„Früher war alles besser“

Sebastianschmaus mit herausforderndem Motto

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Auch in diesem Jahr wieder sehr beliebt: Die Gäste des Sebastianschmauses erfreuen sich an den Reden, dem Essen und der Zusammenkunft.

Northeim – „Früher war alles besser! ­– War früher alles besser?“ Mit diesem anspruchsvollen Doppelmotto, bei dem die anfängliche Feststellung gleich wieder in Frage gestellt wird, gab die Bürgerschützengesellschaft den Rednern beim traditionellen Sebastianschmaus eine echt harte Nuss zu knacken.

Allerdings meisterten alle Festredner die dialektische Herausforderung mit Bravour. Melodisch umrahmten die Musikfreunde Edesheim-Hohnstedt-Northeim unter Leitung von Heinrich Wagemann die Veranstaltung. Zur Würdigung der langjährigen musikalischer Wegbegleitung der BSG wurde Wagemann mit der silbernen Ehrennadel aus­gezeichnet. BSG-Präsident Hans-Bernhard Heynold konnte circa 320 Schützenbrüder und Gäste begrüßen, darunter viele Vertreter der Northeimer Wirtschaft und des öffentlichen Lebens. Heynold bedankte sich bei allen, die die BSG im vergangenen Jahr finanziell oder tatkräftig unterstützt oder in gleicher Weise den Sebastianschmaus vorbereitet haben. Traditionell ergriff dann der Northeimer Bürgermeister das Wort. Geschickt meisterte Simon Hartmann, selbst Schützenbruder, in seiner Jungfernrede als Bürgermeister die rhetorische Herausforderung. Humorvoll griff Hartmann das Motto auf, indem er es einfach wörtlich auf das fast vollendete erste Jahr seiner Amtszeit bezog. Hartmanns nachdenkliches Fazit: Am Ende sei es subjektiv, wie man die Vergangenheit empfinde, die Zeit lasse sich aber nicht zurückdrehen. Wichtig sei, dass man nicht Nörglern und Besserwissern das Feld überlasse oder wie Albert Einstein es formulierte: „Halte dich von negativen Menschen fern, sie haben für jede Lösung ein Problem.“ Hartmann wörtlich: „Die Zukunft wird besser, wenn wir das, was war nicht vergessen und aus den Erkenntnissen der Vergangenheit lernen.“ Anschließend lud der BSG-Präsident zum Schmaus, den das Küchenteam in Windeseile servierte. Traditionell wurden Bregenwurst und Kassler mit Grünkohl und Kartoffeln gereicht. Im Verlauf des Abends konnte der BSG-Vorstand die Gäste immer wieder mit Meldungen über weitere Spendenzusagen für Getränke erfreuen. Nach der leiblichen Stärkung ergriff Else Heidelberg, zweite stellvertretende Bürgermeisterin, in ihrer Funktion als „Frau Stadthauptmann“ das Wort. Heidelberg schilderte die Rahmenbedingungen ihrer Kindheit in den 1950er- und 1960 Jahren. Aus heutiger Sicht werden diese Verhältnisse möglicherweise als unzumutbar angesehen, seinerzeit haben sie einer glücklichen Kindheit aber keinen Abbruch getan. Heute verlieren Kinder durch die Digitalisierung einen Teil ihrer natürlichen Fertigkeiten und Begabungen. Die nostalgische Rückbesinnung sei aber keine Lösung, Bewahren und Verändern heißt die neue Herausforderung. BSG Präsident Heynold bat dann Heidelberg, noch einen Augenblick zur Ehrung der „Getreuen Schützenschwester“ auf der Bühne zu verbleiben. Dass es sich dabei um Heidelberg selbst handelte, wurde erst im Verlauf von Heynolds Laudatio deutlich. Dieses Mal wurde abweichend von den Regularien kein langjähriges Vereinsmitglied geehrt, sondern mit Heidelberg jemand, der sich langjährig um das Northeimer Schützenwesen verdient gemacht hat. In einer weiteren Jungfernrede schlug dann Stadtarchivar und Museumsleiter Dr. Stefan Teuber einen weiten Bogen von der Früh­geschichte der Menschheit über Mittelalter und Neuzeit zu den aktuellen Problemen des Hier und Jetzt. Aber auch Dr. Teuber fand keine abschließende Antwort auf die Frage im zweiten Teil des Mottos. Vielleicht verdeutlicht ein Ausspruch zum Ende seiner Ausführungen die Vielschichtigkeit des Themas: „Der langweilige, vielleicht auch beschwerliche Alltag von heute ist morgen die gute alte Zeit.“ Anschließend wurden verdiente Mitstreiter der Bürgerschützengesellschaft geehrt. Zunächst proklamierte Schützenleutnant Dietmar Denecke Walter Bühnemann als „Getreuen Schützenbruder“ ein langjähriges Vereinsmitglied, das nicht im Vorstand tätig ist und sich um das Northeimer Schützenwesen verdient gemacht hat. Höhepunkt der Ehrungen war die Ernennung des „Altermanns“, in diesem Jahr Jürgen Diezemann. Lebensalter, Dauer der Zu­gehörigkeit zu einem Verein und die regelmäßige Teilnahme an den Schießwettbewerben beim Schützenfest sind die Auswahlkriterien. Weiterhein wurde auf Beschluss des BSG-Vorstandes dem Vorsitzenden des Kreissportbundes Northeim-Einbeck, Heinz-Jürgen Ehrlich in Abwesenheit die goldene Verdienstnadel der BSG verliehen. Ohne Ehrlichs Engagement wären die umfangreichen Sanierungsmaßnahmen am Schießstand im vergangenem Jahr nicht möglich ge­wesen. Im letzten Redebeitrag griff Heynold das Motto des Abends mit autobiographischen Erlebnissen und Begebenheiten noch einmal temperamentvoll auf. Anhand einiger Reizwörter und Wendungen, oft bezeichnet als so genannte Totschlagargumente, zeigte er, dass ein Verharren in einer verklärten Vergangenheit nichts bewirkt. Seine persönliche Schlussfolgerung ist einfach: „Die Vergangenheit ist weder ganz gut noch ganz schlecht, nur heute muss es gut sein!“ Der offizielle Teil des Sebastianschmauses mit vielen Passagen, die zum Nach­denken anregten, endete dann mit dem gemeinsamen Anstimmen des Niedersachsenliedes. (rh)

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