Mitarbeiter gehen auf die Straße / Gewerkschaft wehrt sich

Wilvorst plant Entlassungen

Wilvorst Herrenmoden Protest der Mitarbeiter Entlassungen
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Die Mitarbeiter wollen bleiben: Vor dem Firmengebäude machen die Wilvorst-Angestellten auf ihre Lage aufmerksam und fordern den Erhalt ihrer Arbeitsplätze.

Northeim – Die Firma Wilvorst Herrenmoden plant, die Produktion in Northeim vollständig einzustellen und 75 Prozent aller Arbeitsplätze zu streichen. Ihre Meinung darüber tat ein Großteil der Belegschaft am Mittwochvormittag, 14. Oktober, vor dem Firmengebäude kund. Gleich im Anschluss kamen der Betriebsrat und Vertreter der IG Metall Süd-Niedersachsen-Harz mit der Geschäftsführung zusammen, um ein Alternativkonzept vorzulegen und fast 3.000 Unterschriften, die in weniger als zwei Wochen gesammelt wurden, zu übergeben.

Rund 220 Mitarbeiter beschäftigt das Textilunternehmen am Standort Northeim, etwa 120 davon in der Produktion und im Produktions-Nahbereich. Große Teile der Produktion wurden bereits vor Jahren ins Ausland verlagert – nach Kroatien, Rumänien, Bulgarien und Slowenien. „Es ist relativ untypisch für die Bekleidungsbranche, dass es noch eine Produktion in Deutschland gibt“, gesteht Bianka Berlin als zuständige Gewerkschaftssekretärin ein. Doch: „Wilvorst stand hier vor Ort in den letzten Jahren immer super da.“ Ebenso wie andere Unternehmen sei auch Wilvorst vor einigen Monaten von der Corona-Pandemie überfallen worden. Der Umsatz sei um etwa 35 Prozent zurückgegangen. Das sei für die Geschäftsführung der Anlass, Mitarbeiter zu entlassen – und zwar viele. „Das bedeutet, dass sie 75 Prozent der Mannschaft nicht mehr an Bord halten wollen“, so Berlin, die betont: „Natürlich wollen wir das in keinster Art und Weise hinnehmen.“

Exzellenzzentrum Northeim

Zusammen mit Dr. Andreas Veres als externen Projektberater ist ein Alternativkonzept entwickelt worden, das in erster Linie die Schaffung eines so genannten Exzellenzzentrums Northeim beinhaltet: Spezial- und Maßanfertigungen, Muster- und Anlauffertigung. Northeim könnte als Backup-Standort für die ausländische Produktion erhalten werden. Der Standort Kroatien stehe derzeit ebenfalls coronabedingt still.

„Die Maßnahmen der Geschäftsführung belaufen sich darauf, dass die Produktion vor Ort zu teuer ist. Deshalb soll sie eingestellt werden. Darunter wird aber die Qualität leiden. Sie ist im Ausland nicht in dem Maße zu gewährleisten wie hier vor Ort“, so Berlin. „Das sind Risiken, die aus unserer Sicht nicht zu Ende gedacht wurden. Seit zehn Jahren gibt es eine Mischkalkulation, die Wilvorst zu guten Ergebnissen gebracht hat“, ergänzt Veres.

Seit März befinden sich die Northeimer Mitarbeiter der Produktion, überwiegend Frauen, in Kurzarbeit; seit Mitte Juli ist die Produktion eingestellt. Im Falle einer Entlassung stünden Existenzen auf dem Spiel, sagt Veres: „Das sind alles hochspezialisierte Damen in einer Branche, die es so in Deutschland nicht mehr gibt.“

Die Geschäftsführung werde das Alternativkonzept nun prüfen, kommenden Dienstag gebe es einen erneuten Gesprächstermin. Zudem ist für den 15. Oktober eine Betriebsversammlung in der Stadthalle Northeim einberufen worden. Betriebsratsvorsitzende Regina Ries sagt: „Dass wir nicht alle Arbeitsplätze retten können, ist uns klar. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt.“

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