Wer hat Angst vorm „bösen“ Wolf?

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Der Vorsitzende der Jägerschaft Northeim Ralf-Günter Rahnert (links) moderiert die Gesprächsrunde zum Thema Wolf mit den Experten (anschließend von links): Miriam Staudte, Jochen Rehse, Matthias Vogelsang, Helmut Dammann-Tamke und Raoul Reding.

LANDKREIS NORTHEIM (rgy) - „Wer hat Angst vom ,bösen’ Wolf?“ lautete der Titel einer Podiumsdiskussion, zu der die Jägerschaft Northeim am Mittwoch in die Stadthalle eingeladen hatte. Wie sehr das Thema die Menschen in der Region bewegt, wurde deutlich, da mehr als 500 Zuhörer den Aussagen der fünf Experten auf dem Podium gespannt folgten. Moderiert wurde die Veranstaltung vom Vorsitzenden der Jägerschaft Ralf-Günter Rahnert, der viele aktuelle Fragen und auch Sorgen rund um die Wolfspopulationen in Deutschland zur Sprache brachte.

Allein die Besetzung des Podiums ließ erwarten, dass hier keinesfalls mit einer Stimme gesprochen werden würde. Gleich zu Beginn der Diskussion bemängelte Matthias Vogelsang, Leiter des Wolfsprojekts im Wisentgehege Springe, den Titel der Veranstaltung. Er sei es leid, dass immer wieder das Bild des bösen Wolfes heraufbeschworen würde. „Ich bin hier, um Lügen umzudrehen und kann die Vorverurteilungen nicht mehr hören“, betonte er und berichtete im Laufe des Abends immer wieder von anderen Ländern wie Rumänien und Norwegen, wo die Menschen eine gute Form der Koexistenz mit dem Wolf gefunden hätten. Ebenfalls auf dem Podium saßen Miriam Staudte (MdL, Die Grünen), Jochen Rehse (Sprecher der Weidetierhalter Nordost-Niedersachsen), Helmut Damman-Tamke (MdL, CDU und Präsident der Jägerschaft Niedersachsen) sowie Raoul Reding (Wolfsbeauftragter der Landesjägerschaft Niedersachsen). Der Wolf ist seit der Jahrtausendwende wieder in Deutschland heimisch, berichtet Reding. Er breitete sich von Sachsen und Brandenburg aus und ist inzwischen auch in Niedersachsen längst angekommen. „Die Wolfspopulation wächst. Der Wolf ist ein sehr anpassungsfähiges Tier, das ein sehr hohes Reproduktionspotenzial hat“, führt der Wolfsexperte aus. 2011/12 gab es in Niedersachsen das erste Wolfsvorkommen inzwischen gibt es 14 Rudel, zwei Paare und weitere einzelne Tiere. Auch im Solling wird man vermutlich bald mit einer größeren Population rechnen müssen, da dort ein Paar gesichtet wurde und für das Frühjahr Welpen zu erwarten seien, führt Rahnert an. „Niedersachsen ist ein Wolfsland“, erklärt auch Staudte, man müsse damit rechnen, ihnen auch begegnen zu können. Insbesondere Jungtiere seien neugierig und würden nicht zwingend weglaufen. Ganz konfliktfrei würde sich das Zusammenleben mit den Wölfen sicherlich nicht gestalten, auch mit Blick auf die Weidetierhalter. Staudte appellierte daran, dass gerade auch Hobbyhalter zukünftig beim Bau von Schutzzäunen unterstützt werden müssten. Rehse betonte, dass es im Landkreis Uelzen kaum einen Schafhalter gibt, der noch keine Risse hatte, das setze den Haltern meist sehr zu. „Man hat immer Angst um die Tiere“, betont er und wies darauf hin, dass die Wölfe sehr lernfähig sind. Es gäbe durchaus Tiere, die auch über einen Zaun von 1,40 Meter den Weg ins Gatter fänden. Problematisch sei oft auch den Untergrabungsschutz einzurichten, wenn der Zaun zum Beispiel vor einem Wald aufgebaut wird. Doch nicht nur Schafe und Ziegen stehen auf der Speisekarte des Wolfes, auch Rinder und Damwild gehören dazu. Rehse berichtet, dass Rinder nach einem nächtlichen Besuch von Wölfen, oft so verstört seien, dass sie sich nicht mehr vom Menschen handeln ließen. Auch Damwild sei so verstört, dass sie unter anderem die Kälber absetzen würden, so seine Erfahrungen. „Der wirtschaftliche Schaden ist schon so groß, das machen die Hobby-Weidetierhalter nicht lange mit, dabei sind die Tiere oft für die Landschaftspflege unerlässlich“, gibt er zu bedenken, betont aber sogleich: „Wir wollen den Wolf nicht ausrotten.“ Damman-Tamke drängt zum Handeln in der Wolfsfrage, da muss politisch einiges auf den Weg gebracht werden, fordert er, denn es ginge um die Akzeptanz des Wolfes. „Er sei eine Bereicherung in der Artenvielfalt in Deutschland und faszinierend“, dennoch müsse der Wolf so konditioniert werden, dass er ein scheues Wildtier bleibt. „Wenn nicht, wird der Wolf dem Wildschwein nach Berlin auf den Alexanderplatz folgen.“ Einig waren sich die Diskussionsteilnehmer, dass man gegen so genannte Problemwölfe vorgehen müsse. Über die Art des Vorgehens herrschte jedoch Uneinigkeit und reichte von der letalen Entnahme (Abschuss) bis zur Unterbringung in speziellen Gehegen, wo sie wieder sozialisiert würden. Ähnliche Auffassung gab es auch bei den Hybriden, also einer Mischung aus Wolf und Hund. Hier herrschte Einvernehmen, dass alles daran gesetzt werden müsse, dass diese Tiere sich nicht weiter vermehren könnten, denn sonst würde das reine Wolfsblut verschwemmt werden. Zum Schluss der Herbstjagdversammlung brach Rahnert noch eine Lanze für die Jäger, „es gibt keinen bösen Jäger, der einfach die Wölfe abschießt, wie manchmal behauptet wird“. Seit 2003 sind in Niedersachsen 24 Wölfe tot aufgefunden worden, davon seien 16 von Fahrzeugen wie Autos und Zügen überfahren worden, vier seien eines natürlichen Todes gestorben und einer letal entnommen worden. Nur drei seien illegal abgeschossen worden.

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