Autofahren ist billiger

Corona bremst den ÖPNV aus – nun geht es auf die Überholspur

Der ÖPNV leidet unter Corona. Um Bus und Bahn neuen Schwung zu geben, greift das Land Niederachsen tief in die Tasche.

  • Bis zu 80 Prozent weniger Personen in Niedersachsens Bussen und Bahnen.
  • Niedersachsen investiert mit einem Rekordvolumen von rund 157 Millionen Euro in den ÖPNV.
  • ÖPNV-Rettungsschirm für Verkehrsunternehmen.

„Die Corona-Pandemie ist ein herber Rückschlag für den öffentlichen Personennahverkehr auf Straße und Schiene (ÖPNV). Wir wollen verhindern, dass der ÖPNV dauerhaft geschwächt wird und peilen nach erfolgreicher Bewältigung der Pandemie erneut Höchststände bei den Fahrgastzahlen an“, sagte Verkehrsminister Dr. Bernd Althusmann am Freitag in Hannover anlässlich der Vorstellung des ÖPNV-Jahresförderprogramms 2021

LandNiedersachsen
Bevölkerung7,982 Millionen
HauptstadtHannover
MinisterpräsidentStephan Weil (SPD)

In diesem Jahr beteiligt sich das Land Niedersachsen mit einem Rekordvolumen von rund 157 Millionen Euro an 324 Projekten zum Ausbau und zur Verbesserung des ÖPNV im Land. Bernd Althusmann: „Wir investieren gegen die Krise. Ein starker ÖPNV macht einen starken Standort. Wir werden die Attraktivität des Nahverkehrs mit Bussen und Bahnen steigern und den weiteren Ausbau unterstützen. Je mehr Fahrgäste der ÖPNV nach der Pandemie zurückgewinnen kann, desto größer der Beitrag zum Klimaschutz.“ Die Landesregierung ermöglicht mit dem ÖPNV-Jahresförderprogramm 2021 Investitionen von insgesamt rund 319 Millionen Euro in Niedersachsen in allen Bereichen des ÖPNV

Im Einzelnen umfasst das ÖPNV-Jahresförderprogramm 2021: 55 Neu- und Ausbauvorhaben im straßengebundenen ÖPNV mit insgesamt 94 Millionen Euro Förderung (Stadt- und Straßenbahninfrastruktur, Park&Ride- und Bike&Ride-Anlagen, allein 27 größere Bushaltestellen und Busbahnhöfe, Busbetriebshöfe, ÖPNV-Beschleunigungen, Echtzeitinformationssysteme für Fahrgäste und auch 42 Stadtbahnwagen in Hannover). 1.081 Bushaltestellen werden modernisiert und barrierefrei gestaltet mit insgesamt rund 38,5 Millionen Euro Förderung.

ÖPNV: Wasserstoff-Brennzellenbus für Nienburg

Ein Projekt im Schienenpersonennahverkehr (SPNV) wird mit rund 87.000 Euro Förderung unterstützt. Zusätzlich werden außerhalb des ÖPNV-Jahresförderprogramms eine Vielzahl von SPNV-Projekten aus gesonderten Mehrjahresprogrammen (Niedersachsen ist am Zug - NiaZ, Zukunftsinvestitionsprogramm - ZIP) gefördert.

Konkret ist im laufenden Jahr die Modernisierungen von weiteren fünf Bahnstationen vorgesehen. 235 ÖPNV-Omnibusse, voraussichtliche Gesamtförderung: 25 Millionen Euro; dazu kommen weitere Anträge für 77 ÖPNV-Omnibusse, die in den nächsten Wochen in die Förderung aufgenommen werden sowie bis zu 33 Busse aus einer EFRE-Förderung für CO2-freie und CO2-arme Busse. Insgesamt 78 und damit mehr als jeder fünfte davon mit Elektro-, Gas- oder Hybridantrieb, darunter erstmals bis zu zehn Wasserstoff-Brennstoffzellenbusse in Nienburg, Stade und Oldenburg beschafft, sagte der Minister.

