Förderschulen im Landkreis Northeim kämpfen für ihren Erhalt

Weil es funktioniert

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Förderschullehrer, -schüler und -elternvertreter sind sich einig: Die Förderschulen des Landkreises sollten erhalten bleiben und es lohnt sich, um sie zu kämpfen.

Landkreis Northeim – Dem Namen „Förderschule“ hängt schon lange ein schlechter Ruf an. Dabei erfüllen sie heute mit kleineren Klassen und Lehrkräften, die Zeit haben, sich intensiver um Schüler zu kümmern, einige der Kernforderungen, an denen reguläre Schulen oft scheitern.

Am Mittwoch haben sich Lehrer sowie Schüler- und Elternvertreter der Förderschulen des Landkreises Northeim, der Erich Kästner-Schule Northeim (EKS), der Osterbergschule Bad Gandersheim (OBG) und der Albert-Schweitzer-Schule Uslar (ASS), zu einem runden Tisch mit dem Thema „Was passiert in den Förderschulen“ getroffen, um sich auszutauschen und ihre Arbeit zu präsentieren. Die Grundstimmung ist dabei klar: Die Förderschulen sollen erhalten bleiben und Eltern mehr über diesen Schulweg erfahren. „Wir haben nicht nur eingeladen, um zu sagen, dass wir noch da sind“, erklärt EKS-Schulleiter Joachim Brinkmann. Ebenso solle erklärt werden, welche Vorteile die Förderschule gegenüber inklusiven Schulen bieten könnten. Dabei wolle niemand bei dem runden Tisch den regulären Schulweg schlecht machen. Für manche Schüler sei die Regelschule jedoch einfach nicht geeignet. „Wir brauchen die Förderschulen mehr denn je“, erklärt Ulrike Schellenberg, Elternvertreterin der ASS. Wichtig sei es deshalb von dem Makel, der bei dem Namen mitschwingt, wegzukommen. Wichtiger sei es auf das jeweilige Kind und seine Bedürfnisse zu achten. „Dass es Spaß an der Schule hat und etwas lernt, ist wichtiger als das Prestige eines anderen Namens.“ Diese Einschätzung bestätigen auch die Schülersprecher der ASS Mahmoud Elzahran und Anna-Lena Schulte. „Die Lehrer hatten keine Zeit für mich. Ich wurde gemobbt“, erklärt Elzahran. Erst als seine Eltern herausfanden, wie ungern er zur Schule ging, wurde über einen Wechsel zur Förderschule nach­gedacht. „In den kleinen Klassen haben die Lehrer viel mehr Zeit für uns“, findet auch Schulte. Die geringe Schülerzahl ermög­liche auch einfacher klassenübergreifende Ausflüge zu unter­nehmen, wie ASS-Schulleiter Bernhard Spiess berichtet. Eltern müssten wissen, was die Förderschulen zu bieten haben und dann von ihrem Schulwahlrecht Gebrauch machen.

„Das will man nicht hören, dein Kind muss in die Förderschule“, berichtet Schul­elternratsvorsitzende Anja Kirleis. Letztendlich sei es jedoch der richtige Weg gewesen. Die Schüler seien nicht einfach faul oder unwillig zu lernen. Für viele gebe es auch einen gesundheitlichen Hintergrund. „Jedes Kind hat ein Recht auf eine angenehme Schulzeit“, findet sie. Und für einige reichen die zeitlich begrenzten Möglichkeiten, die inklusive Schulen bieten, nicht aus. Mit weniger Druck in gemütlicher Atmosphäre zu lernen, könne einigen Schülern so ermöglichen, einen Schulabschluss zu erreichen, während sie sonst möglicherweise durch das Raster fallen. „Bei mir blockiert bei Druck alles“, schildert Lea- Michelle Schönbrunn, Schülervertreterin der OBG. Dort könne bei Bedarf auch der Psychomotorikraum genutzt werden, um sich aus­zuschütteln oder kurz Energie los zu werden, wenn die Konzentration nachlässt. „Hauptsächlich ist das für die jüngeren Schüler gedacht“, erklärt Marvin-Lukas Mlodzinski, der dort ebenfalls Schülersprecher ist. Aber ältere Mitschüler könnten diese Möglichkeit ebenfalls nutzen. Dadurch, dass viele Lehrer, gerade in jüngeren Klassenstufen, mehrere Fächer in einer Klasse unterrichten, würde den Schülern auch mehr Struktur geboten. Bei Bedarf könne so auch mal Mathe statt Deutsch gemacht werden. „Dabei fällt natürlich kein Unterricht aus“, fügt die kommissarische Schulleiterin Heidrun Kahle hinzu. Aber so könne auf die Bedürfnisse der Schüler besser eingegangen werden. Fehlende Information

Einen weiteren Grund, wieso sich relativ wenig Eltern dafür entscheiden, ihre Kinder auf eine Förderschule zu schicken, sehen die Elternvertreter auch in der vorherigen Beratung des Landkreises. „Die Förderschule wurde uns gar nicht als Option vor­gestellt“, erklärt Elternvertreter Mario Lambrecht von der EKS. Nach der Sprachunter­suchung im Kindergarten wurde bei seinem Kind klar, dass Förderbedarf bestand. Vier Stunden Logopädie pro Woche wären an der inklusiven Schule möglich gewesen. Erst bei einem Termin mit der Logopädin sei er darauf aufmerksam gemacht worden, dass sich mit der EKS eine Förderschule mit dem Schwerpunkt Sprache direkt vor Ort befindet. „In der Eltern-Info-Broschüre wurden wir auch vergessen“, bestätigt Brinkmann diesen Eindruck. Erst mit einem Einleger wurden die Förderschulen als viertem Schulzweig dem Infoheft, das Eltern über das deutsche Schulsystem informieren sollte, hinzugefügt (HALLO berichtete). „Mein Sohn war zum Schnuppern in der Grundschule. Danach hat er gesagt, dass es ihm zu voll war“, erklärt Elternvertreterin der EKS Anja Vollrath. Er habe Probleme mit der Konzentration und bei 30 Kindern in einem Klassenraum hätte er deshalb einen besonderen Sitzplatz benötigt. „Da fängt die Stigmatisierung schon an“, führt sie weiter aus. Ein anderer Lehrplan, eine ständige Begleitung – da seien Spott und Häme vorauszusehen. „Unsere Kinder wollen die Schule schaffen und danach einen Beruf ausüben wie alle anderen auch“, erläutert EKS-Elternvertreter Andreas Klostermeier. Für seinen Sohn habe es nur zu Frust geführt auf der Regelschule andere Aufgaben als seine Mitschüler zu bekommen. Der Frust führte dann dazu, dass er im Unterricht abgeschaltet hat. „Kinder müssen gerne zur Schule gehen, dann lernen sie auch gerne.“ (sth)

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