Fragen & Antworten zur Seehundzählung

Flug übers Wattenmeer: Seehunde in der Nordsee entwickeln sich weiter prächtig

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Im Juni sind Seehunde häufig an Land und lassen sich somit besser zählen.

Zum Schutz der Seehunde wird einmal jährlich eine Bestandsaufnahme gemacht. Nun veröffentlicht das Wattenmeersekretariat erste Ergebnisse der Zählflüge.

Update, 5. November: Der Seehundbestand der Nordsee entwickelt sich weiterhin gut. Wie das Wattenmeersekretariat am Montag in Wilhelmshaven mitteilte, wurde in diesem Jahr erneut ein Rekord bei neugeborenen Seehundwelpen an den Küsten von Deutschland, Dänemark und den Niederlanden gezählt. Der Gesamtbestand der Tiere im Wattenmeerschutzgebiet blieb demnach stabil.

Laut Wattenmeersekretariat zählten Experten bei ihren jährlichen Zählflügen entlang der Küsten der drei Wattenmeeranrainerstaaten während der Wurfsaison 9683 Jungtiere. Dies war eine Steigerung von zwei Prozent gegenüber dem Vorjahr 2018 und die höchste jemals registrierte Zahl. Den Gesamtbestand der Seehunde in der Nordsee schätzten sie dabei auf rund 40.800 Tiere.

Knapp 28.000 Tiere bei Zählflug beobachtet

Diese Zahl ergibt sich aus einer Hochrechnung. Bei den Zählflügen wurden 27.763 Tiere beobachtet, was einem leichten Anstieg von 0,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Da sich ein Teil der Tiere stets im Wasser befindet, entspricht dies aber nicht dem Gesamtbestand. Die Experten arbeiten deshalb mit einem Korrekturfaktor.

Der Seehundbestand entwickelt sich bereits seit vielen Jahren sehr positiv. Nachdem er über Jahrzehnte hinweg durch allgemeine Umweltzerstörung und zwei verheerende Tierseuchenausbrüche 1988 und 2002 drastisch eingebrochen war, gab es anschließend eine anhaltende Erholungsbewegung.

„Wir beobachten nun schon seit Jahren einen sehr starken und stabilen Seehundbestand“, erklärte Bernard Baerends, Exekutivsekretär des Wattenmeersekretariats. Inzwischen sei „mit einer gewissen Sicherheit“ davon auszugehen, dass dies auf die Schutzmaßnahmen und die Zusammenarbeit der Wattenmeeranrainer zurückzuführen sei. Diese betreiben auch das Wattenmeersekretariat.

Regionale Schwankungen sind normal

Regional entwickelten sich die Bestände laut Zählung unterschiedlich. So gab es in den Wattenmeergebieten Hamburgs und Niedersachsens einen deutlichen Anstieg der Gesamtzahl um neun Prozent, in Schleswig-Holstein um ein Prozent. In Hamburg und Niedersachsen stieg die Zahl der Jungtiere um 26 Prozent, in Schleswig-Holstein ging sie im Vergleich zum Vorjahr um 19 Prozent zurück.

Solche Schwankungen auf regionaler Ebene sind demnach aber normal. Sie sind etwa darauf zurückzuführen, dass sich die Tiere innerhalb der Nordsee bewegen. Zudem können die Ergebnisse durch örtliche Schwierigkeiten bei den Zählflügen beeinflusst werden - etwa wenn diese wegen schlechter Witterungsbedingungen ausfallen müssen.

afp

Update, 11. Juni, 15 Uhr

Schlechtes Wetter hat den Beginn der Seehundzählung im Niedersächsischen Wattenmeer verhindert. Am Dienstag sollten eigentlich drei Maschinen mit erfahrenen Seehundzählern über die Gebiete zwischen Ems, Weser und Elbe starten. 

Wegen einer dichten Wolkendecke hätten jedoch schlechte Sichtverhältnisse geherrscht, sagte Sprecherin Hiltrud Schrandt vom Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (Laves) in Oldenburg. Der Flugtermin werde auf voraussichtlich Donnerstag verschoben. 

dpa

Originalmeldung

Viele Seehunde erblicken im Juni das Licht der Welt, und dafür tummeln sich die frisch gebackenen Eltern mit ihren Welpen oft an Land - die beste Gelegenheit für eine Bestandsaufnahme.

Die jährliche Seehundzählung ist ein fester Bestandteil der „Berner Konvention“. Die Vereinbarung regelt den Schutz von Arten durch Entnahme- und Nutzungsbeschränkungen sowie ihrer Lebensräume. In diesem Jahr ist der erste Seehundzählflug für Dienstag, 11. Juni geplant. Fragen und Antworten zum Thema gibt‘s im Überblick:

Seit wann werden Seehunde in Niedersachsen gezählt?

Schon seit 1958 wird der Seehundbestand in Niedersachsen systematisch erfasst: Bis 1972 wurde von Schiffen aus gezählt und seither aus der Luft vom Flugzeug. Das Seehund-Monitoring für Niedersachsen ist nach Auflösung der Bezirksregierungen im Jahr 2005 auf das Niedersächsische Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES) übertragen worden. Seither wird es vom LAVES organisiert und koordiniert.

Wer zählt die Seehunde?

„Das sind alles ehrenamtliche Jäger, die schon seit 30 oder 40 Jahren diese Aufgabe übernehmen“, erzählt Hiltrud Schrandt, Pressesprecherin des LAVES, im Telefongespräch. Seehunde werden zwar nicht bejagt, unterliegen als Tierart aber dem Jagdgesetz und unterstehen daher dem Aufgabenbereich der Jäger. Durch ihre Ausbildung sind die Jäger in der Lage zu erkennen, ob ein Seehund Hilfe benötigt. Zudem müssen die Zähler eine schnelle Auffassungsgabe haben, erklärt Schrandt. „Sie müssen das Visuelle schnell in Zahlen umwandeln können.“ Darin bestehe die Herausforderung.

