Von Null auf 100 in wenigen Sekunden: Eine Nacht in der Northeimer Notaufnahme

„Das tut jetzt kurz weh“

+
Nachts ist im Northeimer Krankenhaus ziemlich still und leer. Nur in der Notaufnahme sieht es ein bisschen anders aus.

NORTHEIM (cv) – Die Luft ist schwer und trocken. Es geht ein leichter Föhn, in der Zentralen Notaufnahme (ZNA) in der Helios Albert-Schweitzer-Klinik in Northeim wird Wasser in Flaschen gereicht. Die Sonne scheint schon lange nicht mehr: Es ist Nacht. Dann passieren hier die verrücktesten Dinge, sagt Matthias Peters. Er leitet heute die Schicht in der ZNA. Wer hier her kommt, der hat es ganz eilig ­– oder ganz schlimm erwischt.

Die meisten schaffen den Gang in die Notaufnahme noch auf eigenen Füßen. Ihre Sorgen, Nöten und Schmerzen sind trotzdem nicht herbei- gedacht. Viele müssen sich im neuen Krankenhaus am Sultmer noch an die neuen Wege gewöhnen. Intern sind die Wege jetzt kürzer: Aufnahme, Röntgen, OP-Fahrstuhl; alles ist miteinander verbunden, die Türen lassen sich per Knopfdruck schnell öffnen. Zwei Herzkatheter-Geräte in einem, das CRT in einem anderen „und irgendwo da ist auch das MRT“, sagt Peters. Er ist in dieser Nacht Schichtleiter in der Notaufnahme. Seit mehr als zehn Jahren macht er das schon. Etwas anderes könnte er sich vorstellen, wolle er aber nicht. „Notaufnahme, das ist etwas Besonderes“, sagt er mehrmals in dieser Nacht. Weil jeden Moment etwas passieren kann. Weil kein Patient wie der andere ist. Weil das Team funktioniert. „Sonst geht es nicht“, sagt er mit ernster Stimme. Sie tragen Namensschilder, weil es trotz aller Notwendigkeit, Schnelligkeit und Hektik oft sehr persönlich zugeht zwischen Helfer und Hilfesuchendem. Der Adrenalinkick bleibt in dieser Nacht aus. Hin und wieder kommt es zwar vor, dass jemand schwerverletzt mit dem Krankenwagen angeliefert wird, aber nicht heute. Alltagsgeschäft, auch bei Nacht.

In Bereitschaft

Mitternacht ist gerade vorbei, irgend-jemand kommt und geht immer, meldet sich am Empfang an, sagt, was er hat. Da ist das junge Pärchen mit dem Säugling: Fieber. Die junge Sportlerin mit dem Herzrasen: was Ernstes? Der Weg ist immer derselbe: Anmelden, „Versichertenkarte dabei?“, warten, dann guckt der Arzt. Zwei bis drei sind immer in der Notaufnahme. Im Falle eines Falles können weitere Spezialisten aus dem Haus gerufen werden. Kommt es hart auf hart, werden sie sogar geweckt. Ein Mann ist gestürzt. Im Dunkel der Nacht hat er die offene Kellerluke nicht gesehen, zwei Meter ging es in die Tiefe. Jetzt fährt er im Krankenwagen in die Notaufnahme. Ein bisschen kann er gehen, „vielleicht ist das aber auch der Schock“, sagt Peters. In solchen Fällen sei Vorsicht geboten. Oft sei es schon vorgekommen, dass die Patienten augenscheinlich nichts hatten. Der Schock oder der Stress haben dann die Schmerzen unterdrückt. Sie wurden entlassen und waren wenige Minuten später wieder da: bewusstlos. Deshalb gibt es in der Notaufnahme eine feste Routine bei Patienten, die als klarer Notfall eingeliefert werden. Wichtig ist dabei die Übergabe des Notarztes an den Arzt im Krankenhaus. Informationen zum Zustand, zum Fall und zur Person ­– dann, beschreibt Peters, ist es absolut still im Raum. Gleichzeitig wird oberflächlich nach Verletzungen geschaut. Dass die Wege zu den Untersuchungsgeräten im neuen Haus besonders kurz sind, kommt auch dieser Routine zugute. Das Röntgengerät ist nur eine Tür vom Untersuchungsraum entfernt, gleiches gilt für den Fahrstuhl in den OP. Insbesondere bei inneren Verletzungen ist jede Sekunde entscheidend.

Das Alter

Dieser extreme Sprung von der gebrochenen Hand zur gerissenen Leber, vom Hexenschuss zum Schädelbasisbruch ist es auch, der die Arbeit für die Pfleger besonders macht. „Wenn du von Null auf 100 in wenigen Sekunden springst, dann bist du in deinem Element. Das gibt es nur hier, und das will ich nicht missen“, sagt Peters. Er weiß aber auch: „Ich werde älter. Keine Ahnung, wie lange das noch geht.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare