Inlandstourismus

Camping-Boom in der Corona-Krise: Verband hat Lösungen parat

In der Corona-Pandemie verändert sich der Blick auf Dauercamper. Sie sind vielerorts im Norden in der durch Corona ausgelösten Tourismus-Krise privilegiert – und wissen das zu schätzen. Ein Landesverband fordert die Öffnung der Plätze.

Update vom 27. April: Eine Freigabe des Campingurlaubs in Gemeinden mit wenigen Corona-Neuansteckungen fordert der Verband der Campingplatzunternehmer Niedersachsen. „Wir wollen, dass geöffnet wird“, sagte der Vorsitzende Norbert Kloodt am Dienstag. „Wir haben den autarken Urlaub, Sanitäreinrichtung und Küche sind in den Wohnmobilen, die Plätze sind bis zu hundert Quadratmeter groß“, führte er aus. Camper wollten vor allen Dingen die Natur genießen. Nach dem Bundesinfektionsschutzgesetz müssen Campingplätze in Landkreisen mit einer Inzidenz von über 100 geschlossen bleiben. Liege der Wert darunter, solle das Land die Plätze nun aufmachen, fordert der Verband.

Himmelfahrt und Pfingsten läuten Camping-Saison sonst so richtig ein

„Es gibt das Bedürfnis, und wir möchten es gern geregelt anbieten. Mit der Luca-App und Schnelltests vor Ort, das ist eigentlich optimal“, sagte Kloodt. Im Mai laufe das Geschäft mit den Feiertagen Himmelfahrt und Pfingsten normalerweise richtig an. „Nun gibt es gar keine Perspektive“, bemängelte Kloodt, der auf seinem Platz am Stover Strand an der Elbe wie alle anderen nur Dauercamper beherbergen darf. Bis mindestens zum 9. Mai ist Tourismus nicht erlaubt.

Im vergangenen Jahr wurde eine 50-Prozent-Belegung im Mai erlaubt, das steigerte sich bis zur vollen Auslastung Ende Juni. „Wir haben positive Erfahrungen aus dem vorigen Jahr und die Leute wollen auch nicht mehr so weit fahren“, berichtete Kloodt.

Meldung vom 26. April: Camping liegt schon lange im Trend, Corona hat den Inlandstourismus verstärkt. Tourismus ist auf den Plätzen allerdings noch verboten, nur Dauergäste sind in Niedersachsen willkommen. Die Wartelisten für Saisonplätze sind lang. Die Nachfrage nach Dauercampingplätzen ist größer als das Angebot. Die Situation hat sich wegen der Corona-Pandemie verschärft, die Wartelisten sind lang. Dauercamper werden wie Ferienhausbesitzer behandelt und sind - anders als Touristen - derzeit willkommen. „Die aktuelle Nachfrage ist enorm, wir haben Anfragen ohne Ende“, sagte Julia Staarmann, zweite Vorsitzende des Verbandes der Campingplatzunternehmer Niedersachsen.

Bis mindestens zum 9. Mai ist Tourismus nicht erlaubt, Hotels und Pensionen sind geschlossen. Auch mit dem Wohnmobil ist Urlaub kaum möglich. Dauercamper können allerdings nicht überall auf die Plätze. In Schleswig-Holstein und Niedersachsen dürfen sie unter Bedingungen auf die Plätze, in Mecklenburg-Vorpommern allerdings nur tagsüber und wenn sie aus dem eigenen Land sind. Viele Betreiber und Urlauber hoffen auf das Pfingstwochenende.

Dauercamper: „Wir sind wahnsinnig glücklich“

Holger Koch, seit 30 Jahren Dauercamper in Damp an der schleswig-holsteinischen Ostseeküste, fasst es kurz zusammen: „Wir fühlen uns hier sauwohl.“ Sein Wohnwagen steht direkt am Wasser. Jedes Jahr verbringen seine Frau und er etwa sechs Monate auf dem Platz. Das Ehepaar aus dem Raum Celle in Niedersachsen hatte zuvor Europa mit dem Wohnmobil erkundet. Jetzt seien sie über 70 Jahre alt. „Irgendwann haben wir entschieden, dass wir beide Ruhe haben wollen.“ Die bietet der Platz, zumal in dieser Zeit. „Wir sind wahnsinnig glücklich.“

Weiter südöstlich auf der Insel Fehmarn betreibt Malte Riechey zusammen mit seinem Vater den Campingplatz Wulfener Hals. Von den 805 Standplätzen sind 265 an Dauercamper vermietet. Der Trend in den vergangenen Jahren sei überall an der Küste eher weg vom Dauercamping gewesen. „Das liegt nicht an der mangelnden Nachfrage.“ Aber die Nachfrage an touristischen Stellplätzen sei eben noch stärker gestiegen.

Die Dauercamper Marianne und Paul-Jürgen Post sitzen vor ihrem Wohnwagen auf dem Campingplatz der Familie Wilken an der Thülsfelder Talsperre.

