Australierin Shannai Belton erkundet drei Monate lang Deutschland – und hat sich sofort verliebt

„Es wird viel mehr geflucht“

Perspektivwechsel: Für Shannai Belton (rechts) ist Deutschland mehr als nur ein Urlaubsziel, nur das Wetter ist ihr viel zu kalt. Ihre deutsche Gastfreundin Finja Pries startet im Sommer die Reise nach „Down Under“. Foto: Vogelbein

NORDSTEMMEN Weihnachtsmärkte in Australien? „Nein, das gibt es nicht“, sagt Shannai Belton. Die 17-Jährige lebt eigentlich im westaustralischen Perth. Dank eines Stipendiums ist sie seit drei Monaten in Deutschland. Wenn sie Deutsch spricht, muss sie immer lachen: Weil es so viel Spaß macht und weil es so schöne Wörter gibt. Im Englischunterricht zusammen mit Gast-Freundin Finja Pries versteht sie allerdings nur Bahnhof.

Shannai Belton überlegt, lächelt und schaut verschmitzt an die Decke. Dann muss sie lachen: „Wie heißt das noch mal richtig?“, fragt sie ihre Gastmutter Anja Pries. Auch Freundin Finja Pries muss ein Lächeln unterdrücken. Das Wort „Organisation“ hat es ihr angetan. Die „nisation“ geht ihr nur holprig über die Lippen. Seit drei Monaten wohnt Shannai jetzt bei ihrer Gastfamilie in Nordstemmen. Deutsch lernen die Kinder in Australien wie hierzulande Englisch. „Wir haben die Wahl zwischen Deutsch und Japanisch“, erklärt Shannai flüssig und mit einem reizenden Akzent. Es scheint, als würde sie niemals aufhören, zu lächeln, wenn sie die Sprache ihrer Gastfamilie spricht. „Das ist manchmal richtig ansteckend, diese gute Laune“, sagt Freundin Finja, „geradezu inspirierend.“ Beide haben sich bei bekannten Austausch-Organisationen beworben. Finja beim Verein GDANSA, der „Gesellschaft für Deutsch-Australischen/Neuseeländischen Schüleraustausch“, und Shannai bei SAGSE, dem „Scholarships for Australian-German Student Exchange“.

Austausch

Beide Institutionen wählen ihre Schüler in einem strengen Verfahren mit Sprach- und Eignungstests aus und finanzieren die Reise anschließend über ein Stipendium. Finja und Shannai haben bestanden.

Finjas Reise nach Australien ist für den Sommer geplant. Auch sie wird drei Monate im Gastland verbringen, allerdings bei einer anderen Familie. Für Shannai ist es bereits der zweite Aufenthalt in Deutschland. Erstmals war sie vor zwei Jahren im Land von „Bratwurst, Lederhose und Bier“, so ein bekanntes Vorurteil. „Damals war ich in Süddeutschland“, sagt die Australierin. Bestätigt hätten sich die Klischees allerdings nicht. „Die Deutschen sind sehr freundlich und sprechen überraschend gut Englisch“, ist ihre eigentliche Erkenntnis. Auch ein Grund, warum sie inzwischen offen zugibt: „Ich habe mich in Deutschland verliebt.“ Und das, obwohl ihr viele Dinge in Zentraleuropa vollkommen suspekt sind. „Das Wetter ist viel zu kalt. In Australien sind 40 Grad zu dieser Jahreszeit ganz normal“, schwärmt sie. Weil sich der Kontinent auf der Südhalbkugel der Erde befindet, ist derzeit Sommer statt Winter. Aber auch im Winter gehen die Temperaturen selten in den einstelligen Bereich. Auch wenn sie ihrer Freundin Finja in die Schule nach Himmelsthür folgt, wundert sie sich über vieles: „Gerade im Englischunterricht frage ich mich oft, was ist das?“ Zwar gehen ihr Grammatik und Vokabeln normalerweise wie selbstverständlich von der Hand. Geht es aber darum, die richtige Zeitform zu zitieren oder zu konjugieren, versteht sie nur noch Bahnhof. „Erst, wenn ich das Ergebnis sehe, verstehe ich, was gemeint war.“ Überraschend auch: „Ich bin verwundert, wie viel im Alltag geflucht wird.“ Wörter wie „Scheiße“ oder „Mist“ gehen dem Deutschen viel leichter über die Lippen als dem Australier. „In der Schule bekommen wir sofort Ärger. In Deutschland flucht sogar der Lehrer“, amüsiert sich Shannai über den lockeren Umgang miteinander. Gleiches gilt auch für das TV-Programm. Während in Australien nackte Haut und Gewalt zensiert werden, sei im deutschen Fernsehen weitaus mehr zu sehen.

Feuerwerk

Und obwohl sie Weihnachten fern der Heimat verbracht hat, vermisst sie nichts. „Ich bin ja nur drei Monate in Deutschland. Ich sehe meine Familie noch lange genug.“ Und was sie dann zu erzählen hat, wird ihr bestimmt niemand glauben: Das sie auf einem Weihnachtsmarkt gewesen ist, während ihre Angehörigen zum Weihnachtsfest am Strand den Grill anwerfen. Oder, dass sie zu Silvester ein echtes Feuerwerk anzünden durfte, während das in Australien absolut verboten ist. „Ich hab gar nicht mehr aufgehört, Knaller anzuzünden.“ Überhaupt sei die Feier-Kultur in Deutschland eine ganz andere. „Party-Löwe ist so ein Wort, das kennen wir gar nicht. Es ist mein Lieblingswort“, schwärmt Shannai.

Oder aber, dass in Deutschland die Spinnen viel kleiner und gar nicht giftig sind. Eine wichtige Information, die sie auch ihrer Gastfreundin Finja mit auf den Weg gibt. Als wäre diese jetzt nicht schon aufgeregt genug, wenn es im Juni endlich in einen Flieger geht, der 20 Stunden später australischen Boden berührt.

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