Vortrag zu "Frauen als flexible Verschiebemasse"

Strukturell benachteiligt

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Jutta Schmitz (links) vom Institut für Arbeit und Qualifikation berichtet nach der Begrüßung von Uljana Klein im Northeimer Kreishaus über politische Fehlanreize und notwendige Reformen bei der Frauenerwerbstätigkeit.

Northeim – Frauen erhalten im Schnitt 21 Prozent weniger Gehalt als Männer. Anlässlich des Weltfrauentags lud Tina Heistermann, Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Northeim, Jutta Schmitz vom Institut Arbeit und Qualifikation ein, um die Hintergründe zu beleuchten.

„Jedes Jahr begehen wir den Weltfrauentag aufs Neue und jedes Jahr ist es auch notwendig“, erklärt Schmitz zu Beginn ihres Vortrages. Auch wenn schon einiges erreicht sei, gebe es noch viel zu tun, denn die Lage für Frauen auf dem Arbeitsmarkt weiterhin schwierig. Die Gründe dafür seien vielfältig. Frauen treten häufig kürzer, was ihre Arbeitszeit angeht. Oft sind sie es, die die Pflege von alten oder kranken Familienmitgliedern übernehmen oder bleiben zur Betreuung und Erziehung der Kinder zuhause. Im Schnitt verbringen Frauen pro Tag 87 Minuten mehr mit unbezahlter Pflegearbeit – Zeit, die letztendlich auch bei der Rentenvorsorge auf der Strecke bleibt. Dabei handele es sich aber nicht nur um eine persönliche Wahl der Betroffenen, denn für die klassische Aufteilung, dass nach der Geburt eines Kindes der Mann weiterhin Vollzeit arbeitet und die Frau eine Auszeit nimmt oder in Teilzeit wechselt gibt es auch finanzielle Anreize. Mit dem Ehegattensplitting und der Steuerfreigrenze von 450 Euro ist es für viele Paare finanziell vorteilhaft, wenn einer der Partner nicht oder nur sehr wenig verdient. Hinzu komme gesellschaftlicher Druck. Häufig werde man, gerade von anderen Frauen, als Rabenmutter betrachtet, wenn man sein Kind nach nur einem Jahr oder gar einem halben zur Betreuung gebe, um selbst wieder arbeiten zu können, wie eine der Frauen im Publikum berichtet. „Das Frauen in die Arbeit hinein und wieder heraus geschoben werden ist aber nicht neu“, hebt Schmitz hervor. Bereits während und nach dem zweiten Weltkrieg war dieses Phänomen in Deutschland zu beobachten. Mit dem Fehlen der Männer übernahmen Frauen deren Rolle in Fabriken und sonstigen Betrieben. Nach der Rückkehr der Männer aus Krieg und Gefangenschaft wurden Frauen wieder in traditionelle Rollen gedrängt. Ein weiteres Problem, mit dem Frauen auf dem Arbeitsmarkt, auch in Rentenfragen, zu kämpfen haben, ist der Gender Pay Gap. Klassische Frauenberufe, die sich der Erziehung und Pflege widmen, werden im Schnitt deutlich schlechter bezahlt als klassisch männliche Berufe. So summieren sich die verschiedenen Faktoren auf einen durchschnittlichen Gehaltsunterschied von 21 Prozent – bei gleichen Berufen verdienen Männer aber auch noch gut fünf Prozent mehr als Frauen. „Man sieht also, dass es den Arbeitsverhältnissen von Frauen an Quantität und Qualität fehlt“, fasst Schmitz die Problematik zusammen. Weiter benach­teiligt seien häufig auch Frauen, in selteneren Fällen sind es Männer, bei einer Trennung. „Wenn ein Partner sein ganzes Leben lang gut verdient und man sich ebenso lange auch gut versteht, dann kann das Ehegattensplitting von Vorteil sein“, erläutert Schmitz. Bei einer Scheidung oder dem früh­zeitigen Todesfall des Partners droht wegen einer mangel­haften Rente Altersarmut. „Die Frage ist: Was können wir gemeinsam tun?“, fragt Schmitz und präsentiert einige Extrem­beispiele. Neben der Abschaffung von Minijobs, dem Ehegattensplitting und der Steuerklasse 5, schlägt sie auch vor, dass eine stetige Versicherungspflicht in der gesetzlichen Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung helfen könnte. Würde sich ein Paar für die klassische Aufteilung entscheiden, so müsste der Mann während des Verdienstausfalls für die Frau weiterhin die entsprechenden Beträge zahlen. So könne einer drohenden Altersarmut zumindest zum Teil vorgebeugt werden. Wichtig für die Vision der gleichen Verwirklichungschancen für die Geschlechter sei zum einen, dass eine eigenständige wirtschaftliche Sicherung besteht, wofür unter anderem eine bessere Kinderbetreuung benötigt wird. Zum anderen müsse auch die bestehende innerfamiliäre Pflege gerechter aufgeteilt werden und die betriebliche Gleichstellung verbessert werden. Immens wichtig sei dafür auch die Beteiligung von Männern an einem Wandlungsprozess, um die Chancen von Frauen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern. „Es ist schwer mit einer Quote von 30 Prozent ein politisches Frauenthema durchzusetzen“, berichtet Frauke Heiligenstadt (MdL) mit einem Beitrag aus dem Publikum von ihrer Arbeit im Landtag. (sth)

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