KSN-Stipendiatin Rui Zhang lädt zum Tag des offenen Ateliers ein

Zwischen den Welten

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Sie liebt ausdruckstarke, großformatige Arbeiten: Rui Zhang aus China.

Northeim - Die neue KSN-Stipendiatin, die nun das Atelier am Zwinger bewohnt, kommt gebürtig aus China. Rui Zhang arbeitet hier noch bis Sommer. Malerei, Siebdruck und Computeranimation gehören zu ihren künstlerischen Ausdrucksmitteln.

Wer das Atelier betritt und chinesische Malerei mit sanften Pinselstrichen und zarten Farben erwartet, wird von dem künstlerischen Werk der 30-Jährigen mehr als überrascht sein. Zhangs Arbeiten sind ausdrucksstark, farbintensiv und wirken fast wie ein in Farbe gefasster Videoclip. Sie bricht dabei mit gewohnten Perspektiven, fügt Bildelemente zersplittert, aufgefächert, fast aggressiv zusammen. Dabei arbeitet sie mit Pinsel und Sprühdose, mit Computer und Schablone, mit Öl und Acryl. Verbunden werden die expressiven Facetten in der Regel mit einer aufgesprühten Linie, die das sich anbahnende Chaos wieder zusammenfügt und verhindert, dass das Bild in seine Einzelteile zerfällt. Ausgangspunkt der Bilder sind immer Farbflächen, die Zhang aufbringt, dann werden nach und nach die Elemente, die durchaus auch surreale Motive oder Schriftzeichen aus ihrer chinesischen Heimat enthalten, aufgebracht. „Ich arbeite nicht mit Skizzen, sondern fotografiere die Arbeit immer wieder ab und bearbeite sie am Computer, entwickele sie hier weiter, bevor ich dann, die für mich gute Lösung, wieder auf die Leinwand bringe“, beschreibt sie den Entstehungsprozess. Die starke Affinität zur Computerwelt drückt sich auch in den Motiven aus, Cyborgs und antike Szenerien gehen eine Allianz auf den Werken von Zhang ein. Die Komposition erinnert in der Summe an ein Bild im Kaleidoskop, das jedoch nicht schöne bunte Ornamente zeigt, sondern vielmehr droht auseinanderzubrechen. „Ich zeige nur das Paradoxe in einer chaotischen Zeit. Die Zeit besteht aus Freiheit, Macht, Ernsthaftigkeit und Witz, Vergangenheit und Moderne, West und Ost. Die Zeit füttert mich“, erklärt sie. Und all diese Spannungen und Brüche kann sie nur auf sehr großen Leinwänden zum Ausdruck bringen. Etwa 2 x 2,30 Meter misst eine mittlere Leinwand, gern arbeite sie auch auf noch größeren. „Aber dabei gibt es oft Probleme, sie in Ausstellungsräume zu bekommen“, schildert sie, auch im Northeimer Atelier sei es nicht ganz einfach gewesen. Aber ihre Kunst auf kleinere Leinwände zu komprimieren, kann sie sich kaum vorstellen. Die 30-Jährige Zhang gehört zur so genannten „lost generation“ in China. Als verlorene Generation werden die Jahrgänge bezeichnet, die zwischen dem Ende der Mao-Zedong-Ära und der Zeit der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Neuorientierung des Landes aufwuchsen. Und genau diese Entwicklung spiegelt sich auch in ihren Werken. „Als Kind lehrte mich mein Vater noch Kalligrafie. Während meines Heranwachsens las ich aber auch viele Bücher sowie Gedichte und sah Filme aus dem Westen“, schildert sie die unterschiedlichen Einflüsse. Besonders beeindruckt war Zhang, als sie von einer Lehrerin mit zehn Jahren ein Buch über Van Gogh bekommen hat, das im Westen gedruckt war. „Diese Farben haben mich einfach begeistert“, beschreibt sie das Gefühl, das sie nachhaltig geprägt hat. Sie habe ein anderes Lebensgefühl als ihr Vater und seine Generation entwickelt. Heute sieht sie die jungen chinesischen Menschen mit ihren Interessen auf gleicher Ebene wie die aus dem Westen. Von 2006 bis 2010 studierte Zhang in Peking und erlangte den Bachelor of Arts. 2012 entschied sie sich, in Braunschweig bei Professor Wolfgang Ellenrieder und Professorin Aurelia Mihai an der HBK Braunschweig zu studieren. Weshalb sie sich für Deutschland und nicht für England entschied, begründet sie wie folgt. „Ich liebe Listen, die machen das Leben leichter. Als ich vor der Entscheidung stand, hab ich eine Liste mit Musikern, Regisseuren, Literaten und Künstlern gemacht, die mir viel bedeuten und am Ende lag Deutschland dabei eindeutig vorn.“ Von 2017 bis 2018 war Zhang dann Meisterschülerin von Ellenrieder, bevor sie als Stipendiatin nach Northeim zog. Die KSN unterstützt im Rahmen eines einjährigen Stipendiums seit 1996 junge Künstler in ihrem Schaffen. Sie können jeweils für ein Jahr in das Atelier am Zwinger einziehen und dort arbeiten. Rui Zhang lädt für Sonnabend, 19. Januar, von 11 bis 16 Uhr zum Tag des offenen Ateliers, Zwinger 9, in Northeim ein. „Chit-Chat with a Stranger in Cosmos“ lautet die Aufforderung in der Einladung. (rgy)

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