Jahresbilanz des Frauenhauses: 722 Fälle häuslicher Gewalt in Stadt und Landkreis

Schwere Schicksale hinter nüchternen Zahlen

Sorgfältig studieren Kerstin Bötjer und Selma Fuchs (von links) vom Frauenhaus ihren Jahresbericht. Fast zehn Prozent mehr Frauen als im Vorjahr suchten Zuflucht im Frauenhaus. Foto: Rischmüller

KREIS „Unsere Arbeit wird immer komplexer, Frauenhäuser sind stetig im Wandel, denn veränderte Bedarfe erfordern auch Anpassungen der Angebote und Strukturen“, fasst Selma Fuchs vom Hildesheimer Frauenhaus und der Beratungsstelle für Frauen, Bahnhofsallee 25, die Arbeit des vergangenen Jahres zusammen. Hinter nüchternen Zahlen verbergen sich Erfahrungen mit Gewalt, Leben mit Angst, verlorenem Selbstbewusstsein und leider auch immer wieder mit dem Rückfall in alte Muster und Gewaltbeziehungen.

Trotz staatlicher Maßnahmen und eindeutiger Rechtslage mussten in den vergangenen zwölf Monaten 569 bei Beratungsgespräche der Frauenberatungsstelle geführt werden, 79 Frauen und 67 Kinder fanden im Frauenhaus Zuflucht. Auch die Beratungs- und Interventionsstelle bei häuslicher Gewalt (BISS), eine Institution, die 2006 landesweit eingerichtet wurde und von der Polizei Protokolle über deren Einsätze bei häuslicher Gewalt erhält, vermeldet einen Anstieg der Fälle. So wurden Kerstin Bötjer 2014 722 Fälle häuslicher Gewalt in Stadt und Landkreis Hildesheim bekannt, allein 665 hiervon durch die Polizei. Insgesamt konnten fast alle der betroffenen Frauen durch das Beratungsangebot erreicht werden. Häufig reichte in ihrer Beratungsstelle schon ein Gespräch, um die individuellen und rechtlichen Schutzmöglichkeiten vor weiterer Gewalt auszuarbeiten. Zwar finden die Vielzahl der genannten Gewaltdelikte innerhalb der Partnerschaft statt, doch auch solche zwischen Eltern und dem erwachsenem Kind sind laut Bötjer erwähnenswert. Die Hildesheimer Zahlen des Frauenhauses folgen einem traurigen Trend. Um fast zehn Prozent stiegen die Aufnahmezahlen und sind Ausdruck dafür, dass auch zukünftig Aufklärung und Information eine zentrale Rolle im Kampf gegen häusliche Gewalt einnehmen müssen. Beklagenswert ist in diesem Zusammenhang jedoch der Abbau vieler Angebote in Städten, Kommunen oder auch Kirchen und sonstigen sozialen Institutionen aus betriebswirtschaftlichen Aspekten. Hier zeigt sich Fuchs jedoch zufrieden, denn Landkreis und Stadt Hildesheim würdigten die Arbeit des Vereins und wüssten um die Wichtigkeit der Arbeit. Dies zeige sich allein dadurch, dass es Verträge über die zu erwartenden Finanzmittel mit einer dreijährigen Laufzeit gebe. Bei Planungen der Mitarbeiterinnen wurden hierdurch mehr Gestaltungsspielräume geschaffen. Die Hildesheimerinnen nutzten viele Möglichkeiten, um die Öffentlichkeit für die Thematik zu sensibilisieren: Das Projekt „Weitblick“, bei dem Frauen auf Fotos eindeutig Stellung zur Gewalt gegen Frauen bezogen, die regelmäßig stattfindende Frauengruppe „Gemeinsam sind wir stark“, eine Stabilisierungsgruppe für junge Mädchen, die das Frauenhaus mit ihren Müttern wieder verlassen konnten, aber auch Gewaltpräventionsangebote für Schulen wurden durchgeführt. Gerade auch junge Leute mit dem Thema zu konfrontieren, erscheint sinnvoll, denn viele der später hilfesuchenden Frauen sind zwischen 25 und 35 Jahre alt. Ihre Kinder, die schon allein durch die „Beobachterrolle“ vergleichbare Traumata davontragen, als würde die Gewalt gegen sie selbst ausgeübt, befanden sich bisher häufig noch im Kindergartenalter. Das bringe weitere Probleme mit sich, so Fuchs. Denn während gewalttätige Väter im Gewaltschutzgesetz als Täter gesehen und ihnen ein Kontakt- und Näherungsverbot ausgesprochen wird, können sie im Umgangsgerichtsverfahren ihr Umgangsrecht mit den Kindern erfolgreich einfordern. „So wichtig der Vater für das Kind ist, aber ein gewalttätiger Vater ist für den Stabilisierungsprozess der Frauen und Kinder ein massives Problem“, so Fuchs. Der erzwungene Kontakt führt nach ihrer Erfahrung zu Rückschritten auf dem Weg auf ein gewaltfreies Leben. Dieser sei ohnehin für Frauen viel schwerer als vor einigen Jahren, denn vermehrt treten neben der Gewaltsymptomatik weitere Problemfelder wie Schulden, psychische Probleme oder auch schwache Familienstrukturen auf. Etwa ein Drittel der Frauen schafft den Einstieg in ein neues Leben, etwa 40 Prozent der Frauen jedoch werden wiederholt Opfer und verharren in der Gewaltbeziehung. Respektanz der Grenzen des Partners, Vertrauen und ein Miteinander auf Augenhöhe seien gute Anfänge in ein glückliches Leben zu zweit.

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