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Im „Schutz“ der eigenen vier Wände

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Gleichstellungsbeauftragte Sevda Evcil und Kathrin Schlünsen machen sich gegen Gewalt stark. Foto: Vogelbein
Gleichstellungsbeauftragte Sevda Evcil und Kathrin Schlünsen machen sich gegen Gewalt stark. Foto: Vogelbein

NORDSTEMMEN „Wie läufts?“, frage ich. „Ganz gut“, sagt Sevda Evcil. Seit fünf Jahren verteilt die Gleichstellungsbeauftragte in der Gemeinde einfache Tüten mit doppelter Botschaft: „Keine Gewalt gegen Frauen. Und wenn doch: Hier sind Telefonnummern.“ „Ganz gut“ ist vor allem die Unterstützung durch die Nordstemmer Geschäfte. Denn neben Brot und Hustensaft kommt eines ganz klar nicht in die Tüte: Gewalt gegen Frauen. Nicht nur als Mann bin ich erschüttert, dass es die gibt. Aber froh, dass Menschen sich kümmern.

Sevda Evcil sitzt mir gegenüber. Mir fallen nicht viele Fragen ein. Das Thema ist schwierig. Ich bin ein Mann, und Männer sind es, die ihre Frauen schlagen, sie terrorisieren, sie unter Druck setzen. Ich bin wohlbehütet aufgewachsen. Was weiß ich denn schon? Sevda Evcil erklärt es mir: Die Gleichstellungsbeauftragte hat im Frauenhaus gearbeitet. Dort mit Frauen gesprochen, die von ihren Männern geschlagen wurden. Sie hat ihnen geholfen, wieder im Leben Fuß zu fassen. Und anderen Männern wieder Vertrauen zu schenken. Es sind Frauen, die vor der Gewalt flüchten und alles hinter sich lassen. Viele von ihnen, sagt Evcil, haben es jahrelang ertragen. Aus Angst, alles zu verlieren: Das Haus, das Leben, den Garten oder das Porzellan. „Gerade ältere Frauen haben ihr Leben über Jahrzehnte aufgebaut“, berichtet die Hildesheimerin. Werte, an denen sie festhalten; Themen, über die sie sprechen: Garten, Geschirr, Möbel. Sie ertragen die Schikane. Die Schläge, Tritte, bösen Worte. Doch irgendwann ist Schluss. Aber wohin?

Die Scham ist groß, erklärt mir Sevda Evcil. Niemand redet gerne darüber, dass das familiäre Paradies eigentlich die Hölle ist. Niemand gibt zu, sich der Gewalt beugen zu müssen. Und doch gibt es Wege. Einfache, wie sie mir zeigt.

Am 25. November war der internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen. Seit fünf Jahren verteilt Sevda Evcil zu diesem Anlass kleine Einkaufstüten in Nordstemmen. Darauf zu sehen ist ein klares Bekenntnis gegen Gewalt in vielen verschiedenen Sprachen und eine Karte mit Telefonnummern. Nummern von Frauenhäusern, Vereinen, Ärzten und Hilfsorganisationen. Und von der Polizei. Wer dort anruft, wird anonym behandelt. Keine Namen. Keine Adresse. Keine Fragen. Nur Hilfe.

Geschäftsleute wie Kathrin Schlünsen von der Ratsapotheke in Nordstemmen packen die auffälligen Tüten den Kunden dann mit ein. „Nicht nur dem Macho und der Hausfrau“, sagt Schlünsen. Nach zwei Tagen sind alle 200 Tüten weg. 1 500 werden in der gesamten Gemeinde verteilt. Der Weg zu dieser großen Zahl war lang, aber nicht schwierig, versichert mir Sevda Evcil. Hinter den Tresen der Geschäfte sprach sie die dort arbeitenden Frauen direkt an: Bäckereifachverkäuferinnen, Wurstfachverkäuferin, Einzelhandelskauffrauen. „Es sind immer Frauen hinter den Tresen. Ist das nicht bemerkenswert?“, fragt sie mich. Das ist es. Am Ende muss aber der Chef entscheiden. Der Chef – der ist fast immer männlich, „unterstützt die Aktion aber trotzdem gerne“. Das freut nicht nur Sevda Evcil, sondern auch die Frauen hinter dem Tresen. „Sie sind stolz darauf, ihren Beitrag leisten zu können.“ Denn sie haben tagtäglich Kontakt mit Menschen jedes Alters, jeder Herkunft und jedes „Standes“. Das ist gerade auf dem Land wichtig, versichert die Gleichstellungsbeauftragte.

Da ist die Gewalt zwar nicht unbedingt weiter ausgebreitet. Im idyllischen Eigenheim spielt sie sich aber eher im Verborgenen ab, im „Schutz“ der eigenen vier Wände. Aber wem gehören die eigentlich, wenn es passiert? Wer darf, wer muss bleiben und erdulden, wenn tatsächlich Gewalt ausbricht? „Gewaltschutzgesetz“, ruft mir Sevda Evcil eindringlich zu. „Das ist wichtig. Schreiben sie das“, fordert sie mich geradezu auf, es nicht zu vergessen. Mache ich nicht. Denn da heißt es unter § 2 zum Beispiel: „Hat die verletzte Person zum Zeitpunkt einer Tat [...] mit dem Täter einen auf Dauer angelegten gemeinsamen Haushalt geführt, so kann sie von diesem verlangen, ihr die gemeinsam genutzte Wohnung zur alleinigen Benutzung zu überlassen.“ Evcil kennt jedoch zwei wesentliche Probleme dieser Regelung. Erstens: Die meisten Frauen wissen das nicht. Zweitens: Die Frauen werden selten selber aktiv.

Ein Teufelskreis, stelle ich fest. Sevda Evcil nickt. In ihrem Bemühen, dass sie im Namen des Landkreises umsetzt, geht es darum, zwei Dinge zu erreichen. Die Frauen sollen informiert werden. Darüber, welche Rechte sie haben. Darüber, an wen sie sich wenden können. Und darüber, dass sie nicht allein sind. Im Kern gehe es aber darum, die Frauen stark zu machen. Ihnen zu zeigen, dass sie die Kraft dazu haben, sich der Gewalt zu entziehen. Zu sagen: „Du musst das nicht erdulden.“ Ich schäme mich für Männer, die die Liebe einer Frau ausnutzen, um ihr wieder und wieder körperliche Gewalt anzutun. Die das „behütete“ Eigenheim dazu nutzen, im kleinen Mikrokosmos Herrschaft über einen anderen auszuleben. Ich habe großen Respekt vor Frauen, die sich wehren, sich stark machen und Anzeige erstatten. Ich bin stolz auf Menschen wie Sevda Evcil oder Kathrin Schlünsen, die helfen, die „schützenden“ Wände aufzubrechen.

Wer sofort Hilfe benötigt, erreicht das Hilfetelefon bei Gewalt gegen Frauen unter der Telefonnummer 0800/116016 oder das Frauenhaus Hildesheim unter der Rufnummer 05121/15544.

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