Eberholzer Mordprozess: Große Strafkammer sieht Heimtücke und niedere Beweggründe als erwiesen an

Lebenslange Haftstrafe für Hartmut T.

Gestern wurde das Urteil gesprochen. Hartmut T. muss wegen Mordes lebenslang hinter Gitter. Fotos: Vollmer

EBERHOLZEN / HILDESHEIM Hartmut T. muss wegen Mordes lebenslang hinter Gitter: Die große Strafkammer des Landgerichts Hildesheim sah es als erwiesen an, dass der Angeklagte seine frühere Lebensgefährtin im September vergangenen Jahres aus Heimtücke und niederen Beweggründen in ihrer Wohnung umgebracht hat. Der Angeklagte nahm den Schuldspruch ohne eine Regung zu zeigen entgegen.

„Bei Mord gibt es für das Gericht bei der Strafzumessung keinerlei Spielraum“, erklärte der Vorsitzende Richter Peter Peschka. Der 60-Jährige sei, wie es der Sachverständige Dr. Tobias Bellin im Laufe des Prozesses in seinem Gutachten attestiert hatte, voll schuldfähig. Es liege weder Schwachsinn oder eine seelische Störung vor. Am Ende blieb für das Gericht nur die Frage, ob bei einer Affekthandlung eine tiefgreifende Bewusstseinsstörung vorgelegen hat. Auch diesen Punkt verneinte die Schwurgerichtskammer. Der Täter habe noch ein gutes Erinnerungsvermögen an die Tatabläufe. „Wer im Affekt handelt, verhält sich dagegen wie in einer Art Rausch“, sagte der Richter. Dazu fehle eine direkte Provokation durch seine frühere Lebensgefährtin und eine emotionale Erschütterung direkt nach er Tat. Von Betroffenheit sei keine Spur gewesen.

Das Gegenteil war der Fall: Hartmut T. habe immer wieder von einem beruhigenden Gefühl gesprochen. Gegen einen Affekt spreche auch ein Tatgeschehen in mehreren Akten. Da waren ein minutenlanges Würgen am Hals, der Transport des Opfers vom Badezimmer auf ihr Bett und auch ein Nachsetzen beim Strangulieren. Der Angeklagte wollte sichergehen, dass die 53-Jährige auch wirklich nicht mehr lebt. „Es fehlt zudem eine heftige emotionale Reaktion“, erklärte der Vorsitzende Richter. Hartmut T. habe mit einem direkten Tötungsvorsatz gehandelt. Heimtücke und niedere Beweggründe liegen vor. Die Frau hatte nicht mit so einem heftigen Übergriff gerechnet, da es in der Vergangenheit immer nur verbale Auseinandersetzungen gab. Der Handwerker habe die Situation ausgenutzt. Als wesentliches Motiv sieht die Kammer neben der Eifersucht eine Bestrafung der Frau, weil sie sich nun endgültig von ihm trennen wollte.

In den Tagen vor der Tötung hatte Hartmut T. ihren E-Mail-Verkehr ausspioniert. Das Passwort hatte er bei einem gemeinsamen Urlaub an der Mosel aufgeschnappt. In der Verhandlung gab er an, dass die Kennwörter kein Geheimnis waren. Diese Version glaubte ihm das Gericht nicht. Beim Durchstöbern des Posteingangs entdeckte der Angeklagte schließlich den Schriftwechsel zwischen seiner Lebensgefährtin und einem früheren Bekannten, zu dem sie sich hingezogen fühlte. Zuletzt sei davon die Rede gewesen, dass sich die 53-Jährige nun endgültig von Hartmut T. trennen wollte.

„Er oder ich?“

Als der Maschinenschlosser seine Lebensgefährtin am 15. September 2013 beim gemeinsamen Frühstück zur Rede stellen wollte, kam es schließlich zu dem Übergriff, der der Frau das Leben kostete. Immer wieder stellte er ihr die Frage: „Er oder ich?“ Auch nachdem er bereits den Entschluss gefasst hatte, die Frau zu töten, ließ er ihr nach Ansicht des Gerichts dann noch einmal eine kleine Chance. „Er oder ich“, fragte Hartmut T. sie ein letztes Mal. Als dann keine Reaktion von ihr kam, trat er von hinten an die Frau und drückte ihr den Hals mit seinen Händen mehrere Minuten lang fest zu. Niemand anderes außer ihm sollte sie haben.

Ein Sohn, dem das Opfer kurz zu zuvor die bedrohliche Lage am Telefon geschildert hatte, fand schließlich den leblosen Körper auf dem Bett. Die Verletzungen waren aber so schwer, dass die Angestellte wenige Stunden später in einem Hildesheimer Krankenhaus an den Folgen der schweren Gewalteinwirkung verstarb. Anschließend packte der Handwerker einen Koffer, setzte sich in seinen Wagen, hob in Sibbesse 650 Euro von seinem Konto ab und floh wegen der schönen Urlaubserinnerungen nach Norwegen. Den ursprünglich gefassten Beschluss, sich dort von einer Klippe zu stürzen, setzte der Schlossermeister aber dann doch nicht um. Am nächsten Tag meldete sich der 60-Jährige bei der Polizei in Bergen. Er gab dort an, Verantwortung für die Tat übernehmen zu wollen. Ende Oktober holten ihn Polizeibeamte schließlich zurück nach Deutschland.

„Wenn ich gehen muss, dann gehst du mit“, mit dieser Äußerung habe er bei einem früheren Streit schon mal gedroht. Daran konnte sich ein Sohn des Opfers noch genau erinnern. Die Richter glaubten aber nicht daran, dass sein Entschluss, dem Leben der Frau ein Ende zu bereiten, bereits in der Nacht zuvor feststand. Auf Mord steht eine lebenslange Freiheitsstrafe. Ein mildernder Grund kann hingegen ein Täter-Opfer-Ausgleich sein. Doch außer den im angehängten Adhäsionsverfahren vereinbarten Schadensersatz- und Schmerzengeldzahlungen fehlte dem Gericht eine ehrliche Entschuldigung gegenüber den beiden Söhnen, die in dem Verfahren als Nebenkläger auftraten. Das Gericht, das wesentliche Feststellungen auf das Geständnis des Handwerkers bezog, stellte in seinem Urteil keine schwere der Schuld fest. Hartmut T. kann nun darauf hoffen, nach 15 Jahren Haft wieder ein freier Mann zu sein. Zu seinen Gunsten sprächen seine Unbescholtenheit bis zu dem Tag oder auch sein umfangreiches Geständnis – und auch eine ansatzweise gezeigte Reue.

Der Angeklagte verzichtete noch im Gerichtssaal auf eine Revision. Damit wolle er den Söhnen ermöglichen, dass sie nun einen Schlussstrich unter die Sache ziehen können, ließ er über seinen Anwalt Henning Sonnenberg erklären. Dieser Entschluss unterstreiche das, was die Kammer an Reue wahrgenommen hat, kommentierte Staatsanwalt Wolfgang Scholz seinen Entschluss, das Urteil ohne wenn und aber zu akzeptieren. Ebenso verzichten die Staatsanwaltschaft sowie die Nebenkläger auf eine Revision. Damit ist das Urteil rechtskräftig. mi

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