Homeschooling

Coronavirus treibt fast alle Schulen ins digitale Zeitalter

Das Gute an der Corona-Krise ist für viele, dass sie Nachholbedarf schonungslos aufgedeckt. Die Digitalisierung der Schulen gehört offensichtlich dazu. Von der Suche nach schnellen Lösungen und langfristiger Umstellung.

  • Iserv, Bildungscloud oder eine Papierlösung: Unterricht im Lockdown.
  • Niedersächsische Firma bietet Lösung für Homeschooling.
  • Kultusminister Grant Hendrik Tonne verteidigt die Öffnung von Grund- und Förderschulen.

Geteilte Klassen, aufgehobene Präsenzpflicht und Unterricht auf Distanz - die coronabedingten Einschränkungen stellen alles auf den Kopf, was mal als Schulalltag galt. Vom Homeschooling im Lockdown, also auch dem digitalen Lernen per Videounterricht, profitiert das kleine Braunschweiger Unternehmen Iserv. Für die Schulplattform gab es zwar schon vor Corona regen Zulauf - die Möglichkeit zum Unterricht im digitalen Klassenraum lässt die Zugriffszahlen aber in ungeahnte Höhen schnellen.

LandNiedersachsen
Bevölkerung7,982 Millionen
HauptstadtHannover
MinisterpräsidentStephan Weil (SPD)

Beim Besuch in der Braunschweiger Firmenzentrale wird die Aufbruchsstimmung spürbar, obwohl auch dort die Corona-Pandemie viele Mitarbeiter ins Homeoffice zwingt. „Es werden derzeit jeden Tag fünf Prozent mehr“, sagt Geschäftsführer Jörg Ludwig beim Blick auf die Zugriffszahlen. Seine Botschaft an die Schulen, die sich in der Corona-Krise erneut umstellen müssen: „Wir haben die Lösung“.

Tatsächlich rennen ihm die Kunden seit Anfang des Jahres die digitale Bude ein. Erstmals über eine Million Nutzungsstunden registrierte Iserv nach eigenen Angaben am vergangenen Donnerstag. Über den Tag verteilt seien dies 2,55 Millionen Beitritte zu Videokonferenzen, die im Schnitt 20 bis 30 Minuten dauerten. Die Grafik, die Geschäftsführer Jörg Ludwig dazu vorlegt, zeigt vor allem, dass diese Daten die Werte aus dem ersten Lockdown im Frühjahr 2020 um ein Vielfaches übersteigen.

Iserv, Bildungscloud & Co boomen beim Homeschooling

Nach den Weihnachtsferien starteten laut Kultusministerium rund 94 Prozent der Schüler in Niedersachsen in den Unterrichtsalltag mit Distanzunterricht. Wie lange der nun verschärfte Lockdown den Schulbetrieb einschränkt, ist derzeit völlig unklar. Für Iserv heißt das: „Kundenstamm verdoppelt“. Auf der Homepage weist das Unternehmen mehr als 4500 „zufriedene Schulen“ aus, Anfang letzten Jahres seien es noch 2300 Schulen gewesen. Neben Niedersachsen ist Iserv auch etwa in Schleswig-Holstein, Hamburg und Hessen aktiv, zuletzt sei die Hälfte der Käufer aus Nordrhein-Westfalen dazugekommen.

Viele Kunden sind dem Schulleitungsverband in Niedersachsen zufolge sehr zufrieden mit der Lösung. „Ich habe bisher nur positive Rückmeldungen“, sagt die Verbandsvorsitzende Andrea Kunkel. Dass ihre Grundschule in Langenhagen die Plattform rechtzeitig vor Corona im Februar 2020 angeschafft habe, wertet sie heute als „Glücksgriff“. Möglich sind die derzeit gefragten Videokonferenzen auch über die Niedersächsische Bildungscloud (NBC) und andere Anbieter. Die Stadt Hannover warb zuletzt beispielsweise für das eigene Angebot über die Plattform schulen-hannover.de.

Jörg Ludwig, Gründer und Geschäftsführer der Firma Iserv, steht neben einem großen Bildschirm, auf dem das Webportal von Iserv angezeigt wird. Sein Unternehmen bietet Schulserver an, die den Aufbau eines Schulnetzwerks inklusive Webportal ermöglichen.

An den niedersächsischen Schulen sind noch weitere Systeme im Einsatz. Einige Schulen haben schon im ersten Lockdown (Frühjahr 2020) digitale Lösungen erarbeitet. Plattformen wie „Teams“ oder „It´s Learning“ werden genutzt. Doch viele Schulen hinken der Entwicklung hinterher. Hier bekommen die Schüler Wochenarbeitspläne. Diese sind beispielsweise auf der Schulhomepage hinterlegt, werden per E-Mail verschickt oder können ausgedruckt in der Schule abgeholt werden. Als Grund für das Fehlen einer digitalen Lernsoftware wird oft der (fehlende) Datenschutz genannt.