Mitte April waren in der Woche etwa zehn Prozent der Dauercamper da, am Wochenende 20 bis 30 Prozent. „Das wird sich jetzt ganz deutlich steigern“, so der 42-Jährige. Die meisten Dauercamper kommen aus einem Gebiet mit maximal zwei bis drei Stunden Anreisezeit.

Laut Riecheys wird es Zeit, dass der normale Betrieb wieder losgeht. Im Winter hätten sie mehr als eine Million Euro investiert, in der Hoffnung auf eine normale Saison. Wie groß die wirtschaftliche Not sei? „Das hängt davon ab, wann es wieder losgeht.“ Der Ausfall Ostern sei hart gewesen. „Jeder Tag, der geschlossen ist, kostet uns richtig Geld.“ Die Dauerplatzerlöse können das Geschäft nicht tragen, sie machen nur etwa zehn Prozent der Gesamterlöse aus. „Wir brauchen händeringend unsere Gäste.“ Der Geschäftsführer verweist auf strenge Hygienemaßnahmen, große Abstände und den beständigen Wind, der um die Wohnwagen streicht.

Der 65 Jahre alte Martin Gerken aus Hannover macht seit 1988 Urlaub auf dem Platz Wulfener Hals, seit Anfang der 90er-Jahre als Dauercamper. Mehrere Kinder sind dort quasi groß geworden und verbringen weiterhin dort ihren Urlaub, jetzt auch mit Enkelkindern. „Wir haben die Anfänge der Animation auf dem Platz miterlebt und engagieren uns dort noch heute.“ Gerken ist oft auf dem Platz, aber nicht an kurzen Wochenenden, dafür ist der Weg zu weit. „Wenn ich in diesem Jahr in Rente gehe, werden wir auch länger auf dem Platz sein können.“

Corona-Lockerungen in Niedersachsen: Neue Verordnung gilt bis 10. Mai - Dauercamper können zurück.

Gerken schwärmt vom Dauercamperleben auf dem Platz Wulfener Hals, der mit Restaurant, Wassersport, Spielplatz und Animation alles biete. „Für Kinder gibt es definitiv nichts Schöneres. Die gehen morgens raus und man weiß, sie kommen wieder, wenn sie Hunger haben.“ Er lobt den Gemeinschaftssinn. Man achte aufeinander und feiere gemeinsame Feste. „Das ist schon schön, das macht Spaß.“ Der besonderen Situation der Dauercamper während der Corona-Pandemie ist Gerken sich bewusst: „Wir sind privilegiert.“

Im Ferien- und Erlebnispark Alfsee im Landkreis Osnabrück, wo Julia Staarmann arbeitet, sind etwa 380 von 750 Standplätzen ganzjährig vermietet. Ganzjahresplätze sind auch im Südsee-Camp in Wietzendorf in der Lüneburger Heide gefragt. 600 von 1300 Plätzen sind ganzjährig gebucht, alle Möglichkeiten sind vergeben. Die Preise liegen zwischen 1800 und 2500 Euro plus Nebenkosten.

Dauercamper Helmut Riedemann wohnt seit 2016 fest auf dem Platz „Am See“ in Eitzendorf (Landkreis Nienburg/Weser). Auf die Frage, ob er in seinem Leben als Dauercamper etwas vermissen würde, sagt Helmut Riedemann klar und deutlich: „Nein, überhaupt nichts!“ Er sei schon immer ein Naturfreund gewesen, könne durch die große Glasfront in seinem Camper sogar Rehe beobachten und habe schon als Kind einsam gelebt.

Mecklenburg-Vorpommern: Keine Dauercamper aus anderen Bundesländern

In Mecklenburg-Vorpommern gelten seit Sonnabend (24. April) strengere Regeln. Dauercamper aus anderen Bundesländern dürfen sich nicht mehr auf den Plätzen aufhalten. In einigen Regionen hatten sie wegen hoher Corona-Inzidenzen auch schon vorher die Plätze verlassen müssen. Etwa in den Landkreisen Mecklenburgische Seenplatte und Vorpommern-Greifswald.

Wer seinen Wohnsitz in Mecklenburg-Vorpommern hat, darf nach Angaben des Landes-Campingverbandes nur tagsüber auf die Plätze, übernachten ist verboten. Der Geschäftsführer des Campingplatzes im Ostsee-Bad Graal-Müritz, Oliver Behrens, nennt die Regelung „völlig unverständlich“. Menschen aus der sicheren Umgebung eines Campingplatzes in eine große und enge Stadt zurückzuschicken, werde von den Betroffenen als „totaler Irrsinn“ bezeichnet. „Das sorgt für großen Unmut“, sagt Behrens.

Der Bundesverband der Campingwirtschaft schätzt, dass es rund 260.000 Dauerstandplätze in Deutschland gibt. Die Zahl der Touristikstandplätze liege bei rund 230.000. Nach Ländern aufgeschlüsselte Zahlen liegen dem Verband nach eigenen Angaben nicht vor. Wer mehr möchte, kann auch dem Deutschen Campingclub (DCC) beitreten.

Rubriklistenbild: © Hauke-Christian Dittrich/dpa

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