Sachverständiger attestiert dem Angeklagen im Mordprozess eine volle Schuldfähigkeit

„Motiv ist ohne Frage Eifersucht“

Der Sachverständige Dr. Thomas Bellin attestiert dem Angeklagten eine volle Schuldfähigkeit. Foto: Vollmer

Eberholzen / Hildesheim Für Hartmut T. steht jede Menge auf dem Spiel: Sollte das Gericht niedere Beweggründe bei der Tötung seiner Lebensgefährtin feststellen, droht ihm eine Verurteilung wegen Mordes. Dem 60-Jährigen wird vorgeworfen, am 15. September vergangenen Jahres seine sieben Jahre jüngere Partnerin getötet zu haben.

Als mögliche Motive gelten Rache und Eifersucht. Der mutmaßliche Täter war durch das Ausspionieren des E-Mail-Kontos hinter eine neue Liebschaft gekommen. Als er sie darauf zur Rede stellen wollte, kam es zu dem tätlichen Übergriff.

Der Sachverständige Dr. Tobias Bellin aus Hannover bescheinigte dem Angeklagten in seinem Gutachten eine vollständige Schuldfähigkeit. Eine tiefgreifende Bewusstseinsstörung konnte der Psychiater nicht feststellen. Bei der Beurteilung spielt eine besondere Rolle, wann bei dem Angeklagten die Pläne für die Tat gereift sind. Ein Vorgehen im Affekt würde durch einen größeren zeitlichen Abstand in weite Ferne rücken. „Er hat keine Gründe für einen Affekt geliefert“, erklärte der Sachverständige.

Beim Würgen der Frau habe Hartmut T. sogar noch die Technik gewechselt. Das Verhalten weiche insgesamt von dem klassischen Musterfall eines Affekttäters ab. In der Gesamtbewertung liege kein Grund für eine tiefergreifende Bewusstseinsstörung vor. Zudem sah der Sachverständige keine affektauslösende Handlung im Vorfeld. Daher sei der Angeklagte als schuldfähig anzusehen. Ob eine Geste des Opfers den Ausschlag zu der Tötung geführt habe, könne er allerdings nicht definitiv ausschließen.

Bei den beiden Gesprächen, die der Sachverständige im November mit dem gelernten Maschinenschlosser geführt hat, habe er sich dahingehend geäußert, dass bei ihm die Sicherung durchgebrannt sei. Er wisse nicht, was in ihn gefahren ist. Ebenso konnte der Eberholzer die Frage, warum er nicht den Notarzt gerufen hat, nicht beantworten. Hartmut T. sei ein Mensch, der auf Beziehungen angewiesen ist und mit Trennungen wenig Erfahrungen hat.

Nicht ganz alltäglich sei bei ihm die lange räumliche Verbundenheit mit den mittlerweile verstorbenen Eltern. Problemsituationen in der Beziehung habe der Handwerker durch Arbeit bewältigt. Der Psychiater sieht ihn weit unterhalb der Schwelle einer Persönlichkeitsstörung.

Über das Gefühlsleben von Hartmut T. konnte sich das Gericht kein Bild machen. Er gab in der Verhandlung nur wenige Dinge daraus preis. Zum Auftakt des dritten Prozesstages hatte gestern der hannoversche Facharzt für Rechtsmedizin, Dr. Knut Albrecht, der Kammer den Obduktionsbericht vorgestellt. Todesursache sei letztlich ein Sauerstoffmangel im Gehirn aufgrund einer schweren Gewalteinwirkung gewesen. „Das Hirnödem war nicht mehr reparabel“, erklärte der Rechtsmediziner der Medizinischen Hochschule Hannover. Breitflächige Areale würden auf einen Würgevorgang hinweisen.

Wie lange die 53-jährige Frau dem Martyrium ausgesetzt war, konnte der Experte nicht konkret nennen. Eine Spanne von 20 Sekunden bis mehrere Minuten sei durchaus im Bereich des Möglichen. „Ein paar Sekunden reichen jedenfalls nicht aus“, erklärte Albrecht, der von einem Mischbefund aus Würgen im Schwitzkasten und punktuellen Drücken am Hals ausgeht. Deutliche Hinweise auf ein Abwehrverhalten der Frau habe es nicht gegeben. Die Rippenserienfrakturen könnten auch Folge der Reanimation entstanden sein, meinte der Experte.

Vor der großen Strafkammer unter Vorsitz von Richter Peter Peschka kamen auch die Polizeibeamten aus Alfeld und Hildesheim zu Wort, die unmittelbar nach dem Notruf in Eberholzen eintrafen. Für sie sei die Situation erst nicht ganz klar gewesen. Zunächst ging es für die Beteiligten um einen Vorfall im Rahmen von häuslicher Gewalt. „Wir mussten uns erst einmal ein Bild machen“, sagte der Beamte. Erst nach und nach kam dann Licht ins Dunkel. Die Sofortfahndung nach Hartmut T. blieb allerdings ergebnislos. Da war der Täter bereits auf der Flucht nach Norwegen. Dort stellte sich der 60-Jährige dann einen Tag nach der Tat den Behörden. Für seine anfängliche Absicht, sich dort von einer Klippe zu stürzen, fehlte ihm schließlich der Mut. Viel mehr wollte sich der Schlosser aber der Sache stellen. Bis zur Auslieferung vergingen mehrere Wochen. Wie Hartmut T. zurück nach Deutschland kam, berichtete in der Hauptverhandlung ein Kripobeamter aus Hildesheim, der mit einer Kollegin per Flugzeug nach Bergen gereist war. Der Angeklagte habe sich seit der ersten Begegnung sehr kooperativ gezeigt. „Wir hatten uns erhofft, dass der Mann gleich über die Tat spricht“, blickte der Beamte zurück. Auch im Flugzeug sei es neben vielen anderen Themen auch um die Tötung gegangen.

Gleich nach der Rückkehr habe es dann in Hildesheim die erste ausführliche Vernehmung gegeben. „Er fühlte sich von seiner Lebensgefährtin hintergangen, die sich von ihm wegen eines neuen Partners trennen wollte. Motiv ist ohne Frage Eifersucht“, erklärte der Ermittler. Laut seiner Aussage habe er beim Eindringen in das Bad den Plan gefasst, seine Lebensgefährtin umzubringen. „Das hat sie nun davon“, dachte Hartmut T. anschließend und legte die ausspionierten E-Mails seiner Lebensgefährtin auf dem leblosen Körper ab.

Der Prozess wird morgen mit den Plädoyers fortgesetzt. Das Gericht spricht voraussichtlich am 18. März das Urteil. Bei Mord droht Hartmut T. eine lebenslange Freiheitsstrafe. mi

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