Das Land investiert in den ÖPNV.

Das vom Fördervolumen größte Vorhaben ist die Förderung von 42 Stadtbahnwagen für die Üstra in Hannover (voraussichtliche Förderung rund 72,1 Millionen Euro). Besonders bedeutsame Großprojekte 2021 sind neben mehreren Hochbahnsteigen und Gleiserneuerungen im Liniennetz der Stadtbahnen in Hannover und Braunschweig (8 und 2,1 Millionen) und dynamischen Fahrgastinformationsanzeigern für die Echtzeitinformation in der Region Hannover (1,24 Millionen), der Ausbau des ZOB in Friesoythe (1,1 Millionen), der Ausbau des Bahnhofsumfeldes in Goslar (0,9 Millionen), der Ausbau von Omnibusbetriebshöfen mit Elektroladestellen in Salzgitter (0,6 Millionen) und Helmstedt (0,5 Millionen) sowie die Erweiterung der Park+Ride-Anlage am Bahnhof in Hameln (0,5 Millionen).

Die Corona-Pandemie trifft den ÖPNV landesweit mit Fahrgastrückgängen um bis zu 80 Prozent. Neben der jährlichen Landesförderung hat die Landesregierung zur Unterstützung der Verkehrsunternehmen und ÖPNV-Aufgabenträger für die Bewältigung der Corona-Pandemie einen Rettungsschirm aufgespannt. Aus dem Bundeshaushalt (212 Millionen Euro) und dem Landeshaushalt (190 Millionen Euro) stehen 402 Millionen Euro für die Schadensausgleiche zur Verfügung.

ÖPNV ist deutlich teurer geworden als Autofahren

Es ist allerdings zu erwarten, dass aufgrund der andauernden Pandemie und der geringen Auslastung des ÖPNV auch in 2021 noch erhebliche Schäden im ÖPNV auftreten. Das Land setzt sich deshalb für eine zügige Verlängerung des gemeinsamen ÖPNV-Rettungsschirms ein und hat dazu über die Verkehrsministerkonferenz bereits Kontakt zum Bund aufgenommen.

Um langfristig mehr Menschen vom ÖPNV zu überzeugen, reichen die Staatshilfen nicht. Wie der Spiegel herausgefunden hat, zahlten Reisende im Vergleich zu 2015 im Schnitt 16 Prozent mehr. Die Kosten fürs Autofahren stiegen im gleichen Zeitraum um vier Prozent.

Unterdessen will Niedersachsen nach dem Willen des Verkehrsministers weitere Bahnstrecken für Pendler reaktivieren. Am aussichtsreichsten seien die Planungen für eine Verlängerung der 2019 wieder für den Personenzugverkehr eröffneten Strecke von Bad Bentheim nach Neuenhaus weiter ins niederländische Coevorden, sagte Althusmann. „Da erwarten wir in Kürze eine positive Bewertung.“ Ein weiterer Kandidat sei die Strecke von Lüneburg nach Amelinghausen/Bispingen. Beide Strecken werden momentan von Güterzügen befahren.

Um im größeren Umfang die Reaktivierung weiterer Strecken angehen zu können, pocht Bernd Althusmann gemeinsam mit den Verkehrsministern der anderen Länder auf eine Veränderung des vom Bund dazu vorgegebenen Bewertungsverfahrens. Dieses sei nicht auf ländliche Räume ausgerichtet. Deshalb hätten nach einem vor einigen Jahren vom Ministerium angeschobenen Auswahl- und Bewertungsprozess auch nur zwei von 73 geprüften Verbindungen reaktiviert werden können. Neben der von Bad Bentheim ausgehenden Strecke war dies die kurze Verbindung nach Einbeck. Erst wenn der Bund seine Rahmenbedingungen ändere, mache ein neues Bewertungsverfahren in Niedersachsen Sinn. dpa/awt

Rubriklistenbild: © Symbolfoto: Bildagentur PantherMedia / anizza

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