Rund 16.000 Landkreisbewohner können nicht richtig lesen

Sprache leicht gemacht

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Gregor Dutz referiert in der Kreisvolkshochschule Northeim über die Hintergründe von mangelnden Lese- und Schreibfähig­keiten.

Landkreis Northeim – Rund 12,1 Prozent der Erwachsenen Deutschen können nicht richtig lesen und schreiben. Für den Landkreis Northeim bedeutet dies, dass rund 16.000 seiner Bewohner betroffen sind.

„Ich war erschüttert über diese Zahlen“, erklärt Landrätin Astrid-Klinkert Kittel bei der Ausstellungseröffnung zu dem Thema „Lesen & Schreiben – mein Schlüssel zur Welt“, die seit Montag in der Northeimer Kreisvolkshochschule zu besuchen ist. Sie soll auf das Thema aufmerksam machen und informieren, wie Betroffenen geholfen werden kann und vor allem: wie sie sich selbst helfen können. Denn das Thema ist bis heute ein großes Tabu. Betroffene wollen meist nicht zugeben, dass sie Schwierigkeiten mit dem haben, was allgemein als Grundbildung gilt. Dabei gibt es viele verschiedene Gründe, die dazu führen können, durch das Bildungssystem zu rutschen. „Wir sprechen hier von mehreren verschiedenen Stufen. Nicht jeder, der von uns erfasst wurde, kann überhaupt nicht lesen“, erklärt Gregor Dutz, einer der Autoren der Leo 2018 Studie, die aktuelle Zahlen zu Lese- und Schreibschwächen erfasst hat. Dabei müsse unterschieden werden zwischen denen, die Schwierigkeiten haben einzelne Buchstaben zu lesen, Stufe Alpha 1, und denen, die beim Schreiben von Sätzen Probleme haben, Stufe Alpha 3. Von den drei Gruppen kombiniert liegt der Gesamtanteil der Bevölkerung bei 12,1 Prozent. Obwohl seit der letzten Erfassung 2010 damit der Anteil in der Bevölkerung um 2,4 Prozent gesunken ist, überrascht der Wert dennoch. Besonders hoch liege der Anteil der schlecht Alphabetisierten bei den Männern (58,4 Prozent). Aufgrund der Altersstruktur in Deutschland sei auch der absolute Anteil an älteren Menschen mit Leseproblemen größer. Prozentual gesehen seien diese Unterschiede auch erkennbar, aber näher beieinander als die reellen Zahlen. Einer der Faktoren könne dabei, so Dutz, die Änderung im Schulsystem sein. Heute gehen Menschen im Schnitt länger zur Schule als noch vor 30 oder 50 Jahren. Das allein könne aber die Zahlen nicht erklären. Hier seien viele Faktoren am Werk. Weiterhin habe die Studie Erkenntnisse darüber gewonnen, welche Faktoren in der Gesellschaft die Lesefähigkeit positiv und negativ beeinflussen. Nachteilig für die Lesekompetenz wirke sich somit ein höherer Anteil von nicht deutschen Muttersprachlern aus. Diese seien mit rund 47 Prozent auch recht stark in der Statistik vertreten. Jedoch sind sie im Gegenzug dazu in ihrer jeweiligen Muttersprache zu rund 78 Prozent des Lesens und Schreibens mächtig. Zu einer Steigerung des Lesevermögens führe im Gegensatz dazu jedoch die seit 2010 von 66 auf 76 Prozent gestiegene Erwerbsquote. „Wer arbeitet hat vermutlich auch mehr mit Schrift und zu tun und muss sie aktiv anwenden“, erläutert Dutz dazu. Bürgermeister Simon Hartmann hofft in Zusammen­arbeit mit allen Bürgern die Situation zu verbessern. „Die Lese- und Rechtschreibkompetenz reicht für diese Menschen für eine Teilhabe an der Gesellschaft, wie wir sie für selbstverständlich halten, nicht aus“, gibt Hartmann zu bedenken. Ihnen müsse eine Teilhabe ohne Ausgrenzung und Scham ermöglicht werden. „Die Homepage der Stadt Northeim hat schon eine Vorlesefunktion“, erklärt Hartmann dazu. Er ist sich sicher, dass die Verpflichtung zu einer solchen Funktion ohnehin gekommen wäre. „Da konnten wir auch mit gutem Beispiel vorangehen.“ Ein weiterer Faktor, um auch komplexere Themen allen zugänglich zu machen, ist die Leichte Sprache, die immer mehr Einzug in die Verwaltungsgebäude hält. Monika Nölting, Vorsitzende des Beirates für Menschen mit Behinderungen des Landkreises und der Stadt Northeim, gab hierzu verdeutlichende Beispiele. Schachtelsätze mit Fremdworten und kompliziertem Satzbau werden einfach strukturiert und verkürzt. So ist es leichter sie zu verstehen. Dabei sei die Leichte Sprache für alle Bevölkerungsgruppen geeignet. Sowohl ältere, als auch jüngere Menschen, solche mit und ohne Migrationshintergrund, mit und ohne Beeinträchtigungen können von ihr profitieren. Wer sich weiter für das Thema interessiert kann sich noch bis zum 27. Juli in der Northeimer Kreisvolkshochschule bei der aktuellen Ausstellung informieren. (sth)

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