Die Verantwortlichen bei Iserv sehen sich aber weiter auf Expansionskurs. Im vergangenen Jahr stieg die Mitarbeiterzahl von 60 auf 110. „Jetzt planen wir weitere 50 Einstellungen und gehen sicher bald auf die 200 zu“, sagt Firmen-Chef Jörg Ludwig, der Iserv vor 20 Jahren als Angebot für Kommunikation, Organisation und Netzwerktechnik gründete. „Videokonferenzen haben wir früher gar nicht gemacht, jetzt war aber schnell klar, dass die Schulen das brauchen würden“, sagt Jörg Ludwig. Derzeit entstehe eine neue Zentrale in Braunschweig.

Schulaufgaben werden am Tablet gelöst.

Als „tierisch ärgerlich“ bezeichnet der 38-jährige Informatiker den „etwas vermasselten Schulstart“. Weil die Technik nicht ganz rund lief, war die Videokonferenz zunächst nicht voll einsetzbar. Die Panne bremste den digitalen Unterricht aber nur an dem Montag aus. Die Pandemie habe die Digitalisierung der Schulen sehr beschleunigt. „Wir haben in der Entwicklung fünf Jahre übersprungen“, sagt Iserv-Gründer Ludwig. Sein Unternehmen dürfte davon noch einige Zeit profitieren.

Trotz Homeschooling bleibt die Schultür einen Spalt offen

Mindestens bis zum 14. Februar werden ein Großteil der Schüler im Homeschooling unterrichtet. Doch die Schulen sind nicht komplett dicht, Grundschüler müssen hin. Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne verteidigt diesen Sonderweg. „Ich bin fest von dem Weg überzeugt, die Schulen in Niedersachsen einen Spalt weit aufzuhalten. Gerade für die Grundschüler, die Lesen, Schreiben und Rechnen erst lernen, ist reiner Distanzunterricht auf Dauer nicht darstellbar“, sagte der SPD-Politiker in der Neuen Osnabrücker Zeitung (NOZ). Er werde sich auch bei Gegenwind dafür einsetzen, dass Bildung und Kindeswohl in der Pandemie nicht vergessen werden.

Für Schüler der Klassen 5 und 6 gibt es eine weitere Option. Für sie ist eine Notfallbetreuung in den Schulen eingerichtet. Meint: Sollten die Kinder zu Hause nicht betreut werden können, können Eltern auf Antrag sie in die Schule schicken. Dort werden sie betreut und können am digitalen Unterricht teilnehmen.

Bildung und Infektionsschutz beim Homeschooling nicht gegeneinander ausspielen

Bildung und Infektionsschutz dürften nicht gegeneinander ausgespielt werden. „Wenn die Sozialkontakte erheblich heruntergefahren werden, dann kommt Schule neben dem Bildungsauftrag eine weitere bedeutende Rolle zu: Nämlich ein unerlässliches Mindestmaß an Kontakt für Kinder und Jugendliche mit anzubieten, selbst wenn es nur auf Abstand ist“, betonte der Minister.

Entgegen der Empfehlung des Bundes, alle Schulen komplett zu schließen, lässt Niedersachsen die Grund- und Förderschulen teilweise geöffnet und bietet außerdem Präsenzunterricht für Abschlussklassen an. Allerdings ist die Präsenzpflicht in beiden Fällen aufgehoben, sodass die Eltern darüber entscheiden können, ob sie ihre Kinder im in die Schule schicken oder gänzlich im Distanzlernen lassen. Ein Modell, das vor allem von Lehrer- und Bildungsverbänden in den vergangenen Tagen vielfach kritisiert worden war.

Hendrik Tonne: Blick auf Kinder und Jugendliche kommt zu kurz

Grant Hendrik Tonne indes erklärte, davon nicht abweichen zu wollen. Die Kinder seien schließlich bereits seit Wochen zu Hause. „Das macht auch was mit der Persönlichkeit und dem Sozialverhalten vieler Kinder, wenn über so lange Zeiträume kein Kontakt zu Gleichaltrigen und zu Bezugspersonen außerhalb der eigenen Familie stattfindet. Das muss mit im Blick gehalten werden. Unsere Kinder und Jugendlichen sind nicht einfach kleine Erwachsene“, erklärte der vierfache Vater.

Ohnehin komme Grant Hendrik Tonne der Blick auf die Kinder und Jugendlichen zu kurz. „Ich plädiere dafür, dass in Zukunft an den vorbereitenden Expertenanhörungen auch Stimmen vertreten sind, die das Fachurteil der Virologen ergänzen mit einer starken Stimme, wie es den Kindern und Jugendlichen in der Pandemie ergeht“, forderte der Minister.

Wann die Schulen komplett wieder öffnen ist noch völlig unklar. Thüringens Bildungsminister Helmut Holter (Linke) sagte dem MDR: „Ich gehe davon aus, dass die Schulen bis Ostern geschlossen bleiben müssen.“ dpa/awt

Rubriklistenbild: © Hauke-Christian Dittrich

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