„Talk up Platt“ im Nordstemmer Mehrgenerationenhaus: Deutsches Sprachgut erhalten / „Fluchen macht einfach mehr Spaß“

„Dann wussten wir: Du musst artig sein“

Lesen und Sprechen, manchmal ist auch ein „platter Witz“ dabei (v.r.): Karlfried Blinde, Ingrid Tolle, Kornelia Netenjakob und Karl Münter treffen sich regelmäßig und lassen das alte Sprachgut aufleben. Foto: Vogelbein

NORDSTEMMEN Man bekommt glatt Sehnsucht nach ländlicher Ruhe und weiten Feldern voller Grün, wenn von irgendwo her jene Abwandlung der deutschen Sprache erklingt, die vor wenigen Jahren noch kurz davor stand, auszusterben. Um dem auch heute noch entgegenzuwirken, treffen sich in Nordstemmen regelmäßig Menschen im Komm-Mehrgenerationenhaus zum „Talk up Platt“. An solchen Abenden wird (fast) nur Plattdeutsch gesprochen.

Es ist wohl mehr als bloß ein Klischee, dass diese Abwandlung des Hochdeutschen vornehmlich von älteren Menschen gesprochen wird. Auch in Nordstemmen trifft sich die Generation 50 Plus. Beispiele aus Oldenburg und anderen Städten in Niedersachsen und Schleswig-Holstein beweisen aber, dass die Sprache noch lange nicht tot ist. Dort werden inzwischen an Grundschulen und Kindergärten Sprachkurse angeboten. Und doch gibt es Menschen, die in ihrer Kindheit nichts anderes gesprochen haben als Platt. „Man merkt den Einfluss vieler verschiedener Sprachen, auch das Englische hat sich viel vom Plattdeutschen abgeschaut“, erklärt Kornelia Netenjakob, Vorsitzende des Komm-Nachbarschaftsvereins, die diesen Abend seit etwa fünf Jahren organisiert. „Ich selbst verstehe die Sprache ganz gut, nur mit dem Sprechen habe ich so meine Probleme“, berichtet Netenjakob von ihrem Vater, der selbst noch viel Plattdeutsch gesprochen habe. In Nordstemmen wurde an diesem Abend das Hildesheimer Platt gesprochen: „Sie gehen zehn Kilometer in eine Richtung und schon klingt das Platt wieder anders“, erklärt Karlfried Blinde, einer der Besucher. Gemeinsam sei jedoch, dass die Sprechenden über den „spitzen Stein“ gehen, also statt das zischende „Sch“ ein einfaches „S“ sprechen. „Hat man die Sprache einmal gehört, dann läuft es ganz gut“, macht Blinde auch Anfängern Mut, einmal im Komm beim Plattdeutschen Abend „vorbeizuhören“.

Dann lesen sie Geschichten auf Plattdeutsch oder erzählen sich plattdeutsche Anekdoten. So zum Beispiel, wie das Leben mit der Sprache ablief. „Plattdeutsch klingt weniger vulgär“, erklärt Karl Münter. Fluchen und Ärgern mache auf platt deutlich mehr Spaß. „Wenn unsere Oma früher anfing auf Platt zu sprechen, dann wussten wir: Du musst artig sein“, berichtet Blinde. Man wusste stets, dass etwas im Argen lag oder jemand Dampf ablassen wollte.

Dass das Plattdeutsche bisweilen vom Aussterben bedroht war, sehen sie als Konsequenz einer hochdeutschen Offensive: „In der Schule hieß es dann plötzlich, dass nur noch Hochdeutsch gesprochen werden darf“, erzählt Münter, „damit hatten viele ein Problem“. Ein gutes Plattdeutsch erkenne man übrigens daran, ob es flüssig ausgesprochen wird. „Wenn jemand die Sprache richtig drin hat und schnell spricht, verstehen sogar wir nichts mehr“, gibt Blinde mit einem Lächeln zu.

Derweil ließt Karl Münter eine bäuerliche Geschichte auf Plattdeutsch vor, Kornelia Netenjakob und Ingrid Tolle lauschen gespannt, Karlfried Blinde lockert immer mal wieder mit einem kleinen Witz die Runde rauf. Zu lesen gibt es genug: Der Tisch ist voll mit Schriften auf Platt- und Hochdeutsch. Sogar eine Ausgabe von Asterix und Obelix auf Platt ist dabei, aber auch ein Wörterbuch. Zum Ende des Abends versprechen sie, sich am Sonntag, 21. Juli, wiederzusehen. „Dann vielleicht sogar mit Kaffee und Kuchen“, sagt Netenjakob.

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