„Am Strand von Bochum ist allerhand los“

Literatur auf der Postkarte

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Christine Becker (Mitte) ist eigens aus London nach Northeim gekommen. Mit Nina Kunzendorf und Benjamin Sadler begeistert sie das Northeimer Publikum.

Northeim – Der Göttinger Literaturherbst gastierte am Mittwoch mit einer Veranstaltung in der Northeimer Stadthalle. Unter dem Titel „Am Strand von Bochum ist allerhand los“ lasen die beiden Schauspieler Nina Kunzendorf und Benjamin Sadler aus dem Werk des 1997 verstorbenen Autors Jurek Becker.

Charmant moderiert wurde der Abend von dessen Witwe Christine Becker. Jurek Becker ist den meisten sicherlich bekannt als Autor des Romans „Jakob der Lügner“ und als Drehbuchschreiber für die Erfolgsserie „Liebling Kreuzberg“, und so war es nahezu selbsterklärend, dass auch Szenen aus diesen beiden Arbeiten in der vollen Stadthalle vorgetragen wurden. Doch im Mittelpunkt des Abends stand Beckers Leidenschaft für Postkarten. „Er war ein großer Postkartenschreiber, in den 80er und 90er Jahren verfasste er fast täglich eine“, berichtete seine Witwe, die während der Moderation viele private Einblicke in das Leben mit Becker erlaubte. Authentisch und zum Teil emotional ergriffen, aber auch mit einer entsprechenden Prise Humor führte sie durch den Abend. „Es ist Bestandteil der jüdischen Kultur, dass man auch dem Tragischen mit Humor begegnet“, erklärte sie. Dieser besondere Humor sollte auch den Abend bestimmen, der leicht und unterhaltsam, aber dennoch mit traurigen Momenten gefüllt war. Ein Spannungsbogen, der dank Kunzendorf und Sadler, die die ausgewählten Texte mit viel Feingefühl und Leidenschaft vortrugen, gehalten wurde. Die Zuhörer lernten Jurek Becker als ganz besonderen Postkartenschreiber kennen, denn im Laufe der Jahre hatte er die Postkarte zu einer Literaturform entwickelt. „Eine Postkarte war keine Selbstauskunft, sondern sie sollte den Empfänger amüsieren, und er erwartete hinterher auch absolute Euphorie“, erläuterte Christine Becker, dass er nur dann den Menschen in der Folge noch weiterhin Karten zusandte. Wichtig sei ihrem verstorbenen Mann auch die Auswahl der Motive auf der Postkarte gewesen. Er konnte im Urlaub Stunden an einem Postkartenständer verbringen, wollte immer besondere und originelle finden. Später habe er sogar viele Karten mit nach Hause genommen und erst von dort verschickt. In seinen Texten griff er oft das Fotomotiv der Karte auf und verfasste Zeilen mit feinsinnigem Humor. Viele dieser Postkarten waren auch an seine Frau gerichtet, für die er sich immer wieder neue, originelle Anreden ausdachte: „Du alte Biokarotte“ oder „Du alter Doppelwhopper“ sind Beispiele dafür. Wie die Anreden, sind auch die Texte absurd, da sei nichts Wahres dran, sie sollten nur unterhalten, betonte Christine Becker. Zudem erklärte sie, dass insbesondere in den 90er-Jahren das Postkartenschreiben zum Schreiballtag ihres Mannes gehörte. Er habe sie sich als Konzept in seine Hefte geschrieben, in denen er auch seine Romane niederschrieb. Dort hatte sie bei der Verwaltung des Nachlasses auch eine Liste mit Anreden gefunden, die er mal für Postkarten an sie verfasst und nach und nach verwendet hatte. „Es hat ihm wahnsinnig Spaß gemacht, selbst im Angesicht des Todes hat er noch Karten mit viel Humor geschrieben“, berichtete sie. Das Northeimer Publikum erfreute sich sehr an den witzigen, skurrilen und sprachlich ausgefeilten Texten. Ernster wurde es, als eine Erzählung aus Sicht eines Fünfjährigen aus dem Ghetto vorgetragen wurde. Hier spielten auch autobiographische Elemente mit rein. Es sei wohl ein Versuch, sich an die Erinnerung anzunähern, denn Jurek selbst hätte immer gesagt, dass er sich nicht mehr an seine ersten Kindheitsjahre erinnern könnte. Seine Frau gab an dem Abend immer wieder Einblicke sein Leben, berichtete von der Freundschaft mit Manfred Krug, von Jureks Leben in der DDR, vom Wechsel in die Bundesrepublik sowie von seinem politischen Engagement. Der Abend in der Stadthalle verging wie im Flug. Die Zuschauer dankten Becker, Kunzendorf und Sadler mit langanhaltendem Applaus für den interessanten und unterhaltsamen Vortrag. (rgy)

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