Nach Skandalen um Mitarbeiter

Ministerpräsident Weil besucht vorbildlich geführten Schlachthof

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Ministerpräsident Stephan Weil im Kreis einiger weiterer Besucher des Schlachthofs in Garrel.

Garrel - Es ist laut, es ist kalt. Es zischt, es kreischt, Wasser und Blut spritzt herum. In der Luft liegt ein Geruch von Chlor. Kräftige Männer halten riesige Bandsägen, an einem Seil aufgehangen, und zerteilen Schweine einmal der Länge nach. Abwechselnd sprühen die Bandarbeiter Wasser auf das Werkzeug und reinigen die Maschinen. 5500 Schweine gehen jeden Tag über dieses Band. Ministerpräsident Stephan Weil steht mitten in der lauten, arbeitsamen Kulisse und saugt die Atmosphäre auf.

Der SPD-Regierungschef will an diesem Montag einmal einen Schlachthof besuchen. Anlass waren die vielen Nachrichten, die seit einigen Monaten aus der Branche an die Öffentlichkeit dringen: Tierschützer schockierten mit gefilmten Tierquälereien in einigen Betrieben. Berichte über an Tuberkulose erkrankte osteuropäische Werkarbeiter beunruhigen die Verbraucher. Und immer wieder kommt Kritik an den Arbeitsbedingungen und den Wohnverhältnissen der Werkarbeiter auf.

Der Besuch Weils gilt aber keinem Problemfall - sondern einem Musterbetrieb der Branche. Böseler Goldschmaus aus Garrel im Kreis Cloppenburg beschäftigt inzwischen ehemalige Werkarbeiter als festangestellte Stammbelegschaft und baut Wohnungen für sie. 600 wurden übernommen, derzeit zählt das Unternehmen 1500 Beschäftigte. „Das hat bei Kundenaudits von Großabnehmern für positive Rückmeldungen gesorgt“, sagt Weil. Es lohne sich also für Schlachthöfe, festangestellte Mitarbeiter zu beschäftigen.

Auch von anderen Dingen bei Böseler Goldschmaus zeigt sich Weil beeindruckt. Dass etwa regulär Tierärzte des Landkreises an den Schlachtbändern stehen und der Betrieb schon heute auf Videoüberwachung in sensiblen Bereichen setze. Damit sei der Betrieb in Sachen Tierwohl vorbildlich, sagt Weil. Zustimmung gibt es von Niedersachsens Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU). „Das ist gut für den Tierschutz und die Rechtssicherheit der Betreiber“, sagte er über die Videoüberwachungen an Schlachthöfen laut Mitteilung.

„Beispiel könnte zu Systemwechsel beitragen“

Der katholische Prälat Peter Kossen und der Funktionär der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG), Matthias Brümmer, sind an diesem Tag mit von der Partie. Kossen hat sich seit vielen Jahren einen Namen gemacht als wortgewaltiger Kritiker der oft unmenschlichen Arbeitsbedingungen der osteuropäischen Arbeitskräfte auf den Schlachthöfe. „Das Beispiel von Böseler könnte zum Systemwechsel beitragen“, sagt er. Auch Brümmer kritisiert, dass nach NGG-Informationen immer noch 60 Prozent der Mitarbeiter in der deutschen Fleischbranche Werkvertragsarbeiter sind und nicht zur Stammbelegschaft gehören. Bei Böseler sei noch nicht alles gut, sagte der NGG-Funktionär: Einen Betriebsrat gebe es nicht. Osteuropäische Arbeitnehmer würden aber von der Gewerkschaft beim Projekt „Faire Mobilität“ in der Kantine des Schlachthofes beraten.

In den vergangenen Jahren habe es schon einige Gesetzesänderungen gegeben, die die Situation der osteuropäischen Arbeitskräfte verbessern sollten, sagt Weil. Das stimme zwar, aber dennoch gebe es nach wie vor eine Lücke zwischen den Rechten der Arbeitnehmer und deren Durchsetzung, kritisiert Kossen. Oft seien Behörden nicht in der Lage, das Recht durchzusetzen, weil etwa es dem Zoll als Überwachungsinstanz an Mitarbeitern fehle. Manchmal habe man auch den Eindruck, dass auf Lobbyinteressen zu viel Rücksicht genommen werde.

Für Gewerkschafter Brümmer steht fest: Werden die Menschen auf den Schlachthöfen gut behandelt, stimme es auch mit dem Tierwohl - die Einschränkung der Werkvertragsarbeit sei also der Schlüssel sowohl zu den sozialen Problemen als auch die Lösung der Tierwohlfrage.

Weil kündigte an, dass die Landesregierung nun in den Dialog mit den anderen Schlachthofunternehmen im Land treten wolle: Wenn Böseler Goldschmaus es schaffe, beim Umgang mit den Tieren und den Mitarbeitern Maßstäbe zu setzen, woran hapere es dann bei den anderen?

dpa

Quelle: kreiszeitung.de

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