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„Große Gnade, wie süß der Klang…“

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Das Publikum ist vom Sommerkonzert begeistert. Fotos: Jäger
Das Publikum ist vom Sommerkonzert begeistert. Fotos: Jäger

BURGSTEMMEN Wenn bei einem Konzert am Eingang keine Eintrittskarten verlangt werden, sondern stattdessen jeder Besucher einen kleinen Kuchen überreicht bekommt, ist das schon eine Überraschung. Die Begründung für diese feine Geste wurde von Heike Gesemann, der Vorsitzenden des Vereins Dorfkultur, in ihrer Begrüßung gegeben: Auf den Tag genau vor fünf Jahren wurde der Verein gegründet.

Und nicht nur das, denn gleichzeitig war dies nur der Auftakt für ein vorzügliches musikalisches Zwölf-Gänge-Menü, das in der St. Joseph- Kirche zu Poppenburg im Rahmen eines Sommerkonzertes kredenzt wurde. „À la carte“ bezeichnet in der Gastronomie eine individuelle Zusammenstellung der Speisen aus einer Speisekarte ohne vorgegebene Menüfolge. Auf dem Poppenburger Burgberg wurde indes „Musik à la carte“ serviert, also sorgfältig ausgewählte Stücke unterschiedlichster Stilrichtungen und Epochen aus der Welt der Musik in bunter Reihenfolge. Für die Zusammenstellung und Präsentation der „Menükarte“ zeichneten die aus der Region bekannte Iveta Weide (Orgel und Piano) und Violinistin Natalija Grigorovica-Skarbinika verantwortlich. Beide kennen sich aus ihrer Studienzeit an der Musikakademie in Lettland und musizieren seitdem häufig gemeinsam zu unterschiedlichen Anlässen. Die beiden „Sterneköche“ Heike Gesemann und Raoul Ewler führten angenehm locker durch den Abend und versäumten dabei nicht, ganz nebenbei zu jedem Musikstück stets eine passende, landestypische kulinarische Spezialität vorzustellen.

Als Aperitiv wurde von Weide auf der Orgel das populärste Werk des Nürnberger Barockkomponisten Johann Pachelbel, der „Canon in D-Dur“ dargeboten, der mit seiner einfachen, Ruhe ausstrahlenden Harmonik zu begeistern wusste. Aus der gleichen Epoche stammte Antonio Vivaldis „Sonate D-Dur“, danach folgte eine Kostprobe aus der Spätromantik. Mit der sentimentalen „Méditation“ aus der Oper Thaïs des französischen Komponisten Jule Massenet präsentierte das Duo eine ergreifende Melodie, die ihren Bekanntheitsgrad insbesondere dem Umstand verdankt, dass sie von nahezu jedem großen Geiger im Laufe seiner Karriere zum Besten gegeben wurde. Dieses gilt gleichermaßen auch für Vittorio Montis feurigen „Czárdás“, bei dessen furiosen, mitreißenden Läufen auf der Violine – von Grigorovica-Skarbinika auswendig mit erstaunlicher Präzision vorgetragen – man am liebsten aufgestanden wäre und mitgetanzt hätte. Durchsetzt war die Menükarte immer wieder von Filmmusik. So durfte das Publikum das emotional packende, Leid und Leidenschaft widerspiegelnde, Violin-Thema aus „Schindlers Liste“ genießen und kurz darauf in die verträumt nostalgische „fabelhafte Welt der Amelie“ eintauchen.

Synkopische Rhythmen

Anschließend wurde der Atlantik überquert und man widmete sich im Hauptgang mit zwei Werken des argentinischen Komponisten Astor Piazzolla der Heimat von „Steaks und Tango“. Synkopische Rhythmen, Staccati und eine melancholische Stimmung füllten den historischen Kirchenraum beim Abschiedsgruß an Piazollas Vater („Adios Nonino“) und seinem wohl bekanntesten Tango- Stück „Libertango“, bei dem das Publikum klatschend die Musikerinnen unterstützen durfte. „Ausschlaggebend für die gesamte Bewertung eines Dinners ist das Dessert, denn es setzt die meisten Glückshormone frei“, so das Moderatorenduo. Musikalisch war dieses Dessert eine Improvisation über Wasserthemen, bei der Filmmusiken aus „Titanic“ und „Fluch der Karibik“ eingewoben waren. Als Digestiv wurde schließlich Claus-Erhard Heinrichs „Amazing Grace“ präsentiert, nachdem von Gesemann die schöne Übersetzung dieses englischsprachigen Liedes („Große Gnade, wie süß der Klang…“) vorgelesen wurde. Ungewöhnliche Rhythmen und Klänge wurden der aus dem Jahr 1858 stammenden Furtwängler-Orgel von Weide bei der Zugabe entlockt, als groovige Sambarhythmen durch die kleine Kirche waberten. Musikalisch gesättigt von diesem erstklassigen Menü war nach dem Konzert dann auch für das leibliche Wohl gesorgt: bei kleinen Leckereien und Wein konnte in gemütlicher Atmosphäre bei milden spätsommerlichen Temperaturen unter freiem Himmel mit den Musikerinnen und den Veranstaltern über die vielen eindrucksvollen Momente dieses Konzertes „à la carte“ geplaudert werden. Denn hierüber waren sich alle Besucher einig: Dieser Abend war etwas für echte Gourmets.

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