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Das Geschehene & das Gesehene

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Am sandsteinernen Gedenkmal zum Bahnunfall vom 15. November 1992 wird durch die Dämmerung an Opfer gedacht und Rettern gedankt.
Am sandsteinernen Gedenkmal zum Bahnunfall vom 15. November 1992 wird durch die Dämmerung an Opfer gedacht und Rettern gedankt. © Martin Friese

Northeim – Alle wissen noch genau, wie der Alarm losgeht. Stichwort „Zugunglück“ steht auf den Funkempfängern der Rettungskräfte, als vor 30 Jahren der Nachtexpress-Intercity von München nach Kopenhagen am Nordkopf des Northeimer Bahnhofs gegen einen gerade entgleisten Regionalgüterzug prallt und der schwerste Zusammenstoß zweier Züge in Niedersachsen passiert.

Jetzt haben Landrätin Astrid Klinkert-Kittel und Bürgermeister Simon Hartmann zum Gedenken an die Opfer der Bahntragödie ein Kranzgesteck am Gedenkstein auf dem Bahnhofsplatz abgelegt. Zuvor zeichnet Bürgermeister Simon Hartmann das Geschehen nach aus der kalten Nacht auf Sonntag, jenen verhängnisvollen 15. November 1992. Bei der Kollision des mit 330 Passagieren besetzten Schnellzugs mit dem entgleisten Güterzug sterben elf Menschen, darunter der D-Zugführer und ein Schlafwagenschaffner. 50 Personen werden teils lebensgefährlich verletzt aus den Wrackwaggons gerettet, Eingeschlossene befreit. An die 350 Feuerwehrleute, 100 Ärzte und Sanitäter von DRK und Johannitern, 30 Polizisten und 50 Kräfte der Technischen Hilfswerke Südniedersachsens geben alles. „Viele Helfer kriegen die Bilder nie mehr aus dem Kopf“, weiß Hartmann. Die größte und schwerste Katastrophe in der Stadt habe sich in das kollektive Gedächtnis von Northeim eingebrannt.
 Ehrenkreisbrandmeister Bernd Kühle, vor 30 Jahren als Zugführer der Northeimer Feuerwehr aktiv, spricht über die Retterseite, während Regionalexpress und Güterzüge durchdonnern. Das veranschauliche, mit welch großer Energie der Zusammenprall 1992 erfolgt und „was wir hier in dieser Nacht vorgefunden haben. Danach war nichts mehr so in unserem Leben wie vorher“. Die ersten Rettungskräfte konzentrieren sich auf die eingeschlossenen Menschen. „Das Schulenglisch war sofort wieder da“, als viele verletzte Passagiere in Englisch nach Hilfe rufen, vor Schmerzen schreien und vor blankem Entsetzen. „Wir waren Ersthelfer in einer Situation, die wir eigentlich gar nicht kannten.“
Mit den Notärzten Bodo Lankewitz und Gernot Maxisch wird im Gleisbett abgeklärt, wie mehr Ärzte und Notfallsanitäter zusammen gezogen werden. Eingeklemmte Passagiere greifen mit den Fingerspitzen durch Spalten im Wrackwaggon auf der Brückenböschung, schreien panisch, bevor die Retter durchkommen. Dem unverletzt eingeschlossenen Dänen Jörgen Andersson etwa wird eine Spitzhacke durchgereicht, damit er sich selbst befreien kann. Die Rettungskräfte „mussten erst einmal klarkommen. Wir haben dann einfach gearbeitet“, sagt Kühle. „Wir sind da durchgekrochen. Wir hatten Handlampen, die hielten bestenfalls für eine halbe Stunde.“
Das Zugunglück sei nicht folgenlos geblieben, alle alten Güterwagen mit geschweißten Stoßpuffern ausrangiert, betont Marcel Eggert als stellvertretender Betriebsratsvorsitzender bei der norddeutschen DB-Fernverkehrs-Be- triebsgruppe und Vertreter der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG).

 Nach zweijähriger Ursachenforschung habe sich bestätigt, dass die unselige Verkettung unglücklicher Umstände zu der Tragödie von vor 30 Jahren geführt hat. „Hier, Gott sei Dank, war keiner Schuld“, sagt Marcel Eggert bei der Gedenkfeier.    – cmf

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