Für diese Seehundzählflüge ist außerordentliches fliegerisches Können und präzise Orientierung im Watt erforderlich. Die jahrzehntelange Erfahrung der Zähler macht es möglich, die Seehunde im Vorbeiflug systematisch zu erfassen. „Man braucht einen Blick dafür“, erklärt Schrandt. Sie berichtet von einem Zähler, der über gut 10 Jahre „angelernt“ wurde. Nun erst rückt er auf den Posten eines anderen Zählers auf, der in Rente gegangen ist.

Warum werden jedes Jahr die Seehunde gezählt?

Die jährlichen Zählungen geben einen genauen Überblick über den Bestand. Der Seehund wurde im Laufe der 1960er-Jahre aufgrund der Umweltbedingungen zur Seltenheit und die Population schrumpfte immer weiter zusammen. 

Grundlage für die Zählung ist seit 1990 das Internationale Seehundschutzabkommen der Länder Deutschland (Niedersachsen und Schleswig-Holstein), Dänemark und Niederlande. Im Rahmen dieses Abkommens starten die Zählungen dieser Länder zeitgleich zur Vermeidung von Doppelzählungen der sehr mobilen Seehunde. Dabei werden auch die Liegeplätze der Seehunde kartiert.

Von wo starten die Zählflüge in Niedersachsen?

Insgesamt 15 Flüge starten – an fünf Terminen stehen jeweils drei Propellermaschinen für das Monitoring bereit. Der niedersächsische Küstenabschnitt ist für die Flüge in drei Teilbereiche aufgeteilt worden. Die drei Maschinen starten fast gleichzeitig, und zwar ab Flugplatz Emden: Dieser Teil umfasst das Wattenmeer vom Dollart bis zur Insel Spiekeroog; Flugplatz Harlesiel: der Teil vom Jadebusen bis zur Insel Wangerooge und das Watt um die Insel Mellum und vor Butjadingen; Flugplatz Nordholz: das Watt vor der Küste Cuxhavens bis an die Elbe umfasst dieser Teilabschnitt.

Die Flugtermine: 11. Juni, 25. Juni, 27. Juni, 8. und 22. August.

Wie sehen die Flüge konkret aus?

Die beste Zeit für die Zählung ist bei Niedrigwasser von Juni bis August. In den Sommermonaten kommen die Seehunde vermehrt an Land, um ihre Jungen aufzuziehen, um sich zu sonnen und um ihr Fell zu wechseln. „Das wirkt dann immer so ein bisschen wie ein Kindergarten“, so Schrandt. Die Seehunde ruhen auf den Sandbänken und können vom Flugzeug aus gezählt werden. Die Flughöhe ist dabei sehr unterschiedlich, liegt aber bei etwa 150 Meter – aus Gründen der Flugsicherheit und um die Tiere nicht zu stören. 

Während des Flugs werden außerdem Fotos von den Liegeplätzen aufgenommen und ausgewertet. Die Propellermaschinen sind mit mindestens einem, aber auch häufig mit zwei Zählern besetzt. Bedingt durch die Tide ist das Zeitfenster für die Zählung sehr gering. Nach bis zu vier Stunden pro Flug werden die jeweiligen Daten zusammengetragen.

Warum werden keine Kameradrohnen eingesetzt?

Das niedersächsische Wattenmeer unterliegt einer ständigen natürlichen Veränderung. Durch Stürme verändern sich beispielsweise Sandbänke und können als Ruheplatz für den Seehund an Attraktivität verlieren, die Tiere ziehen weiter. Diese neuen Wege und Plätze sind für den erfahrenen Zähler schnell auszumachen. Das kann eine unbemannte Kameradrohne derzeit nicht leisten, zudem sind Reichweite und Einsatzdauer für diese Flüge noch zu gering. Auch wenn auf die erfahrenen Zähler heute nicht verzichtet werden kann, ist über eine Weiterentwicklung zu diskutieren.

Wie hoch sind die Kosten der Zählflüge und wer trägt sie?

Das Land Niedersachsen trägt die Kosten des trilateralen Seehundmonitorings. Hierzu zählt neben der jährlichen Erfassung des Seehundbestandes auch ein Gesundheitsmonitoring, das Aufschluss über den Gesundheitszustand der Population gibt. 

Welche Erkenntnisse brachten die Zählungen zuletzt?

Es konnte ein sehr stabiler und vitaler Seehundbestand beobachtet werden. Zeiten, in denen Seehunde im Wattenmeer bejagt werden durften, sind lange vorbei und Ausbrüche der Seehundstaupe in den Jahren 1988 und 2002, wodurch der Bestand stark geschrumpft ist, sind überwunden. Der Seehund hat sich seinen festen Platz im Wattenmeer zurückerobert.

Gibt es Tendenzen für die anstehende Zählung?

„Nein“, erklärt Schrandt. „Regelmäßige Untersuchungen in der Pathologie geben keine Anzeichen für Krankheiten, die auf einen sinkenden Bestand hinweisen.“ Auch ein Ausschlagen nach oben sei unwahrscheinlich. 

Seehundbestand im Niedersächsischen Wattenmeer

2018: 9918 Tiere - davon 2158 Jungtiere

2017: 9946 Tiere - davon 2212 Jungtiere

2016: 9339 Tiere - davon 1902 Jungtiere

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