DJ Toddy streamt

Alarmstufe rot: DJ-Präsident warnt vor Sterben der Veranstaltungs-Branche

Nach monatelangem Lockdown vermisst fast jeder das Ausgehen - ganz gleich, ob Club, Kino oder Theater. Die Kulturszene liege im künstlichen Koma, beklagt Dirk Wöhler, Mitorganisator der AlarmstufeRot-Proteste. Sind Schnelltests eine Lösung?

Der Präsident des Berufsverbands Discjockey, Dirk Wöhler, warnt vor einem Sterben der Veranstaltungsbranche, sollte nicht schnell ein Öffnungs-Szenario mit Antigentests realisiert werden. Die Branche sei tot, wenn gewartet werde, bis alle geimpft seien, betonte der 51-Jährige. Er war Anmelder von sechs Demonstrationen unter dem Motto #AlarmstufeRot, bei denen in Berlin Tausende Künstler und Veranstalter auf ihre prekäre Lage aufmerksam gemacht haben. „Du musst den Menschen Alternativen geben, sonst entstehen diese schwarzen Partys“, betonte Wöhler, der seit seiner Jugend als DJ Musik auflegt. Künstler seien die Seele der Republik. „Wir vermissen das Weggehen und sehnen uns nach Berührung.“

BerufsverbandDiscjockey
Mitglieder> 1000
Gegründet1982
PräsidentDirk Wöhler

Theaterchefs und Veranstalter haben jüngst ein umfassendes Konzept vorgelegt, das in mehreren Stufen die Rückkehr von Zuschauern vorsieht. Ein solches Öffnungs-Szenario kann sich Dirk Wöhler gut vorstellen. So könnten sich Besucher eines Konzerts zum Beispiel drei Tage vorher per App mit einem Schnelltest-Nachweis anmelden. Denkbar wäre, sich dann bis zu dem Event zu isolieren, sagte der Eventmanager aus Braunschweig.

Als Präsident des Berufsverbands Discjockey setzt sich der 51-Jährige für eine Anerkennung des Berufsbilds durch die Industrie- und Handelskammer ein. Der Verband hat knapp 1000 Mitglieder. Nach Wöhlers Schätzung gibt es bundesweit etwa 6000 Discjockeys, die teils nebenberuflich Musik auflegen. Weil coronabedingt Geburtstagspartys, Hochzeitsfeiern oder Firmen-Events ausfallen, seien sie derzeit genauso wie Alleinunterhalter arbeitslos: „Die ganze Kulturbranche wurde in ein künstliches Koma versetzt, viele gehen insolvent, viele wandern ab und suchen sich neue Jobs.“

Alarmstufe rot: Staat muss seine Corona-Hilfen aufstocken

Aktuell werden Dirk Wöhler zufolge auch die Veranstaltungen abgesagt, die 2020 pandemiebedingt um ein Jahr verschoben wurden. Mit Online-Partys oder gestreamten Konzerten verdiene keiner Geld, betonte der Verbandspräsident. Daher müsse der Staat seine Hilfen für die Kreativbranche aufstocken. „Wenn wir ins künstliche Koma gelegt werden, müssen wir es überleben können.“ Die Bundesregierung hat der Kultur- und Kreativbranche bereits ein Hilfspaket im Umfang von einer Milliarde Euro für den Neustart zugesagt.

Nach der Pandemie werde das Nachtleben anders sein als zuvor, ist Dirk Wöhler allerdings überzeugt. Das Ausgehverhalten werde sich ändern. „Dabei gab es schon vorher ein Club- und Discothekensterben.“

Im Juni 2020 versuchte die Veranstaltungsbranche deutschlandweit bereits mit roter Beleuchtung an wichtigen Bauwerken oder Orten auf ihre Lage aufmerksam zu machen.

Ebenfalls stark betroffen ist der Bremer DJ Toddy. Ob Bremer Sixdays, Brokser Heiratsmarkt oder diverse Schützenfeste: Toddy ist auf den Tanzflächen der Region eine Institution. Die genannten Events sind alle ausgefallen. Ob ein Brokser Markt 2021 in gewohnter Form über die Bühne gehen kann - ungewiss. Aktuell plant DJ Toddy Karnevalsveranstaltungen und Kohlbälle als virtuelle Streams.

Wie viele Kollegen, so ist auch DJ Toddy, eines der Gesichter bei „Kulturgesichter0421“. Auf der Homepage heißt es zur Aktion #AlarmstufeRot: „Mit Kulturgesichter0421 schließen wir uns auch in Bremen dieser gemeinsamen Aktion an und möchten damit auf die vielen Schicksale hinweisen, die in Bremen hinter dem sechstgrößten deutschen Wirtschaftszweig stehen.“

Im Herbst war die Veranstaltungsbranche bereits Thema in der Bremischen Bürgerschaft. Zwei Anträge lagen vor. Inhaltlich ging es darum, der Veranstaltungsbranche das Arbeiten unter den Pandemie-Bedingungen zu ermöglichen, statt neue Überbrückungsmaßnahmen in die Wege zu leiten. 

Stimmung garantiert: DJ Toddy bei den Sixdays in Action. Aktuell kämpft die Brache ums Überleben.

Bereits sehr früh in der Pandemie machte die Veranstaltungsbranche auf ihre Probleme aufmerksam. Tenor: „Wir sind die ersten die in den Lockdown versetzt worden sind und werden die letzte sein, die man rausgeholt.“ Im Juni 2020 gab es schon die deutschlandweite Aktion „Night of Light“. Damals wurden zwischen 22 und 1 Uhr Eventlocations, Spielstätten, Gebäude und Bauwerke mit rotem Licht illuminieren. Es wurden beispielsweise das Gelände auf dem der Brokser Markt stattfindet oder Theater rot angestrahlt. Damals wurden bundesweit 9 140 Gebäude von 8 365 Firmen in rotes Licht getaucht. dpa/awt

Rubriklistenbild: © Alina Astl, Yasmine Goldschmidt, Alina Seufert und Sigi Schritt

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