Tradition soll neu aufleben / Treffpunkt für die Dorfgemeinschaft / Martin Hoebel-Mävers: „Wat mutt, dat mutt“

Adenstedt hat wieder einen Milchbock

Am Milchbock: Oswald Jakobi, Rolf Brunotte, Gretel Schünemann, Martin Hoebel-Mävers und Ernst Dörrie (v.l.). Foto: Meyfarth

ADENSTEDT Früher gehörten sie zum Dorfbild dazu, wie die Kühe auf der Weide: Milchböcke. Bauern stellten hier ihre Milchkannen zur Abholung für den Milchwagen bereit. Allein aus Adenstedt wurden seinerzeit täglich zwischen 150 und 200 Milchkannen zur Molkerei nach Harbarnsen transportiert.

Fragt man heute Kinder und junge Erwachsene danach, wissen sie nichts mit dem Begriff anzufangen. Kein Wunder. Die knarrenden Milchwagen mit Pferde- oder Treckergespann haben seit Anfang der 1970er Jahre ausgedient. Moderne Kessellastwagen saugten fortan automatisch direkt auf den Höfen die Milch ab.

In Adenstedt soll jetzt eine Ära wiederbelebt werden. Zwar gibt es hier seit dem vergangenen Jahr keine Milchkühe mehr, doch mittlerweile wieder einen Milchbock. Denn die großen hölzernen Tische erfüllten viel mehr als nur den einen Zweck. Sie waren ein beliebter Treffpunkt für jung und alt. Was viele Jugendliche sich heute kaum vorstellen können: Früher brauchte man kein Smartphone, um mit Freunden kommunizieren zu können, man ging einfach raus und traf sich. Irgendwer war immer da. Daran kann sich auch Oswald Jakobi noch gut erinnern. „Wie oft haben wir uns hier nach Schulschluss oder Feierabend getroffen“, sagt der Vorsitzende des Adenstedter Fördervereins. „Jetzt kann sich auch die heutige Jugend ein Bild davon machen, wie es damals war. Ich hoffe, dass der Milchbock wieder so angenommen wird wie früher.“ Über die Aufwertung der Dorfmitte freute sich auch Bürgermeister Ulrich Schünemann: „Das ist ein schöner Platz für die Dorfgemeinschaft.“

Nachdem der ehemalige Adenstedter Professor Martin Hoebel-Mävers vor einigen Jahren in seinem Buch „Auf Passers Hufschlag horchend“ die bäuerliche Kultur mit Ackerpferden in Adenstedt aufgearbeitet hatte, war ihm bald klar, dass auch die Geschichte der Milchwirtschaft in Adenstedt nicht in Vergessenheit geraten darf. Das Verschwinden des ländlichen Alltags empfindet der Wissenschaftler, der seit Jahren in Hamburg lebt, als Zäsur. „Früher war der Rennstieg die Hauptverkehrsader, heute verläuft die ICE-Strecke durch das Gebiet“, sagt er. Gemeinsam mit Zeitzeugen wie Gretel Schünemann und Rolf Brunotte erarbeitete er einen achtseitigen Flyer, den er den Adenstedtern schenkte. Doch die Adenstedter sind nicht nur Theoretiker. „Diskutiert wurde genug, jetzt muss auch ein Milchbock her“, sagten sich Karl Schaper und seine Söhne und zimmerten einen, der am zentralen Ort „Drei Linden“ seinen Platz gefunden hat. Original Milchkannen stehen drauf. „Einige sollen auch langfristig stehen bleiben“, sagt Oswald Jakobi. „Aber die müssen dann erst befestigt werden, sonst enden sie womöglich als Schirmständer.“

Der Gesangverein begleitete die offizielle Einweihung mit dem „Adenstedt-Lied“. Auch Martin Hoebel-Mävers ließ es sich nicht nehmen, gemeinsam mit seiner Ehefrau an der kleinen Feier teilzunehmen und reiste extra aus Hamburg an. Der 86-Jährige erinnerte sich daran, wie er als Junge immer in die Milchkannen geschaut hatte, um nachzusehen, ob der Fahrer schon da war. „Dann lagen immer Käse und Butter im Deckel“, erinnert er sich. Sichtlich erfreut über das Engagement und die große Anteilnahme der Adenstedter fügte er am Ende ganz hanseatisch „Wat mutt, dat mutt“ hinzu und alle stimmten ein. pbm

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