Dr. Margot Käßmann liest in der St. Sixti Kirche Northeim

Spitze Feder – Klares Wort

+
Menschlich und nah: Nach der Lesung in der St. Sixti Kirche signiert Dr. Margot Käßmann Bücher für ihre Zuhörer.

Northeim – Bereits nach drei Wochen restlos ausverkauft: 550 Besucher sind auf Ein­ladung der Buchhandlung Grimpe und der Kirchen­gemeinde zur Lesung von Dr. Margot Käßmann in die St. Sixti Kirche gekommen.

„Spitze Feder und klares Wort, streitbar und zugleich lebensnah“, beschreibt Superintendent Jan von Lingen die ehemalige Landesbischöfin, Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentags und Botschafterin für das Jubiläumsjahr „500 Jahre Reformation“. Auch Tobias Janus von der Buchhandlung Grimpe freut sich über den bekannten Besuch. Die Hälfte der Eintrittseinnahmen werden an die Innenraumsanierung der St. Sixti Kirche gespendet. „2.500 Euro sind so zusammengekommen“, erklärt Janus. In ihrem neuen Buch „Schöne Aussichten auf die besten Jahre“ schreibt Käßmann sehr persönlich über das älter werden und den Start in die so genannten besten Jahre. Aber sind sie das wirklich? „60 ist nicht das neue 40. 60 ist 60“, stellt sie schnell klar. Auch wenn in dieser Zeit nicht mehr alles so einfach ginge, wie noch in den Jahren zuvor, sei sie gespannt auf diesen neuen Lebensabschnitt und freue sich darauf, ihn mit Gelassenheit und Spaß zu leben. Denn die ältere Generation werde weiterhin gebraucht. Während sich die Menschen mit 30 mit eigenen Kindern, dem Beruf und den damit eingehenden Verpflichtungen nur schwer gesellschaftlich einbringen könnten, sei für ältere der Weg zum Engagement frei. Egal, ob als Lesepaten, Betreuer für die Enkel oder als Verleger einer Obdachlosenzeitung – die Möglichkeiten seien fast un­begrenzt. „Wir können nicht alle immer mit der Aida fahren und Champagner trinken“, verdeutlicht sie ihren Standpunkt. Der Weg in diesen Lebensabschnitt sei jedoch nicht immer leicht. Fragen wie, „habe ich den falschen Beruf gewählt?“ oder „habe ich richtig geheiratet?“ können, auch später noch, zu einer Belastung werden.. Diese Dinge gehörten jedoch alle zum Leben dazu. „Keine Entscheidungen zu treffen, ist auch keine Lösung“, erläutert Käßmann und zitiert den dänischen Philosophen Søren Kierkegaard „Das Leben muss rückwärts verstanden werden, aber vorwärts gelebt“. Nicht alle Dinge, die einem passieren, könne man beeinflussen. Schwere Krankheiten, ein Partner, der eine neue Liebe findet oder Unfruchtbarkeit können zu der Frage führen „Warum ich?“. Wer aber am Ende sagen könne „Ich kann damit leben“ müsse keine verhärmte Gestalt werden. Viele brauchten nach dem Beruf auch eine neue Erfüllung. Frauen falle dies oft leichter. Statistisch gesehen haben sie mehr Sozial­kontakte als Männer und können so die Lücke oft besser füllen. Männer hingegen suchten sich häufiger neue Herausforderungen, wollten die Welt umsegeln oder einen Marathon laufen. Auch Käßmann tue mittlerweile Dinge, die sie vor Jahren noch für unmöglich gehalten hätte. Eine davon ist: Todesanzeigen lesen. „Und ich bemerke, die Einschläge kommen näher“, stellt sie fest. Auch der Tod sei natürlich ein Thema, das Menschen im höheren Alter beschäftigt, jedoch spreche kaum jemand darüber. „Wie sollen wir Kindern erklären, was alt werden und sterben bedeutet, wenn niemand alt aussehen will?“, fragt Käßmann. Sogar langjährige Partner wüssten oft nicht, was der andere in einem solchen Fall gewollt hätte. Maschinen abstellen oder anlassen? Erd- oder Feuerbestattung? „Reden Sie darüber! Nicht jeden Tag beim Frühstück, aber tun Sie es“, plädiert Käßmann dafür, den Tod zu enttabuisieren. Nach der Lesung hatten alle Zuhörer die Gelegenheit, ihre Bücher von Käßmann signieren zu lassen. Wer die Autorin live erleben möchte, hat beim ZDF-Fernsehgottesdienst am vierten Advent, 22. Dezember, um 9.30 Uhr in der Klosterkirche Fredelsloh wieder Gelegenheit dazu. (sth)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare