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Abtrittanbieter und Fischbeinreißer

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NORDSTEMMEN Heiter, humorvoll und lehrreich zugleich haben Michaela Vieser und Irmela Schautz die Welt untergegangener Berufe in die Gegenwart zurückgeholt. Auf Einladung des Kultur- und Heimatvereins Nordstemmen waren die Berliner Autorinnen an den Fuß des Marienbergs gekommen, um von Abtrittanbietern, Kaffeeriechern, Fischbeinreißern und den heute sprichwörtlich gewordenen Quacksalbern zu erzählen.

Ein kleiner Kreis Interessierter folgte den kulturhistorischen Exkursen des sympathischen Autoren-Duos, das sich mit akribischem Spürsinn in Romanen, Bibliotheken und Archiven deutschlandweit auf die Suche nach heute in unserem Kulturkreis ausgestorbenen Quellen des Broterwerbs gemacht hat. „Zeitweise hatten wir mehr als zehn Bibliotheksausweise in der Tasche“, blickte Irmela Schautz auf die intensive Zeit der Recherche zurück. Recherchiert haben die beiden Freundinnen, die sich vor etwa fünfzehn Jahren in Tokio kennengelernt haben, gemeinsam. Dann war Arbeitsteilung angesagt. Arbeitsteilung Michaela Vieser, die Japanologie und japanische Kunstgeschichte studiert hat, verfasste die Texte. Irmela Schautz, die Malerei, Graphik, Bühnen- und Kostümbild studiert hat, begann in Collage-Technik mit den Illustrationen. „Als Hintergrund habe ich versucht, Dokumente aus der aktiven Zeit des Berufes zu finden“, beschrieb sie das Vorgehen mit Buntstift, Schere und Chirurgenskalpell. Dann seien die Figuren mit berufstypischer Kleidung und Accessoires dazu gekommen. „Die Illustrationen sollen die Stimmung des Berufes zeigen“, erklärte Irmela Schautz, und Michaela Vieser ergänzte: „In Japan gibt es traditionell eine enge Verbindung von Text und Bild. Diese Verbindung gibt es auch in unserem Buch.“ So kann sich das gemeinsame Werk in einem doppelten Sinn sehen lassen. Das bunte Potpourri von Geschichten und Illustrationen aus dem originellen, bereits ins Tschechische und Koreanische übersetzte Buch bereitete dem Publikum auch beim Zuhören reichlich Vergnügen. Manch einer erkannte die Kunstgriffe des Rosstäuschers, von denen Michaela Vieser und Irmela Schautz mit sichtlichem Spaß berichteten, in den Praktiken dubioser Autoverkäufer wieder. War die Tätigkeit auch beim Lumpensammler – den Beruf gab es noch bis Mitte der 1930er Jahre – aus der Berufsbezeichnung ableitbar, sah das im Fall von Fischbeinreißern oder Kaffeeriechern schon erheblich schwieriger aus. Erstere, so erfuhren die Zuhörer, versorgten die modebewussten Europäer mit den Barten des Wales. Als eines der elastischsten natürlichen Materialien kam das begehrte Fischbein in Schnabelschuhen oder Reifröcken zum Einsatz. Eine weitaus kürzere Tradition hatte der Beruf der Kaffeeriecher. „Verhasst wie nur wenige“ wachten diese Schnüffler acht Jahre lang darüber, dass in den preußischen Stuben nur rechtmäßig besteuerter Kaffee getrunken wurde. Denn dank einer stattlichen Luxussteuer auf die begehrten Bohnen, die nur geröstet köstlich dufteten, blühte der Schmuggel. Um diesem Einhalt zu gebieten, zogen bald 400 Veteranen des Siebenjährigen Krieges als Kaffeeriecher durch die Straßen Berlins. Weniger angenehm waren die Gerüche, mit denen es die Abtrittanbieter zu tun hatten. Ausgestattet mit langem Mantel und Eimern half dieser mobile Toilettendienst, „in der Öffentlichkeit das zu tun, was heute privat verrichtet wird“. oel

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