangenen Tagen nach eigenen Angaben doppelt so viele Mallorca-Buchungen wie im gleichen Zeitraum 2019, vor der Corona-Pandemie.

„Wir haben uns daher entschieden, das Angebot für die Osterferien zu verdoppeln und bieten jetzt über 300 Hin- und Rückflüge an“, teilte der Geschäftsführer von Tui Deutschland, Marek Andryszak, am Dienstag mit. Die ersten Tuifly-Flüge sollen am 21. März in Hannover, Düsseldorf, Frankfurt und neuerdings Stuttgart abheben. Der Reiseveranstalter weitet außerdem sein Hotelangebot auf Mallorca aus.

Wer Ostern auf der Insel verbringen will, sollte sich nicht mehr allzu lange Zeit lassen: Die Airlines verzeichnen explosionsartige Anstiege bei den Flugbuchungen.

Tourismus in Deutschland vor und während Corona

Januar 2021Januar 2020
Übernachtungen Gäste (In- und Ausland)6,4 Millionen27,0 Millionen
Übernachtungen (Gäste Inland)5,7 Millionen21,9 Millionen
Übernachtungen (Gäste Ausland)0,7 Millionen5,1 Millionen

Quelle: Statistisches Bundesamt

Die Landesregierung sah wegen steigender Zahlen bei Neuinfektionen und Corona-Patienten auf Intensivstationen zuletzt kaum noch eine Chance auf Osterurlaub im eigenen Land. Es helfe auch nicht, Urlauber etwa vor dem Betreten der Fähren zu den Nordseeinseln zu testen, sagte Regierungssprecherin Anke Pörksen.

Selbst ein negatives Testergebnis in diesem Moment gebe keine Gewissheit, dass die Betroffenen sich nicht in den Tagen zuvor oder auf der Bahnfahrt zur Fähre infiziert hätten und es in Folge nicht vermehrt zu Infektionsfällen auf den Inseln komme.

Dieses Hangeln von Lockdown zu Lockdown wird von der Bevölkerung immer weniger akzeptiert - das gilt nicht nur für den Tourismus, sondern für alle Wirtschaftsbereiche und den privaten Bereich.

Sven Ambrosy, Landrat des Kreises Friesland

Tourismusverbände etwa an der Küste fordern allerdings schon seit längerem eine umfassende Teststrategie, die Folgetests auch an den Urlaubsorten miteinbezieht. Der Vorsitzende des Tourismusverbandes Niedersachsen, Sven Ambrosy (SPD), sagte, es stelle sich die Frage nach einem Strategiewechsel.

„Dieses Hangeln von Lockdown zu Lockdown wird von der Bevölkerung immer weniger akzeptiert - das gilt nicht nur für den Tourismus, sondern für alle Wirtschaftsbereiche und den privaten Bereich“, sagte der Landrat des Kreises Friesland. „Wenn wir dann noch hören, dass man nach Mallorca fliegen kann, dann kann ich die Wut der Gastronomen und der Touristiker bei uns schon verstehen.“ Stattdessen solle auf die Vier-Säulen-Strategie mit Impfen, Testen, digitaler Nachverfolgung und Beachtung der Hygieneregeln gesetzt werden.

Urlaub und Freizeit während Corona: Branchen wollen am 22. März klares Signal

Der Geschäftsführer der Marketinggesellschaft Ostfriesische Inseln, Göran Sell, sagte, er wünsche sich noch vor den nächsten Bund-Länder-Gesprächen am 22. März ein Signal, „ob und wie Urlaub auf den Inseln aussehen kann“. Es sei zu erwarten, dass zu Ostern etwa auf Borkum viele der 2500 Zweitwohnungsbesitzer auf die rund 5000 Einwohner zählende Insel kommen werden - das entspreche rund 5000 Gästen. „Wir werden hier einfach mehr Leben haben. Da muss man fragen, ob noch vermittelt werden kann, den Tourismus weiterhin geschlossen zu lassen“, sagte Sell.

Sell verwies auf die aktuellen Überlegungen in der Politik, den Sieben-Tage-Inzidenzwert nicht als einzigen Steuerungswert für Öffnungen heranzuziehen. Dies müssten letztendlich Fachleute entscheiden. „Aber wir Touristiker brauchen eine Orientierung, um zu wissen, wann geht etwas, wann geht etwas nicht.“

Mallorca erwartet keinen normalen Sommer. Urlauber dürften sich über die fehlenden Party-Gäste freuen.

Zuvor hatte etwa Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU) vorgeschlagen, den Inzidenzwert zu einem gewichteten Risikowert weiterzuentwickeln. Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) hatte den Vorstoß zum Abrücken vom Inzidenzwert als alleinigem Kriterium für Corona-Lockerungen abgelehnt.

Trotz Aufhebung der Reisewarnung für die Balearen erwartet Mallorca keinen normalen Sommer. Party-Urlauber dürften lange Gesichter machen - alle anderen sind über die fehlenden Ballermann-Touristen erfreut. 

Mit Material der dpa

Rubriklistenbild: © Clara Margais

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