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Diesmal für das „Gräberfeld Zweiter Weltkrieg“

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Auf dem St.-Georgsfriedhof wird die neue Tafel eingeweiht.
Auf dem St.-Georgsfriedhof wird die neue Tafel eingeweiht. © Manfred Kielhorn

Bad Gandersheim – Eine Geschichts- und Erinnerungstafel ist jetzt auf dem St.-Georgsfriedhof am Gräberfeld der hier ruhenden 66 Kriegstoten des Zweiten Weltkrieges im Rahmen einer kleinen Feierstunde der Öffentlichkeit übergeben worden. Es ist nach der Ende September 2020 ebenfalls am St.-Georgsfriedhof errichteten Info-Tafel an den Soldatengräbern des Ersten Weltkrieges bereits das zweite Schüler*innen-Projekt des Roswitha-Gymnasiums in Zusammenarbeit mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V., das mit Unterstützung der Evangelischen Kirche und der Stadt Bad Gandersheim entstanden ist. Die Tafel liefert eine inhaltlich ausgesprochen gelungene Erklärung zu den örtlichen Kriegsgräbern aus dem Zweiten Weltkrieg. 

Coronabedingt konnte die Einweihung diesmal nur in „kleinem Kreis“ und damit weitgehend ohne interessierte Gäste stattfinden. Nicht dabei sein konnten wegen der Pandemie-Vorgaben – und das wurde von allen bedauert – auch die projektbeteiligten Schülerinnen und Schüler des Roswitha-Gymnasiums, für die der begleitende Fachlehrer Stefan Winzinger einen Schriftsatz als Beitrag für die Einweihung verlas. Ihnen wurde in Abwesenheit für ihre wertvolle Arbeit gedankt; nachträglich soll es darüber hinaus ein persönliches Dankeschön geben. Anlässlich der öffentlichen Einweihung sprachen Landrätin Astrid Klinkert-Kittel als Kreisvorsitzende des Volksbundes, Bürgermeisterin Franziska Schwarz, Volksbund-Bezirksbildungsreferent Dr. Rainer Bendick aus Braunschweig sowie Schulleiter Kilian Müller vom Roswitha-Gymnasium. Alle lobten das positive Zusammenwirken der Institutionen im Hinblick auf den informellen Gehalt sowie der aktiven Friedensarbeit. Diese sei besonders für die junge Generation von großer Bedeutung und entwickele sich aus der intensiven Beschäftigung mit einer leidvollen Epoche sowie deren Auswirkungen, in diesem Fall der Zeit zwischen 1939 und 1945. 

Es ist nun nachlesbar, dass der jüngste hier bestattete Soldat erst 16 Jahre alt war. Und wir kennen fortan auch das Schicksal des ersten, hier bestatteten Kriegstoten aus Bad Gandersheim: Willi Holbe. Er starb mit 21 Jahren – nicht an Kriegsverletzungen, sondern infolge der unsensiblen Haltung seiner Vorgesetzten. Während einer Geländeübung klagte Willi Holbe über Bauchschmerzen. Ihm wurde aber keine Pause gegönnt, bis er zusammenbrach. Im Lazarett diagnostizierten die Ärzte eine Bauchfellentzündung infolge eines durchgebrochenen Blinddarms. Auf der Tafel wird auch eine Frau präsentiert, die den Krieg überlebte – aber dennoch an seinen Folgen zerbrach: Martha Hölling. Sie leitete ein Kinderheim, das 1941 zu einem Lazarett umfunktioniert wurde. Frau Hölling stand dem NS-Regime kritisch gegenüber. Als sie eine defätistische Äußerung fallen ließ, wurde sie von einem der Soldaten denunziert, den sie pflegte. Martha Hölling wurde zu eineinhalb Jahren Gefängnis verurteilt – das Urteil schien den Nationalsozialisten in Bad Gandersheim zu milde. Kreisleiter Meyer intervenierte beim Reichsjustizminister. So wurde Martha Hölling nach Ende der Haftzeit nicht entlassen, sondern im Dezember 1944 nach Berlin-Moabit überstellt. 

Der Volksgerichtshof bereitete einen neuen Prozess vor. Nur einem Bombenangriff, der einen Teil der Akten im Volksgerichtshof vernichtete, dem Chaos der letzten Kriegstage in Berlin und ihrem schlechten Gesundheitszustand verdankte Martha Hölling am 10. März 1945 die Entlassung aus der Haftanstalt Moabit und ihre Rückkehr nach Bad Gandersheim. Nach 1945 erhielt sie eine kleine Opferrente. Die Haft hatte ihre Gesundheit so beeinträchtigt, dass sie erwerbsunfähig war. Ihr Kindererholungsheim war zerstört. Vergebens kämpfte sie um eine Entschädigung. Martha Hölling starb mittellos am 28. Oktober 1956. Ihr Grab auf dem Salzbergfriedhof ist inzwischen eingeebnet. Die Gräber der Soldaten, die sie pflegte, haben ewiges Ruherecht. Die neue Geschichts- und Erinnerungstafel wurde gefördert aus Mitteln der Kultur- und Denkmalstiftung des Landkreises Northeim. sbg

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