Auf Spurensuche in der St. Sixti Kirche

"Der Pastor beißt nicht"

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Das Taufbecken ist für einige der Teilnehmer an der Führung in der St. Sixti Kirche nichts Neues: sie wurden hier getauft.

Northeim – Regelmäßig lädt Anna Holland zum Besuch des Familientreffs im Haus der Begegnung in Northeim ein. Im Anschluss daran stand kürzlich eine Führung durch die St. Sixti Kirche auf dem Programm.

„Dann wollen wir doch mal schauen, was noch vom Konfirmandenunterricht übrig geblieben ist“, begrüßt Sixti Pastor Dr. Stefan Leonhardt die Teilnehmer an der Kirchenführung. Entstanden ist die St. Sixti Kirche im 15. Jahrhundert, als sich die Bewohner der Stadt vom Northeimer Kloster, das heute nur noch im Namen des Münster zu finden ist, abgrenzen wollten. „Wir bauen eine neue Kirche, schöner und größer als das Kloster“, gibt Leonhardt die Meinung der damaligen Bewohner wieder. Dass die Mönche mit einem großen, prachtvollen Bau nachziehen wollten, wurde ihnen letztendlich zum Verhängnis. Mit der Reformation fielen die Gelder für solche Bauten in der dann evangelischen Region weg. Das neue Kloster wurde nicht vollendet und letztendlich als Steinbruch für andere Häuser benutzt. „In aller Regel sind Kirchen, wie auch die St. Sixti, nach Osten ausgerichtet“, erläutert Leonhardt den Grundaufbau. Ähnlich wie auch Moscheen immer nach Mekka weisen, wenden sich, mit einigen berühmten Ausnahmen wie dem römischen Petersdom, Kirchen in aller Regel der aufgehenden Sonne zu. Diese symbolisiere als aufgehendes Licht die Auferstehung Christi, der sich die Menschen bei einem Gottesdienst sprichwörtlich und praktisch zuwenden. Die im dunkeln liegende Westseite repräsentiert dementsprechend mit Nacht und Finsternis das Böse, das mit an den Wänden angebrachten Fratzen ab­geschreckt werden soll. Kirchengeschichtlich relativ neu ist etwas, was die meisten Kirchenbesucher als Selbstverständlichkeit betrachten. Erst Martin Luther sah das gesprochene Wort und, dass die Predigt gehört werden kann, als so herausragend wichtig, dass Sitzplätze und somit ein entspanntes Zuhören, zur Regel wurden. In St. Sixti können sich Besucher dazu noch über den besonderen Service einer Sitzheizung freuen. Die reguläre Heizung, die in den kommenden Jahren ersetzt werden soll (HALLO berichtete), ist auch für die dunkelgrauen Wände verantwortlich. Die warme Luft in diesem Bereich sorgt für Luftverwirbelungen, womit sich unschöne dunkle Flecken an den Wänden bilden. Erst wenn dieses Problem behoben ist, könne man sich den unter der grauen Farbe versteckten Wandmalereien zuwenden, die an einigen Stellen bereits freigelegt und so für die Öffentlichkeit sichtbar gemacht wurden. Eine weitere Station bei der Führung ist das große Tauf­becken, das einige der Teilnehmer bereits kennen, denn sie wurden hier getauft. „Ursprünglich wurde in fließenden Gewässern getauft. Im Mittelalter gab es aber nicht überall Flüsse, die dafür geeignet waren, weshalb Taufbecken populärer wurden“, erläutert Leonhardt. Symbolisch stehe das Untertauchen im Wasser, wie es unter anderem in orthodoxen Kirchen noch praktiziert wird, für die Wiedergeburt des Menschen als Gemeindemitglied. Aus einem großen, goldenen Kelch gibt Leonhardt ungeweihte Oblaten aus. Geschmacklich sind sie keine Offenbarung, denn sie bestehen nur aus Mehl und Wasser. Dies geht auf die jüdische Tradition, genauer auf die Vertreibung der Israeliten aus Ägypten zurück. Da sie schnell aufbrechen mussten, bliebt ihnen keine Zeit Brot auf Sauerteigbasis als Proviant zu backen. Das Ergebnis davon war der heutigen Oblate sehr ähnlich. Nicht auf alle Fragen hat Leonhardt eine endgültige Antwort parat. Denn die Hintergründe der so genannten Büßerkammer, deren Penta­gramfenster im Chorbereich zu sehen ist, sind zum Beispiel umstritten. Dem Namen nach sei sie für Menschen vogesehen, die gesündigt hatten und deshalb nur von dort aus am Gottesdienst teilnehmen durften. Dafür sei sie aber eigentlich zu hübsch, möglicherweise war sie deshalb auch ein Aufbewahrungsort für wertvollte, zeremonielle Gegenstände, wie Leonhardt erklärt. Zum Glück müsse ein Pastor auch nicht auf jede Frage sofort die perfekte Antwort haben, gibt er zu bedenken. Denn wie auch beim Gottesdienst werden Fragen aufgeworfen, die aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden können. „Trauen Sie sich zu fragen. Der Pastor beißt nicht. Und der liebe Gott auch nicht“, lädt Leonhardt Interessierte in die Kirche ein. (sth)

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