Hildesheimer Tauschtreffen in Sibbesse / Tausche Massage gegen Übernachtung

Talent als Währung im Tauschring

Tauschen und Kontakte knüpfen: Imke Mahler, Yvonne Topf und Petra Gantowski (von links) beim Tauschtreffen in Sibbesse.

SIBBESSE Schneidest du meine Bäume, helfe ich dir mit dem Computer – Nach diesem Prinzip funktionieren Tauschringe. Auch beim Treffen des Hildesheimer Tauschringes in der Sibbesser Friedrich-Busse-Schule heißt die Währung nicht „Euro“ sondern „Talent“. Auf den ersten Blick sieht alles ein bisschen wie Flohmarkt aus in der Eingangshalle der Grundschule. Auf Tischen liegen Handtaschen und Häkelspitze, selbst gekochte Marmelade und gebastelte Karten. Petra Gantowski sieht sich am Stand von Imke Mahler um. „Mein Talent kann man schlecht ausstellen“, sagt Imke Mahler aus Mehle: „Ich biete Hilfe bei der Gartenarbeit.“

Doch wie bei jedem der monatlichen Treffen steht nicht unbedingt ein gutes „Tauschgeschäft“, sondern vor allem die gute Gemeinschaft und das Kennen lernen im Vordergrund.

„Die Treffen sind wichtig für die Kontakte“, sagt Gaby Radzyk. Die Salzhemmendorferin arbeitet im Tauschring-Team und kümmert sich unter anderem um die Buchführung. „Ich habe viel Arbeit investiert.“ Dadurch hat sie ein ordentliches „Talent-Konto“ angesammelt, das sie in diesem Jahr wohl aufbrauchen wird. „Ich heirate nämlich“, sagt sie, „und da brauche ich jede Menge Teller, Gläser, Besteck aber auch Salate und Kuchen.“ Und dabei kann sie auf die Talente der anderen Mitglieder zurückgreifen. „Da werde ich wohl dieses Jahr ins Minus rutschen.“

Bezahlt wird mit einer imaginären Währung, den Talenten. Dafür hat jedes Mitglied ein Konto. Damit es bei den Tauschtreffen nicht zu kompliziert mit dem Aufschreiben wird, gibt es auch Talentzettel über die man tauschen kann. „Wir sind natürlich keine Bank“, sagt Gaby Radzyk: „Es gibt keine Zinsen.“

Jedes Mitglied zahlt im Monat zwei Talente. „Ein Tauschring funktioniert deshalb auch nur, wenn man aktiv ist“, erklärt sie. „Man muss was tun. Es passiert nichts von alleine.“ Diese Erkenntnis hat letztlich auch dazu beigetragen, dass sich die Mitgliederzahl des Tauschringes Hildesheim im vergangenen Jahr fast halbiert hat. „Karteileichen“ wurden aussortiert. Von ehemals 65 Mitgliedern sind es heute noch 35. „Aber die sind wirklich aktiv“, sagt Gaby Radzyk. „Wir haben uns zu lange damit beschäftigt, die Passiven wieder zu motivieren, das hat uns blockiert.“ Dabei sei natürlich niemand rausgeschmissen worden, jeder könne jederzeit wieder aktiviert werden. Jetzt laufe der Tauschring wieder rund, und die Tauschtreffen, wie das in Sibbesse seien wieder gut besucht. „Wir freuen uns immer über das Interesse der Besucher und natürlich auch über neue Mitglieder“, sagt Gaby Radzyk.

Regelmäßig gibt es für alle Mitglieder des Tauschringes eine Zeitung. Hier gibt es neben Angeboten und Nachfragen auch aktuelle Informationen. Die Palette reicht von gebrauchter Kleidung über Kochen bei Festen bis zu Kräuterwanderungen und Wellness-Massagen. Einmal im Monat finden Tauschtreffen statt, oft bei den Mitgliedern zuhause.

Vor dem Treffen in Sibbesse haben die Mitglieder ihre Vollversammlung abgehalten und dabei auch beschlossen, sich verstärkt der Öffentlichkeitsarbeit zu widmen. „Es ist schwer den Menschen zu vermitteln, dass es auch ohne Geld geht“, sagt Gaby Radzyk. „Wir haben immer noch den Ruf der Alternativen.“ Doch Tauschringe haben Potential und sind mittlerweile bundesweit im Ressourcen-Tauschring vernetzt. Um die Möglichkeiten des Internets erweitert, können auch Ferntauschaktionen durchgeführt werden. „Das ist zum Beispiel bei der Suche nach Unternachtungsmöglichkeiten interessant“, sagt Gaby Radzyk.

Die Idee der Tauschringe gehe auf die Theorie der Freiwirtschaft des Ökonom Silvio Gesell von 1911 zurück, einer Lehre, die eine Marktwirtschaft ohne Kapitalismus einführen will, erklärt der Eberholzer Georg Otto, der die Besucher informiert, wie Tauschringe funktionieren. Moderne Ableger dieser Idee findet man im Internet. Auf dem virtuellen Marktplatz der Neuzeit hat sich das Tauschgeschäft – einst als Öko-Tick belächelt – mittlerweile etabliert. Nach dem Motto „Wozu kaufen, wenn man tauschen kann?“ bauen auch Unternehmer im Netz längst Plattformen, auf denen der Handel ohne Geld funktionieren soll.

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